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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Dr. Blochs Wochenschrift. Die herausfordernde Sprache, mit der Hiob Gott vor Gericht zu stellen sich vermaß-, gab zu der sprichwörtlichen Redensart Anlatz: „Staub auf den Mund Hiobs" (swn n'ntb snsy Baba bathra 15 a), was so viel heißt wie: „Halte dein Schandmaul!" — Noch im Mittelalter hat dieses das gigantische Ringen eines Riesengeistes verkörpernde Werk Erstaunen, ja Entsetzen hervorgerufen, man wagte es damals nicht, es zu übersetzen, und Renan findet es noch am Ende des 19. Jahrhunderts sehr verwunderlich, datz es „in die Reihe der heiligen Bücher ausgenommen wurde". (Geschichte Israels III., p. 82.) Und dennoch wäre es töricht, d ie Eristenzberechtigung dieser erhabensten Dichtung im Religionsunterricht leugnen Zu wollen. Wohl sind die Reden Hiobs voll von Anklagen gegen Gott und ihre Widerlegung von Seiten der .Freunde ist oft schwach und unbeholfen, aber wer darf gerechterweise jedes im Zustande grauenerregender Krankheit und tiefsten Seelenschmerzes hervorgestöhnte Wort auf die Goldwage legen? Hier handelt es sich nicht um eine Apologie des unter der Wucht furchtbarer Schicksalsschläge zusammengebrochenen Mannes, sondern um die psychologische Erklärung der auffälligen Tatsache, datz ein .so frommes, ergebungsvolles Erdenkind, das Musterbild von Tugend und Religiosität, zu solch' unerhörten Gotteslästerungen sich hinreitzen lätzt. Diese aber sind nur das schauerliche Echo der läppischen Herausforderung der Freunde, die — statt ihn zu trösten — sein Unglück von einer Schuld ableiten und durch fortwährende Butzermahnungen sein verbittertes Gemüt noch mehr reizen. Er schwankt zwischen trotziger Selbstzuversicht, die ihn himmelan hebt, und zagendem Unmut, der ihn niederbeugt. Ihn empört die Gefühllosigkeit der Freunde und ihre unaufrichtige, der tatsächlichen Weltordnung nämlich geradezu widersprechende Parteinahme für Gott. Diese Advokaten der himmlischen Gerechtigkeit zeihen ihn, um die alte Vergeltungslehre zu stützen, schwerer Sünden, von denen ihn sein eigenes Bewutztsein freispricht. Hiob ist ein Fanatiker der Wahrheit, und von seiner Schuldlosigkeit subjektiv überzeugt, führt er im Wechselgespräche mit seinen Freunden seine Sache mit der Geradheit, Offenheit und Furchtlosigkeit, die seinem Herzen eigen ist. Seine heftige Anklage richtet sich nicht gegen den wahren Gott, zu dem er empordringen will, sonderngegen den Gott, wie er in der Vorstellung der Freunde leibt und lebt und sich nur wenig von dem Gespenst eines unerbittlichen Schicksals in den griechischen Tragödien unterscheidet. Gegen die Annahme der Freunde, datz sein Unglück selbstverschuldet fei. bäumt sich seine innere Wahrhaft i'gk eit auf. Warum soll er sein eigenes, ihn rein sprechendes Bewutztsein fälschen, blotz damit Gott, der „ihn so tief betrübt hat", gerechtfertigt dasiehe? Das wäre doch die vollendetste Heuchelei, durch die Gott verteidigt würde, von dem es heitzt: ui2spn rxb vb '2 (Hiob 13, 16): „Vor ihn darf keiner kommen, der selbst zu seinem (sc. des Ewigen) Ruhme die Wahrheit heuchlerisch entstellt". — Wenn nun der Lehrer — ohne den Philosophischen Gehalt des Buches zu berücksichtigen — mit liebevollem Verständnis auf den Gemütszustand Hiobs eingeht, so wird der Schüler nicht nur Mitleid mit diesem fühlen, sondern auch tiefe Ehrfurcht vor der Seelenstärke eines Mannes haben, gegen den sich alle Himmlischen und irdischen Mächte verschworen zu haben scheinen und dem in seiner trostlosen Vereinsamung (16, 2. 20. —17, 3.4.) das Siegel Gottes — die innere Wahrhaftigkeit so rein aufgeprägt ist, datz er um den Preis seines guten .Gewissens die Gerechtigkeit des Ewigen anzuerkennen nicht imstande ist. Wohl aber bringt er nach mannigfachen Irrungen und Wirrungen das Opferdes Intellekts, indem er zuletzt (Kap. 28) das unvertilgbare Sehnen nach Erkenntnis als ein vermessenes Ein- Seite m\ dringen in die Vorrechte Gottes abweist, da oer Mensch Bedeutung, Ursache und Ziel des Weltlaufes nicht legreifen könne. Es gibt nämlich zwei Weisheiten: die theoretische Weisheit, mit der Gott handelt und von der es heitzt: „Gott allein kennt ihren Weg" (28, 23), die Erkenntnis des Weltganzen, die sich Gott selbst Vorbehalten, während er den Menschen auf die praktische Weisheit. Gottesfurcht und Tugend/ beschränkt har. So wird es Aufgabe des Religionslehrers sein, den tiefsittlichen Grundzug im Charakrerbilde Hiobs mit kräftigen Pinselstrichen herauszuarbeiten. Die Gewißheit seiner Schuldlosigkeit ist dem frommen Dulder als fester Anker geblieben und die W a h r h e i t g e g e n s i ch s e l b st steht ihm höher als sein Leben (13, 15 ff.). Diese Erkenntnis ist der erfreuliche Lichtpunkt in dem düsteren Gemälde, das Hiobs Klagen und Anklagen uns oor- Uhren. und nimmt der verwegenen Zweifelsucht, mit der Hiob an der göttlichen Weltordnung -ütt.'kr, jeden Stachel. D'e skeptischen Reden im Buche werden daher dem gläubigen Sinn des reiferen Iünglings nicht schaden. wenn er den guten Kern und ethischen Gehalt in ihnen erkennt und sich bewutzt wird, datz das religiöse Genie Israels einst auch frei zu denken verstanden hat. Der jüdische Religionsunterricht in den obersten Klassen der Mittelschule verfolgt unter anderem das hohe Ziel, warme, ja begeisterte Anhänglichkeit an den Väterglauben in die jugendliche Seele zu pflanzen. Was könnte nun besser diesem großen Zwecke dienen als das tiefere Erfassen eines Dichtergenius, der von der beengenden Fessel dogmatischer und nationaler Anschauung sich frei gemacht, in dem Wüste der Zweifel und der Leiden, die ihn umgaben, nach Klarheit und Wahrheit gerungen und den rein menschlichen Gedanken der völligen Hingabe an Gott zu wunderbarer Vollendung gebracht hat? Renan nennt das Buch Hiob (III. Bd., p. 75) „eines der erstaunlichsten Dokumente, in welchem Israel, trotz der Bürde seines religiösen Berufes, einen kühnen Blick zum Himmel zu richten wagte", und wir fügen hinzu: es ist -gerade deshalb die großartigste Schöpfung, die uns die Vergangenheit des Menscheng eisles hinterlassen hat. weil es eine den innersten Kern des Iudentums bildende Frage mit souveräner Verachtung aller theologischen und geschichtlichen Voraussetzungen vom philosophischen Standpunkte aus erörtert. Es ist unseres Wissens noch nicht auf den merkwürdigen Umstand hingewiesen worden, datz in -d iesem ausgesprochensten hebräischen Gedichte, welches unstreitig von einem Dichter aus Israel verfaßt wurde, der Name „Israel" oder „Iakob" überhaupt nicht vorkommt und Wörter wie (22,22) oder niLA (23,12) nur ein einzigesmal zu finden sind, während beispielsweise der Gottesname "ns ziemlich häufig darin als Bezeichnung des „allmächtigen Naturgottes"" anzutreffen ist. Es tritt eben nirgends eine Beziehung auf das mosaische Gesetz, auf Vergangenheit und Zukunft Israels, sowie auf seine Auserwähltheit hervor — ein glänzendes Zeichen des jüdischen Universalismus, von dem nur zu wünschen wäre, datz seines Geistes unsere Iugend einen Hauch verspüren möchte. (Schluß folgt.) Vom Aabrmarkrt des Lebens. Die 50 jährige Jubiläumsfeier des 72. Hausregimentes. Das in Pretzburg stationierte 72. Hausregiment feierte am 1. Februar das 50 jährige Iubiläum seines Bestandes. Im Vereine mit allen Honoratioren wurden auch die Herren Akiba Schreiber, Rabbiner der orth. Gemeinde, und Dr. Funk, Rabbiner der isr. Religionsgemeinde, zu dem Festbankette eingeladen. Herr Rabbiner Schreiber hatte schriftlich abgelehnt. Rabbiner Dr. Funk versprach.

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