Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 124 vo lk-stülnlich en die kosmische genannt: ihr erscheint die Natur nicht bloß als Staffage zum Menschenleben, sondern als s elb ständig es „Werk göttlicher Schöpfung und Ordnung, das um seiner selbst willen Beachtung fordert." Gleich der 1. Schöpfungsbericht (Gen. cap. 1) bietet uns hiefür ein Beispiel. Dazu gehört auch eine Reihe von Hymnen des Psalters Meren (Psalm 8, 19, 29) und jüngeren Datums (Psalm 104, 148). Den glänzenden Höhepunkt der kosmischen Dichtung der Bibel bildet aber das Buch Hiob. Hier handelt es sich um Objekte für sich betrachteten Näturlebens, nicht um Spiegelungen des Menschenlebens. Der kosmische Zug besteht darin, daß alles Kleinliche und Vergängliche verschmäht und zu den Himmelssphären der Weg gebahnt wird. Große Stücke im Innern des Buches und in den vor dem Schluß eingeschalteten Elihureden (Kap. 36, 37) gehören hieher; besonders aber find die berühmten Schlußreden Gottes (Kap. 38—41) hierher zu zählen. In diesen Stücken zeigt sich die Besonderheit der kosmischen Naturanschauung, die nicht so sehr in der Parallelverknüpfung des Naturgeschehens mit den Menschengeschicken liegt, als vielmehr in dem Selb st wert, der dem kosmischen Leben — abgesehen vom Menschenleben — zukommt. Wie ein Atom verschwindet und zerstiebt der Mensch — in den Schlußreden des Buches Hiob — hinter der unermeßlichen Größe und zermalmenden Wucht der Gotteswerke in der Natur. Ehe ein Mensch war, so wird ihm eindringlich zugerufen, haben die strahlenden Gestirne den Schöpfer mit Jubelhymnen umringt, waren auch schon die brandenden Meereswogen in den Zwang ihrer Felsentore eingedämmt. Gott läßt regnen .auch über die Wüste, wo kein Mensch wohnt, und frischen Graswuchs aufsprossen in der einsamen Wildnis. (Kap. 38, 6f. 26 f.) — Der Dichter verrät in diesen Kapiteln so beachtenswerte meteorologische, geologische und astronomische Kenntnisse, daß seine mit individueller Anschaulichkeit beschriebenen Naturvorgänge die Aufmerksamkeit bibelkundiger Naturforscher (Humboldt, Ritter, Schneller) auf sich gelenkt haben. Er schildert das goldig-glänzende Gewölk, in welchem der Nordhimmel erstrahlt, wenn das Gewitter verzogen ist (37, 22.), er beobachtet die Formbildung und Auflösung (36, 27.) der Dünste bei verschiedener Windrichtung (37, 21.), ihr Farbenspiel (26, 13., 37, 15.), die Entstehung des Hagels (37, 11.) („Auch mit Hagel belastet er die Wolken,- läßt ihn ausgießen sein lichtes Gewölk".) und des rollenden Donners (37, 4 ff.), er weiß von Senkungen und Hebungen der Land- und Gebirgsmassen (38, 8), die auch von der wissenschaftlichen Erdkunde angenommen werden, er kennt ferner (nach Schiaparelli, der w oder mit Aldebaran identifiziert) den Aldebaran im Stier, jenen rötlichen Stern erster Größe mit den ihn umgebenden Hyaden, ebenso die beiden Erscheinungen der Venus als Abend- und Morgenstern und jene Gruppe von hellen Sternen (jen ■“nrt), die um die Zeit der Abfassung des Buches (750 a. Ehr.) in Palästina am äußersten Südhimmel gestanden haben und heute als die Sternbilder Argo, Kreuz und Centaur bezeichnet werden. Die Stelle lautet nach der neuesten Uebersetzung von Bäthgen: (Kap. 38, V. 31—38): Kannst Du die Bänder der Plejaden knüpfen? Kannst Du Orions schwere Fesseln lüpfen? Führst Du den Tierkreis auf zu rechten Zeiten? Willst Du den Bar samt feinen Jungen leiten? Kennst die Gesetze Du am Himmelszelt? Zwingst unter seine Herrschaft Du die Welt? Reicht in die Wolken Deiner Stimme Schall, Daß Dich bedecke ihrer Wasser Schwall? Befiehlst den Blitzen Du: „Geht aus von mir!" Hörst Du sie sagen: „Wir sind wieder hier!?" Rr. 7 Wer legte Weisheit in die Wolkenwand? Und wer verlieh dem Luftgebild Verstand? Wer zählt die Wolken ab . mit weisem Sinn? Wer stürzt des Himmels Krüge hin, Wenn Staub zum schlammigen Guß zusammenfließt, Und fest an Scholle sich die Scholle schließt'? In allen modernen Sprachen, in welche das Buch Hiob übertragen worden ist, lassen (nach Humboldt's Ausspruch) seine prachtvollen Naturbilder: des Orients einen tiefen Eindruck zurück. „Der Herr wandelt auf den Höhen des Meeres, auf dem Rücken der vom Sturm aufgetürmten Wellen". (9, 8.) Wir erblicken den Wolkenhimmel (Aether), der in der Schwüle des Südwindes fest wie ein gegossener Spiegel über die dürstende Wüstesich wölbt. (37, 17, 18.) Die Morgenröte umfaßt der Erde Säume und gestaltet den von Wolken und Nebel verhüllten Erdball, wie der formlose, eine verschwommene Masse bildende Ton buntgestaltiges L^ben erhält, sobald das Siegel (mit seinen mancherlei Darstellungen) auf ihm abgedrückt wird. (38, 13. 14.) —? Unter hen kühnen Bildern, die eine von einem lebhaften Naturgefühl unterstützte Phantasie geschaffen, wollen wir nur noch eines hervorheben, welches schon Herder mit größter Bewunderung erfüllt hat. Es ist die bekannte Stelle vom Meere (38, 8. 9.), welches „aus dem Mutterschoß hervorbrach, als ihm Gott Gewölk zum Gewände und Nebel zu Windeln gab." Das gewaltige Element (Meer) wird hier zum Kinde und „der Schöpfer der Welt bedeckt es mit Windeln, es bricht aus den Klüften der Erde, wie aus dem Mutterleib, Gott redet es als einen stolzen Erdbezwinger an, und das Meer schweigt und gehorcht." — Ein mystischer Hauch umweht uns da; es ist der Mysticismus des Dichters, der im Tal und guf der Felsspitze, im strömenden Regen und im perlenden Tautropfen, in den Farben der Wellen und des Himmels eine elementare Allmacht spürt, die sich ihm mühelos in Millionen Aspekten als göttliche Urkraft, offenbart. — Von der leblosen Natur schweift das Auge zur belebten, die da frei und ungebändigt sich herumtreibt und doch nicht verkommt, wenn auch der Mensch sich ihrer nicht annimmt. Ein Größerer, Gott nämlich, der sie schuf, in sie die Triebe der Zeugung, der Raubgier und des Kampfmutes legte, kennt ihre Art und sorgt für ihre Not. Mit hoher Meisterschaft schildert nun der Dichter die Lebensgewohnheiten und das Triebleben der Tiere, des Waldesels und Schlachtrösses, des Adlers und des Straußen, des Nilpferdes und des Krokodils, wobei seine außergewöhnlich kühne Phantasie zur Geltung kommt. Diese prächtigen Schilderungen haben jedoch nur den Zweck, dem Hiob die Majestät des Herrn und seine eigene Ohnmacht zum Bewußtsein zu bringen. Auf den noch immer in kühnem Trotze verharrenden Kämpfer stürmen nun mit vernichtendem Spotte gigantische Fragen ein: „Wer hat das Alles gemacht? Wer ordnete so trefflich dies All? Wie darf der Mensch sich anmaßen, Gottes Werke meistern zu wollen?" Ueberwältigt von der Wucht der Fragen, die alle des Weltordners Allmacht, Weisheit und Güte bekunden, antwortet Hiob: „Ja, ich bin zu gering, was soll ich erwidern, ich verstumme." (Kap. 40, 3.) — Aber noch demutsvoller muß er sich Gott ergeben. Deshalb läßt der Dichter noch eine grandiose Schilderung der beiden Wundertiere Aegyptens folgen. (40, 15.—41, 26.) Wenn er schon diesen gegenüber ohnmächtig ist, wie darf er sich gegen ihren Schöpfer auflehnen? Da fällt's dem.v Hiob wie Schuppen von den Augen, daß er sich zu viel angemaßt und daß menschliche Weisheit den Wegen Gottes überhaupt nicht zu folgen vermag. Voll Bewunderung für die unfaßbare Macht und Weisheit Got^ tes bekennt er, daß er im Unverstand geredet. „Darum widerrufe er und tue Buße in Staub und Asche". So De. Blochs Wochenschrift.