Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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IOK>rWW*BfcW^»f»« Seite 116 Dr. Blochs Segenreich," rief sie freudig und reichte ihm beide Hände. Er sprach lange nicht, sondern küßte ihre schlanken, weißen Hände. Und dann gingen sie. „Jetzt haben sie lange nichts von sich hören lassen," sagte Hedwig, aber es lag kein Groll in ihren Worten. „Ich hatte meinen ftampf und da war mein Leben ausgefüllt," antwortete er. Und leise setzte er hinzu: „Aber ich dachte an Sie — immer. . ." „Und doch weiß ich alles von Ihnen," sprach sie und stand einen Augenblick lächelnd vor ihm. „Ihr Stück hat in Berlin Erfolg gehabt und Sie wurden oft vor die Rampe gerufen." Dawid lächelte. „Wie genau Sie unterrichtet sind!" „O, wie freute ich mich über Ihren Erfolg. . . Am Abend der Vorstellung ließ ich in meiner Wohnung alle Lampen anzünden. Ich saß mit dem Buch in der Hand und die Uhr vor mir und malte mir alles aus. . ." „Wie gut Sie sind," sagte er ergriffen und preßte ihre Hand. „Ich werde heute wieder arbeiten können..." Eine Weile war es still. Dann erhob sie den Blick zu ihm und sprach leise: „Sehen Sie, wie die Bäume in Blüte stehen!" XI. „Ich hatt' einen Kameraden. . Eines Tages bekam Dawid einen Rohrpostbrief von Adolf, der die folgenden Zeilen enthielt: „Um Ihnen Freude zu machen, teile ich Ihnen mit, daß mir die „Gleichheit" in Berlin, auf Grund eines eingesandten Artikels - ohne daß ich auch nur mit einem Worte darauf hingewiesen hätte — den Antrag gestellt hat, ihr Korrespondent für Oesterreich zu werden. Sie werden sich erinnern, daß ich die Verttetung eines reichsdeutschen Blattes als höchstes Ziel vor Augen hatte. Wohlan, es wäre erreicht! Ich erwarte Sie morgen im Cafe. Kommen Sie aber nicht zu spät, damit mich die Lustigkeit der Kaffeehausjuden nicht erdrückt ..." Als Dawid am nächsten Abend früher als sonst ins Cafe kam, wartete Adolf schon voll Ungeduld. „Sehen Sie, daß ich Recht hatte," sagte Dawid. „Doch das ist erst der Anfang. . ." Adolf strahlte vor Freude. Er machte Pläne für die Zukunft und besprach mit Dawid seine ersten Artikel. Er wollte über österreichische Politik und über moderne Literatur schreiben. „Es ist höchste Zeit, daß die Jugend ein Wort mitspricht," meinte er. „Um die jungen Talente kümmert sich kein Mensch. Wenn einer etwas erreichen will, muß er ins Ausland gehen. So ist es bei uns überall im öffentlichen Leben. Da sind ein Paar Herren, die das Theaterrepertoire beherrschen und die jungen Künstler nicht zu Wort kommen lassen. Soll ich von der Politik reden? Die Freisinnigen taugen nichts und für die Sozialdemokraten ist die Zeit noch nicht da. Dabei ist die Regierung erzreaktionär und die Pfaffen reißen immer mehr die Macht an sich. Wir brauchen eine demokratische Partei, die den verfahrenen Karren des Staates in das richtige Geleise bringt. . . Dieses vom nationalen Hader zerfressene Oesterreich hat nur dann eine Eristenzberechtigung. wenn es als demokratisch-nationaler Bundesstaat jeder Nation volle Freiheit gewährt. . . Es ist Zeit, daß mit den Machthabern ein ernstes Wort gesprochen wird. Die Jugend steht vor den Pforten und siegen muß, was jung, voll Kraft und Selbstbewußtsein ist. . . Darum Krieg der politischen Korruption, Krieg der Literatenklique!" Das war Adolfs Programm. Es wurde Dawid ganz warm bei diesen Worten. Im Gespräch mit Adolf vergaß er alle Sorgen. . . Kurze Zeit darauf verreiste Adolf auf einige Wochen zu seinen Ellern aufs Land. Die Freunde standen in regel- Wochenschrift. *lt-6 mäßigem Briefwechsel und sie ermutigten sich gegenseitig, Adolfs Briefe waren voll Abhandlungen über Politik, Literatur und Freundschaft und Alles war Dawid wie aus dem Herzen gesprochen. „Sie werden nicht erstaunt sein, sondern mich begreifen," hieß es am Anfang des ersten Briefes, den Dawid am Tage nach Adolfs Abreise erhielt. „3dj kann Ihnen nicht sagen, wie einsam ich mich in der Mitte derer fühle, die mit mir zusammen durch natürliche Bande umschlossen ein vereintes Ganzes bilden sollten. Ich bin verwöhnt. Ihre Güte hat meine Ansprüche gesteigert, macht mich gegen andere unzufrieden. Wer könnte mir auch das bieten, was ich in Ihrer Gesellschaft immer gefunden: Ein starkes Empfinden, ein Gefühl, welches auf den Anderen überspringt und ihn durchzittert? Wir haben Uns verstanden, weil wir keine nüchternen Verstandesmenschen, sondern Empfindungswesen sind. . . Was könnte mir Ihre Gesellschaft ersetzen und wie schwer muß ich sie missen, da sie in der letzten Zeit zum Angelpunkt ward, um den sich mein ganzes Sein drehte. Sie werden also durch mein ungestümes Vordringen nicht überrascht sein. . . Ich werde für mich keine andere Zerstreuung wissen, als auf Ihre Briefe mit Freude zu harren. Die Zeit, welche dazwischen liegt, will ich mit emsigem, planmäßigem Studium ausfüllen, bis wir uns Wiedersehen können. Schreiben Sie mir Alles, was Sie anbetrifft, denn mich interessiert jedes Buch, welches Sie lesen, jeder Gedanke, der in Ihnen nach literarischer Entwicklung ringt. ..." Eine Stelle in einem anderen Briefe lautete: „. . . .Ihnen kommen Ihre Wünsche und Erwartungen nicht zur Reife, aber die Blüte ist da, und die Frucht Ihres Schaffens und Mühens wird nicht ausbleiben. Seien Sie stark! Sie werden siegen, weil Sie ehrlich gerungen haben. Beim Schaffen eines literarischen Gebäudes sollte weniger Zeit und geringere Mühe aufgewendet, werden müssen, als beim Erbauen einer gewöhnlichen Bauernhütte?" Das war ein Freund, und er sprach einem Mut zu, daß man an sich selbst zu glauben begann. Und wie Adolf über Freundschaft dachte! „Will ich mich hier in eine bessere Laune versetzen, so denke ich an Sie," schrieb er. „Sie sind mir die Verkörperung meiner Wünsche. Sie kennen mich hoffentlich, um zu wissen, daß ich neidlos bin. Ich könnte wirklich für mich selbst kein größeres Interesse haben, als für Sie." Dawid las Adolfs Briefe immer wieder und sie erfüllten ihn mit Hoffnung und Freude. Doch bald glaubte er aus seinen Worten eine leise Trauer herauszufühlen. So hieß es in einem Briefe: „. . . Ich suche vergebens mich einem Ziele zu nähern. Es ist schrecklich, empfinden zu müssen, daß die Füße vergebliche Anstrengungen machen, um vom Flecke, auf dem ich festgerannt bin, vorwärts zu kommen. . . Innerlich verzagt, sehe ich das gesteckte Ziel langsam den Blicken entschwinden. . . Vor Wien ist mir sehr bange. Ich bin ärmer, als die Plebejer, denen Cracchus den Kampf gegen das stolze Rom gepredigt. . . ." Adolf schien sich seines Weges noch nicht recht bewußt! (Fortsetzung folgt.) Literatur. Gizycki Paul von, Geradeaus. Ein Kompaß für die Fahrt durchs Leben. Herausgegeben von M. Kuttnig. Zweite Auflage. Berlin, 190S. Karl Curtius. Um einen erschöpfenden Begriff von diesem prächtigen, aufwärtsweisenden Buche zu geben, müßte man es von A bis Z abschreiben. Wie kernhafte Wahrheiten! Zum Beispiel: „Die sind ferne Patrioten und keine guten Deutschen, die sich für deutsche Flüffe, deutsche Berge, deutsche Eichen und deutschen Wein begeisternaber ihre deutschen Brüder Haffen, weil sie andere Nasen, Religionen oder