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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6cUt 104 um die Nation und ihre Geschicke im Gegensatz zu andern Nationen, sondern um den Einzelnen, an den sich die Weisheit wendet. Besonders die große Lehre von der göttlichen Weltregierung, wie sie bald im Gegensatz zur Einzelerfahrung, bald in llebereinstimmung mit ihr zu stehen scheint, verfehlte nicht ihre tiefe Wirkung auf fromme Geister und drängte diese zur subjektiven Verarbeitung und Lösung der Widersprüche, die sich ihnen aus der Annahme einer göttlichen Gerechtigkeit und der Beobachtung der Lebensschicksale des Einzelnen ergaben. In den Psalmen hat die religiöse Lyrik Israels ihre höchste Vollendung erreicht. Unbeschadet des in denselben vorherrschenden Gefühlsmoments bilden sie doch schon einen Teil der didaktischen Poesie der Hebräer, insofern gar manche in erhabener Diktion und ergreifenden Akzenten gehaltene Lieder subjektive Betrachtungen über das menschliche Leben und Schaffen unter dem Gesichtspunkte der natürlichen und geschichtlichen Gottesoffenbarung anstellen. In den sogenannten Lehrpsalmen spiegelt sich dieser eigentümliche Verschmelzungsprozeß lyrischer und didaktischer Elemente. Je mehr indes der menschliche Geist aus der naiven Anschauung des gläubigen Naturkindes heraustrat, desto unbefangener und skeptischer erwog er Weltenlauf und Menschenschicksal: an die Stelle subjektiver Gefühlsergüsse traten kritische Bedenken, und die hebräische Dichtkunst kam aus dem Gebiete plötzlich aufflammender, mit elementarer Gewalt hervorbrechender Gemütserregungen in das ruhige Fahrwasser der kalten, nüchternen Reflexion: Die religiöse Lyrik ging in die religiöse Didaktik über. Diese erscheint zunächst in Form von kurzen Deukjprüchen welche das Verhalten des Einzelnen in all' den verschiedenen Situationen, die das Leben schafft, im Lichte der Religion erörtern. Wie das Sprichwort der kurze und knappe Ausdruck der Volksweisheit ist, so bietet diese Art Kunstpoesie keine weitausgesponnenen Reflexionen sondern nur das Endergebnis eifrigen Nachdenkens, ferttge Resultate einer Lebensanschauung, deren Seele die Gottesfurcht ist, aus welcher die wahre Weisheit heroorstrahlt. Die hebräische Spruchdichtung ist zwar sehr alt, da sie ja schon von Salomo zu einem Literaturzweige erhoben wurde, aber den Höhepunkt der religiösen Didaktik bedeutet sie noch nicht. Diesen bezeichnet erst jenes großartige Meisterwerk, welches in den Literaturen der Völker einzig dasieht. Das Buch Hiob gilt anerkanntermaßen als die hervorragendste Schöpfung der jüdischen Weisheitslehre. Moritz Carriere nennt es das herrlichste Kunstwerk des hebräischen Geistes und steht nicht an, es mit G. Vaur als das größte Gedicht von spezifisch-religiösem Inhalt aus vorchristlicher Zeit dem größten der christlichen Welt: Der „göttlichen Komödie" von Dante an die Seite zu stellen. Beide führen den Menschen durch Irrtum, Schuld und Leid zur Wahrheit und Seligkeit: beide „ruhen auf dem Grunde einer unbefangenen religiösen Volksansicht und beseitigen Zweifel und Verwirrungen durch das tiefere Erfassen der ursprünglichen Wahrheit, durch persönliche Aneignung derselben." Cornill stellt Hiob gleichfalls mit Dantes Commedia divina und Goethes „Faust" zusammen. dessen „Prolog im Himmel" bekanntlich vielfach an den Anfang unseres Buches erinnert. Andere moderne Kommentatoren gehen in der Wertschätzung dieser Dichtung noch weiter, indem sie ihr — wie z. B. Bickell - den allerersten Platz unter den „Gedichten der Menschheit" anweisen, zu welchen selbst „Parzival" und die „göttliche Komödie" nur sehr bedingt gerechnet werden können. Alle Eregeten sehen in dem Buche Hiob den Höhepunkt der jüdischen Religion, was auch mit einer im Talmud ausgesprochenen Ansicht übereinstimmt, wonach Moses Verfasser des Werkes ist (Baba bathra 14b). Der erschütternde Eindruck, den einst ein Vortrag «r. 6 über Hiob auf die Zuhörerschaft machte, wird uns von den ulten Weisen folgendermaßen geschildert: R. Äkiba predigte .einst zu Gonsaka in Medien über die Sintfluterzählung und alle blieben ungerührt; da lenkte er seinen Vortrag auf die Geschichte Hiobs — und alle weinten.bitterlich. (Gen. rab. 33,5). Als nach der Zerstörung des zweiten Tempels die Verfolgungen gegen das jüdische Volk sich häuften, sah dieses in dem Buche mit Vorliebe den Spiegel seiner eigenen Leiden. Tn brov rGn ircs .Tn *6 nra sagt der Talmud (Bava bathra 15a): „Hiob hat nie existiert, sondern das Buch ist ein „Maschal", eine Parabel, wenn auch in etwas erweiterter Form. Hiob ist kein einzelner Mensch, meinen unsere Alten, Hiob ist das Menschengeschlecht, dargestellt als Märtyrer auf dieser Erde. Ein gottbegnadeter Dichtergenius hat vom menschlichen Elend, vom jammervollen Aufschrei und von rührender Klage, von verzweifelten Anklagen gegen Gott und dumpfer Resignation ein so riesengroßes Bild geschaffen, daß es sich wie Himmel st ürmend ausnimmt. Nach der furchtbaren Niederwerfung des bärkochbaischen Aufstandes benutzte R. Mett das Buch zu seinen Trostvorträgen (Ierus. Chag. Abschn. 2) und entwickelte aus demselben die herrlichsten Lehren. — So erscholl zu allen Zeiten und in allen Zungen das Lob dieses dramatischen Gedichtes, während die praktische Wertschätzung stets im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhme stand. Die Zahl seiner Leser dürfte nämlich auch heute, sehr gering gegenüber denen sein, welche die Geistesprodutte eines Homer oder Sophokles, Dante oder Milton, Schiller oder Goethe bewundern. Worin liegt die Ursache dieser auffallenden Erscheinung? Offenbar in der uns alle befremdenden Tatsache, daß das Buch Hiob von der Schule geradezu vernachlässigt wird. Freilich gehört dieses Buch unstreitig zu den schwierigsten und deshalb auch von den wenigsten verstandenen Büchern der . heiligen Schrift, allein umso mehr wäre es heilige Pflicht des Religionslehrers, durch eine planmäßige Auswahl der zur Lektüre geeigneten Stücke und ihre methodische Behandlung die Schule zur Benutzung dieses köstlichen Geislesschatzes zu befähigen. Bereitet doch auch das Studium der Psalmen und Propheten, die sogar im U r t e x t gelesen werden, den Schülern oft große Schwierigkeiten, deren Ueberwindung pädagogischen Takt und das Einsetzen seiner Persönlichkeit vom Lehrer verlangt. Dessenungeachtet hat sich hinsichtlich des Umfanges und der Behandlung der aus Psalter und Prophetenreden auszuwählenden Stücke eine Art von Kanon herausgebildet, wenn auch im einzelnen die Meinungen der Fachgenossen auseinandergehen mögen. Ueber die religiös-didaktische Erploitierung des Buches Hiob auf der Oberstufe hingegen scheint eine klare Ansicht überhaupt noch nicht vorhanden zu sein. Viele halten es wegen mancher darin enthaltener heterödoxer (irrgläubiger) Aeußerungen Hiobs für ungeeignet, den Schülern als Lektüre dargeboten zu werden. Schon der Talmud hält die Angriffe des frommen Dulders auf die göttliche Gerechtigkeit, sowie die Leugnung der Vergeltungslehre für Blasphemien. Der Ausruf Hiobs: „Die Erde ist nun einmal in die Hand des Frevlers gegeben, darum verdeckt er das Gesicht ihrer Richter" (9, 24) wird scharf getadelt und dieser selbst zu einem Sünder gestempelt, der „die Schüssel Umstürzen" (tb bv myp -penP avu rcpa), h. h. die Weltordnung ftörrr, vom Glauben an Gottes Walten nichts übrig lassen wollte (Bgba Bathra 16 ä). R. Garnaliel I. (stärb 52 p. Ehr.) wollte .das Buch Hiob als Lektüre für das Volk nicht zulassen und kassierte eine Übersetzung desselben (Sabbat 115 a). Weil Hiob in keckem Tone Gott meistern wollte, wurde sein Name im Gebete nicht genannt: wie man sagt: Gott Abrahams, Isaaks und Iäkobs, so hätte man auch gesagt: Gott Hiobs (Pesikta r. 47, 190 a). Dr. Blochs Wochenschrift.

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