Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 109 man -diese Frage nicht richten, denn schon in der Frage selbst liegt die Zulassung der Möglichkeit dessen, daß jemand auch in seiner Regierungsstellung der konfessionellen Befangenheit einen Platz einräumt. Diese Möglichkeit darf man selbst in solcher Form nicht zugeben." Im Verlaufe des weiteren Gespräches erzählte Graf Khuen interessante Einzelheiten aus seinen Beziehungen zu Juden und zum Judentum, und sagte dann: Schwächen einzelner Personen werden verallgemeinert und dem ganzen jüdischen Stamme zugeschoben. Manche bezeichnen die Juden als Wucherer, gewissenlose Geschäftsleute u. s. w. Auf meiner Besitzung in Hedesvür existiert ein jüdischer Krämer, der schon seit 50 Jahren im Dorfe handelt. Seitdem entstand im Orte eine christliche Kramerin und eine christliche Konsumgenossenschaft, die beide dem Juden gefährliche Konkurrenz machen. Der Jude existiert aber dennoch ganz anständig. Wie wäre das anders Möglich, als durch redliche, ehrliche Arbeit? Durch halbhundertjährige Sparsamkeit und fleißige Tätigkeit sammeln diese Juden Vermögen. Dann kommt die Böswilligkeit und behauptet gleich, daß sie gewuchert haben. Als ob die fleißige Arbeit eines halben Jahrhunderts nicht das Recht hätte, Früchte zu tragen. Interessant ist die folgende Reminiszenz, die Graf Khuen aus diesem Anlasse zum Besten gab: „Ich habe zwei Söhne. Beide haben die Universität absolviert und sich durch besonderen Fleiß ausgezeichnet. Der eine wurde sub auspiciix regis promoviert und mit dem Ring des Königs beschenkt. Auch der andere bereitete sich mit großem Fleiße zu einer Prüfung vor. Zur Zeit der Sommerferien brachte er einmal, damit das Lernen angenehmer fei, einen Studenten auf unsere Besitzung mit, der sich tzur gleichen Prüfung vorbereitete und es unternommen hatte, mit meinem Sohne zusammen zu lernen. Dieser fleißige Student war ein einfacher jüdischer Jüngling, der Sohn des Tyrnauer Rabbiners. Bei der ersten Gelegenheit, als wir uns zu Tisch setzten, schob der Jüngling die Speisen von sich weg und wollte nicht essen. Als man ihn nach der Ursache fragte, sagte er offen, daß seine religiösen Grundsätze ihm nur den Genuß jüdisch rituell zubereiteter Kost gestatten. Mir hat dieses Beispiel von Prinzipientreue und Charakterfestigkeit sehr gefallen. Ich selbst ging zum jüdischen Gastwirte des Dorfes, mit dem ich mich über die Lieferung der jüdischen Kost für den jüdischen Studenten einigte. Aus der Lebensgeschichte der Rabbinerfamilie mit ihren 13 Kindern ersah ich, wie wichtig der frühzeitige Kamps ums Leben für die Entwicklung der Energie und der geistigen Fähigkeiten ist. Darin liegt auch die Lösung für manche Erscheinung im Leben der Juden, die vielen ein Rätsel ist und von vielen böswillig mißdeutet wird. Der Verein Frauenhort, Israelitischer Wohltätigkeitsverein im 9. Bezirk (Müllnergaffe 21). versendet soeben seinen Jahresbericht. Dieser Verein hat bekanntlich im Berichtsjahr sein Kaiser Franz Iosefs-Arbeiterinnen-ErholungsheiminSeebenstein-Sautern an der Aspangbahn eröffnet, und wir haben wiederholt in unserm Blatt auf die großen Erfolge hingewiesen, welche das Heim hei den 77 Schützlingen hatte, welche durch vier Wochen in reizender .Gebirgsgegend bei guter Aufsicht und streng ritueller Verpflegung völlig unentgeltlich untergebracht waren, während im kommenden Sommer schon 120 Mädchen Aufnahme finden werden. Daß trotzdem der Frauenhort bei der Ausführung des segensreichen Gedankens seiner früheren Schriftführerin, unserer geschätzten Mitarbeiterin, der Frau Rosa Feigenbaum in Paris, keine Einschränkung in seiner Tätigkeit eintreten ließ, beweist der Bericht, nach welchem nahezu 53,000 Kronen für die verschiedenen Wohltätigkeitszwecke des Vereines in Anspruch genommen wurden. Der Verein hat getreu seiner bisher in 17 Jahren bewährten Traditionen armen Greisinnen, Wöchnerinnen, Kurbedürfligen und der Bekleidung armer Schulkinder <260 im Berichtsjahre) seine Aufmerksamkeit zugewendet, und 886 jüdischen Familien ebenso diskrete als rasche Hilfe gebracht, dabei wurde jedes Gesuch von einer .Vorstandsdame durch persönliche Recherchen aufs genauste geprüft. Obgleich dem Frauenhort . durch Errichtung von Gedenkblättern <500 Kronen) Seelenlichtstiftungen <200 Kr.) Spenden in den Bethäusern zu den Feiertagen, Bettstiftungen für das Heim <1000 Kr.) namhafte Spenden zuflossen, hat er trotzdem einen harten Eristenzkampf zu bestehen und muß oft blutenden Herzens Gesuche zurückweisen, die er mangels der Mittel nicht berücksichtigen kann. Wir wünschen sehnlichst, daß die alten Gönner, die bei jedem traurigen oder freudigen Anlaß des Frauenhortes gedenken, ihm fernerhin beistehen. seine unentbehrlich gewordene Tätigkeit zu entfalten, und daß sich immer neue Förderer und Freunde finden mögen. Besonders wünschen wir auch, daß in der Heranwachsenden weiblichen Jugend dieser gute Geist walte und sie helfe, durch Spenden beim Frauenhort das Los ihrer armen, von allen Sorgen bedrückten Glaubensgenossinnen zu erleichtern, indem sie sich sowohl für das Heim als für die ausgezeichnete Kinderbekleidung betätige. Rur durch vereintes Wirken der besitzenden Klassen ist es möglich, die zahlreichen Agenden des Vereines zu pflegen und fortzuführen, kann der Frauenhort seine edle Mission im Interesse unserer armen Glaubensgenossen auch fernerhin ausüben. Die unermüdlichen Frauen aber, die an der Spitze des Frauenhort wirken, bitten wir, in ihrer aufopferungsvollen Tätigkeit nicht zu ermüden. Das Bewußtsein, so vielen bedürftigen Familien Trost und Hilfe zu bringen, wird sie für alle Mühsal reichlich entschädigen. Die Anerkennung und Förderung der weitesten Kreise möge ihnen ihr schwerstes Amt erleichtern helfen. Im Vorstand des Frauenhorts fungieren die Damen Rosa Zifferer als Präsidentin, Regine Kopslein und Johanna Fröhlich als Vizepräsidentinnen. Klotilde Benedikt und Käte Reif als Schriftführerinnen, Regine Bettelheim und Anna Hirsch als Kassiererinnen, Emilie Quittner als Kontrollorin. Vorsteherinnen sind die Damen Cäcilie Bunzl, Philippine Dalmbert-Bauer, Sophie Deutsch, Martha Fröschels, Therese Geisenheims r. Philippine Gelbhaus, Helene Glogau. Ida Hitler, Leonore Kohn, Paula Landau, Emma Pappenheim, Jeanette Schefftel, Antonie Schn epp. Julia Stiaßny, Martha Stiaßny, Risa Thalberg. Wien. Dienstag, den 1. d. M.. fand im Sitzungssaals der israelitischen Kultusgemeinde, 18. Bezirk, Schopenhauerstraße 39, die diesjährige Generalversammlung des israelitischen Frauenvereines im 18. Bezirk <Währing) statt, welche von zahlreichen Mitgliedern besucht war: von den Beiräten wohnten derselben bei: Se. Ehrwürden Herr Dr. Feuchtwang, Herr Dr. Jg. Winter und Kultusvorsteher Herr Emanuel Hoffmann, letzterer gleichzeitig als Delegierter des Kultusvorstandes. Die Präsidentin. Frau Ottilie Hofmann, eröffnet die Generalversammlung, begrüßt die Anwesenden und übergibt hierauf den Vorsitz an den Beirat Herrn Dr. Winter. Derselbe gedenkt zunächst des Ablebens des um den Verein hochverdienten Ehrenmitgliedes Herrn Dr. Julius Hecht, schildert hierauf in beredten Worten die aufopferungsvolle Tätigkeit der Vorstandsdamen, die er in zahlreichen Sitzungen durch eigene Anschauung kennen gelernt, und berichtet, daß im abgelaufenen Jahre 237 Arme unterstützt und 42 Kinder vollständig mit warmen Winterkleidern beteilt worden: er dankt den Damen, sowie