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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-02-11 · 6 (11.2.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Seite 10S Dr. Blochs Wochenschrift. Legende der Heiligen" des frommen Erzbischofs von Genua Nachlesen. Konrad halle es vor allem darauf angelegt, sie von ihren Bindern und von allen die ihr lieb waren, zu trennen. Und das ist ihm vollkommen gelungen. „Gott ist mein Zeuge, selbst die geliebten, meinem Schotze entsprossenen Kleinen, die ich früher so zärtlich umfaßte, betrachte ich jetzt als Fremde", erklärte Elisabeth, wie ihr Biograph Theodor von Apolda berichtet. Die Heiligen- und Märtyrerlegenden bieten uns zahlreiche Beispiele solcher Zerreißung von Familienbanden aus egoistisch übertriebener Frömmigkeit. Doch dem Leser werden wohl die mitgeteilten Beispiele genügen. Uebrigens sind die Fälle, in denen Päpste Söhne und Vasallen zur Empörung gegen Väter und Monarchen aufreizten, keine Legenden, sondern bewiesene Tatsachen. Ich erinnere nur an Kaiser Heinrich IV. und an die Hohenstaufen.!; Mit Recht bemerkt. Hartpole Lecky in seiner Sittengeschichte Europas 'History of european morals II 133): „Wie weit die Verachtung der Familienbande, die Hartherzigkeit und Undankbarkeit der heiligen Mönche gegen die mit den engsten Banden der Natur mit ihnen Verbundenen getrieben wurde, wissen nur wenige, außer denen, welche die bezügliche Literatur in den Originalquellen studiert haben." Nun wird man vielleicht einwenden, so gut wie wir die sonderbaren, mitunter lächerlichen Wunder, die in dieser Literatur als von den Heiligen verrichtet erzählt werden, nicht glauben wollen, so dürfen wir auch das, was von ihrer Hartherzigkeit und Pietätlosigkeit gegen ihre Angehörigen berichtet wird, nicht glauben. Aber zwischen den b en Naturgesetzen widersprechenden Wundern und lieblosem, unkindlichem und hartherzigem Benehmen ist doch inbezüg auf Glaubwürdigkeit ein großer Unterschied. Und. selbst wenn einiges erfunden und übertrieben wäre, bliebe jedenfalls die Tendenz, solche Grausamkeit und solchen Egoismus als höchst verdienstlich und Gott wohlgefällig darzustellen. Die Heiligenlegenden sind ja zur ErbaUung und um zur Nachahmung anzueifern geschrieben worden und haben auch Nachahmung gefunden. Die heil. Elisabeth hat ganz gewiß solche Legenden und Biographien älterer Heiligen gelesen und ihre Biographie hat' wohl wieder auf spätere gewirkt, bis in die Gegenwart. Freilich sind die Menschen jetzt mildherziger und der Einfluß der Geistlichkeit geringer. Man nimmt den Eltern hie Kinder nicht mit Gewalt weg, man gellallet den Eltern nicht, zum Vorteil der Kirche die Kinder zu opfern, denn der Staat har auch ein Wort dreinzureden. Deshalb sucht man sich der Schule zu bemächtigen, durch Erziehung im Sinne der Kirche sich die Herrschaft über die Eltern und über die kommende Generation zu sichern. Griechen, Römer und Juden haben Priester gehabt, aber es ist ihnen nicht eingefallen, ihnen die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder anzuvertrauen. Beides blieb bei ihnen Sache der Familie oder des Staates. Erst d ie christliche Geistlichkeit hat sich seit dem Mittelalter des Iugendunterrichtes und in manchen Ländern!auch der Erziehung zu bemächtigen gewußt. Und noch jetzt will sie in Spanien, Oesterreich, Frankreich und Preußisch- Polen sich dieses Herrschaftsmittel erhalten. Mit Hilfe des , Staates oder gegen den Staat sich auflehnend, die Rechte der Eltern mißachtend oder sich ihrer Hilfe gegen den Staat bedienend, je nachdem die Verhältnisse sind. Stets aber solider Staat die Kosten tragen. Oder, wie Herbert Spencer sagt, sie will Siaatsgelder nl,:re Kontrolle des Staates, sie will vorschreiben, was gelehrt werden soll, aber das Geld soll ihr der Staat dazu liefern. Jedenfalls gehören die Kinder der Kirche oder dem Staat, die Familie hat sie nur zu liefern, aber weiter nichts dreinzureden. Das Judentum wurzelt aber politisch und religiös in der Familie, seine älteste Geschichte ist eigentlich Familienchronik, und die Familie hält noch jetzt manchen Indifferenten und Irreligiösen vom Abfall zurück. Dieses Familiengefühl verstehen die jüdische Mädchen ihren Ellern entreißenden Nonnen nicht, weil sie selbst von ihrer Familie losgelöst sind und keine Kinder haben dürfen. Wohl aber hat es der italienische Dichter Bernardino Zendrini verstanden, der in einem Trostbries an den jüdischen Senator Tullo M a s s a r a n i nach dem Tode von dessen Vater schrieb: „Die Familie hat euch zerstreuten, seit so vielen Jahrhunderten herumgetriebenen Juden ein Heiligtum, ein sicheres Asyl geboten, sie erhielt euch und stärkte euch trotz so vieler Leiden und grausamen Verfolgungen. Das müssen auch die einsehen, welche allen ihren Witz und Verstand anwenden, euch zu schmähen und herabzusetzen. Eurem erhebenden Beispiele sollten wir und alle die folgen, welche nach einem Vaterlande streben. Ein solches erwirbt man nicht bloß durch Einheit von Sprache und Abstammung, sondern durch Harmonie und Einheit im Herzen. Und zu diesen gelangt man nicht auf Schlachtfeldern und in Parlamenten, nicht in lärmenden Volksversammlungen und nicht einmal durch die Schule, sondern in der heitern Vertraulichkeit der Familie, in der jedes edle und jedes schöne Gefühl wurzelt." Im Hause ist das Leben des frommen Juden bebeschlossen: fast könnte er wie der Engländer sagen: My house is my castle, wenn es keine kaiserlich-russischen Patrioten und Huligans gebe. Frei von Einflüssen von Beichtvätern und Seelsorgern verrichtet er selbst im Hause manche religiöse Zeremonie. Ich erinnere nur an den Seder und die Sukkoth. Auch die jüdische Hausfrau, deren Ideal in den letzten Zeilen der Sprüche Salomons gezeichnet ist, hat ihre besonderen religiösen Aufgaben. Und eine Frau und Kinder muß jeder fromme Jude haben. Ledig bleiben gilt beim männlichen Geschlecht fast für Sünde, beim weiblichen für ein Unglück. Eine Hauptsorge des Familienvaters nach Sicherung der materiellen Eristenz, und manchmal noch vor dieser, ist, die Knaben in der heiligen Schrift unterweisen zu lassen oder sie wenigstens hebräisch lesen zu lehren. Da soll es keine Analphabeten geben. Dem heidnischen Kaiser Konstantin ist nach der christlichen Legende kurz vor einer Entscheidungsschlacht ein Kreuz mit der Inschrift: „In diesem Zeichen wirst du siegen!" in den Wolken erschienen. Er siegte und bekehrte sich darauf zum Christentum. Für die Inden gilt dasselbe Motto von der Familie. Sie brauchen sich nicht erst zu bekehren, sondern zurück zukehren von den äffischen Assimilationsversuchen, von den Vereinen und Gesellschaften, wo man sie kaum dulden will — zurück zur Familie. In hoc signo vinees. M. Das Auch fjtofc auf der Oberstufe der Mittelschule. Vortrag, gehalten in Wien am Verbandstag der israel. Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen, am 28. Dezember 1809, von Rabbiner Dr. L. Lazarus. Während die prophetischen Schriften der Bibel das Verhältnis der israelitischen Nation zu den großen, ewig giltigen Ideen der Menschheit zur Darstellung bringen, ist den unter dem Sammelnamen oder Hagiographen bekannten Büchern ein mehr individueller Charakter aufgeprägt. Die ersteren hießen bei den palästinensischen Juden die „Bücher der lleberlieferung", die letzteren die „Bücher der Weisheit". Wenn nun die Propheten, das Volk Israel an sich als den Mittelpunkt ihres religiösen Interesses ansehen, handelt es sich in der Weisheitsliteratur nicht

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