Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 122 Dr. Blochs Wochenschrift. treten können sie mustergiltig sein für die ganze Welt. Auch die nicht zum Reiche zuständigen Iuden führen eine eigenartige EXistenz. Denn über ihnen hängt bekanntlich stets das Damoklesschwert der Ausweisung als lästige Ausländer, das so oft ohne jeden Grund auf sie niederfällt und dessen Gefahren sie in jeder Weise zu entrinnen trachten. Eie wagen es nicht einmal, einer politischen Meinung zuzuhören, die von der Staatsverwaltung mißbilligt wird, geschweige denn sie zu verkünden. Sie halten ihre Geschäftsbücher stets den Revisoren offen, welche sich bei ihnen häufiger einfinden und rigoroser sind, als bei jedem anderen. Sie schicken ihre Söhne zum Militär, ohne daran zu denken, daß diese sich durch gewisse Künste ihrem Beruf und der Bequemlichkeit erhalten sollen, wie sie in Trans elbien gang und gäbe sind. Die Polen, welche mit der Staatsverwaltung einen erbitterten Krieg führen und vom deutschen Reichsgedanken nichts wissen wollen, haben alle staatsbürgerlichen und militärischen Rechte. Die Juden, welche bekannt sind durch ihre ergebene Loyalität und bereit sind, sich für den Staat aufzuopfern, wie sie in der Geschichte so vieler Kriege und Krisen von Deutschland bewiesen haben, können nicht die Ehre erreichen, als Reserveoffiziere angenommen zu werden. Der Sohn eines christlichen Maurers, wenn er die vorgeschriebene Bildung und die Reverse hat, ja, der Sohn eines Mannes, der als Kaufmann oder Bankier für Deutschlands wirtschaftliche Größe arbeitet und seinen Sohn an drei Hochschulen studieren läßt, nicht. Das ist die Folge einer Agitation, die von schmutzigen Subjekten, von Ahlwardt und Genossen, von Bruhn und seinen Freunden betrieben wurde und wird. Der deutsche Kriegsminister soll den Unterschied betrachten zwischen den Leuten, die den Antisemitismus betreiben, und denen, die der Antisemitismus trifft. Auf der einen Seite schmutzige Geschäftspolitik und ein trübes moralisches Ende, auf der anderen die tiefste Ergebenheit für den Staat und das Streben nach größtem Ansehen. General Heeringen und seine Freunde entscheiden sich für Ahlwardt. Ahlwardt ist ihr moralischer Befehlshaber und verbietet ihnen, Juden zu Vorgesetzten zu machen. Man erlaubt antisemitische Agitation unter der Bevölkerung und fürchtet sie dann im Heere, wo man sie leicht unterdrücken könnte. Oh, nichts ist so groß als Preußendünkel auf dir Ritterlichkeit der Armee und des Adels. Eine Spur von dieser Ritterlichkeit wäre vorhanden gewesen, wenn Heeringen brutal antisemitisch gesprochen hätte. Sein Versteckenspiel und ^eine kläglichen Gründe sind nicht die eines Herrenmenschen, sie sind verächtliche Tapferkeit gegen wehrlose Menschen, gegen welche man das vom Monarchen sanktionierte Wort der Staatsgrundgesetze straflos brechen darf. Von besonderer Seite wird uns geschrieben: Der preußische .Kriegsminister und die Nichtzulassung der Juden zum Offiziersstand seit dem Jahre 1880. Wenn die Machthaber in Preußen die Juden nicht zum Offiziersstande zulassen, so kann sie leider Niemand daran hindern. Das ist eben eine Mächtfrage. Wenn sie aber ihren Machtstandpunkt durch falsche Gründe zu rechtfertigen suchen, so hat man wohl das Recht und die Pflicht, die logischen Fehler ihrer falschen Argumentationen aufzudecken. Nun, der preußische Kriegsminister hat letzthin im preußischen Abgeordnetenhaus erklärt, daß der König von Preußen ohneweiters Juden zu Offizieren befördern würde, wenn nur die Regimenter solche Beförderungsvorschläge vorlegen wollten, daß aber die Regimenter keine Juden zur Beförderung zu Offizieren Vorschlägen, und zwar aus Rücksicht auf die Gefühle der Bevölkerung. Mit anderen Worten: Nickt der König, nicht die Offiziere, sondern die Bevölkerung ist die Ursache der Nichtbeförderung der Juden zu Offizieren. Nr. 7 Der Gegenbeweis ist sehr leicht zu führen: Der Sitz des preußischen Antisemitismus ist nicht in der preußischen Bevölkerung, pudern in den Offiziers- und Hofkreisen zu suchen. Denn Jedermann ist es wohlbekannt, daß die preußische Bevölkerung tatsächlich seit mehr als hundert Jahren eine Schulbildung genießt, wie sie dem Volke in keinem anderen Staate in gleicher Vorzüglichkeit zu teil wird, nicht einmal die hochkultivierten Staaten Frankreich, Italien und Oesterreich ausgenommen. Je allgemeiner und gründlicher aber die Volksschulbildung ist, desto geringer wird die Empfindlichkeit eines Volkes gegenüber Menschen einer andere» Religion, einer anderen Rasse. Wenn nun in Oesterreich Juden zu Offizieren befördert werden, wenn in Frankreich die Zahl dsr Offiziere sogar eine verhältnismäßig große ist und in Italien ein Jude (Ottolenghi) selbst Lehrer des Königs und Kriegsminister sein konnte, so kann doch unmöglich das hochgebildete, oder richtiger gesagt, höchstgebildete Preußenvolk von einem fanatischen Judenhaß erfüllt sein! Größere Volksschulbildung und größere Abneigung gegen die Juden sind absolut unvereinbar mit einander. Die preußische Bevölkerung bringt in der Tat jüdischen Aerzten, jüdischen Advokaten, jüdischen Richtern, jüdischen Lehrern, jüdischen Kaufleuten und Fabrikanten das größte Vertrauen entgegen. Nichts berechtigt daher zum Schluffe, daß das preußische Volk gerade gegen jüdische Offiziere eine besondere Abneigung haben könnte; alles drängt vielmehr zur Schlußfolgerung, daß der preußische Kriegsminister nur den angeblichen Haß des Preußenvolkes gegen jüdische Offiziere vorgeschützt hat, um den wirklichen Haß der preußischen Offizierskreise gegen ihre jüdischen Mitbürger zu verdecken. Wer aber eine Krankheit heilen will, muß vor allem ihren Sitz kennen. Ist man sich nun klar, daß die herrschenden Offzierskreise in Preußen aus Uebermut und Rassenhaß die Juden nicht in ihre Mitte aufnehmen wollen, so muß man auch einsehen, daß dieses demütige, Jahr für Jahr sich wiederholende Betteln um gnädige Zulassung zum Offiziersdienste den übermütigen Rassenhaß der preußischen Offiziere nur noch-vergrößern muß. Um ein halbes Jahrhundert früher werden die'Juden in Preußen die Gleichstellung auch im Militärdienste erreichen, wenn sie für die nächsten Jahrzehnte ganz und gar auf den Gedanken Verzicht leisten würden, die preußische Offiziersuniform zu tragen. Denn dadurch würden sie ihre Gegner der großen Freude berauben: Die Juden fortwährend als Offiziers-Uniform-Bettler auslachen zu können. Der begüterte, jüdische Preuße, der aber durchaus Offizier werden will, kann ja in Oesterreich oder in Italien sein Glück versuchen : er bleibt dem Dreibund erhalten! Da» Kuch Hiob auf der Oberstufe der Mittelschule. Vortrag, gehalten in Wien am Verbandstag der israel. Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen, am 28. Dezember 1909, von Rabbiner Dr. L. Lazarus. (Schluß.) Es gibt indes noch andere Momente, die uns zur Benutzung des Buches in der Schule nicht nur berechtigen, sondern die geradezu die Verpflichtung zu einer sorgfältigen Lektüre desselben in einer guten Uebersetzung uns auferlegen. Mit dem Inhalte der meisten biblischen Bücher wird unsere Jugend während ihrer 7- oder 8jährigen Schulzeit allmählig vertraut gemacht. Äußer der üblichen Uebersetzung aus dem Urtert (Thora, Propheten) und dem Geschichtsunterricht trägt die bei der häuslichen und synagogalen Andacht angewandte Liturgie (Psalmen, 5 Rollen, Haft'ora) zur Erlangung dieser Kenntnisse das Ihrige bei. Auf das Buch Hiob aber hat der Lehrer keine Gelegenheit zurückzukommen, weder in der Geschichtsnoch in der Uebersetzungsstunde. Soll deshalb ein Buch, das uns die Kraft, Schönheit und Tiefe des hebräischen Geistes am deutlichsten zeigt, den jungen, ins Leben hinaustretenden Leuten ein Buch mit 7 Siegeln bleiben? Das wäre unbillig und unpraktisch, weil gerade