Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. Bwchs Wochenschrift. Seite 9S Hause in derItarmelitergasse in Bewegung, von dessen Giebel zwei schwarze Fahnen, wehten. Vor dem Gemeindehause, hielt der Kondukt einige . Minuten.: dann wurde die Fahrt zum Zentralfriedhofe fortgesetzt. In der Zeremonienhalle hatten sich vorher eingefunden: Bürgermeister Dr. Lueger mit Magistratsdirektor Appel, den Magistratsräten Dr. Bibl und Koniakowsky, sowie zahlreiche Gemeinderäte. Rabbiner Dr. Schmied! hielt die Trauerrede, die einen tiefen und ergreifenden Eindruck machte. Sodann nahm Bürgermeister Dr. Lueger das Wort. Er sagte: „Es wird Jedermann mit mir übereinftimmen, wenn ich sage, datz derjenige, der von seiten der Bevölkerung an die Spitze der Gemeinde gestellt worden ist, der mit der höchsten Würde, die Bürger verleihen können, bekleidet wurde, verpflichtet ist, angesichts der Majestät des Todes abzusehen von jedem Parteiunterschiede, und den Mann zu ehren, der seine Pflicht getreu und redlich erfüllt hat. Ferdinand Klebinder war ein Gemeinderat in vollstem Sinne des Wortes. Er hat seine Pflicht voll und ganz erfaßt^ Er war stets bei Sache, und wenn ich auch mit ihm nicht immer einverstanden war, ich habe immer sehr gerne seinen Rat gehört und ihn auch oft befolgt. Ich danke ihm als Vorsitzender des Bezirksschulrates für seine Tätigkeit, die er als Obmann des Ortsschulrates im 2. Bezirke entwickelt hat. So glaube ich verpflichtet zu sein, ihm hier Worte der Dankbarkeit und der Verehrung zu weihen. Sie mögen wie kühlende Tropfen des Trostes fallen auf den heitzen Stein des Schmerzes, den sein Hinscheiden.seiner Familie und seinen Freunden bereitet hat. Der Herr verleihe ihm die ewige Ruhe. Er möge ruhen in Frieden. Amen!" Hierauf sprachen noch der Obmannstellvertreter Helbig für den Ortsschulrat im 2. Bezirke, Gemeinderat Dr. Ritter v. Dorn für die Gemeinderatskollegen, Präsident-Stellvertreter Lipschütz für den Journalisten- und Schriftstellerverein' „Eoncordia". Zum Schluß sprach Dr. Bradi im Namen des „Donauklub". Karlsbad. Es gibt viele Leute, welche glauben, daß Karlsbad im Winter eine tote Stadt sei. Dieses Gefühl hatte auch ich und als ich mich daher vor einigen Tagen in die Notwendigkeit versetzt sah, mich nach Karlsbad zu begeben, um dort in der Stadt der Bäder und ihrer Umgebung einige Zeit zu verbringen, war ich davon nicht allzusehr erbaut. Nach einer endlosen Fahrt von 12 Stunden, da es die k. k. Staatsbahn verlangt, daß man zwei Stunden in Marienbad verbringt, um auf einige Personenzüge zu warten, deren Passagiere mitgenommen werden sollen, kamen wir am späten Abend an. Schon bei der Einfahrt in die Stadt Karlsbad sieht man, daß die schöne Kurstadt auch im Winter sich zu vergnügen weiß, denn große Plakate verkünden, daß alle möglichen Vereine große Unterhaltungen, Bälle, Theater u. s. w. veranstalten, die für jeden zugänglich sind, nur für eine Klasse von Menschen nicht, für die — Jude n. Fast sämtliche Vereine von Karlsbad haben die Juden ausgeschlossen und zu keiner ihrer Unterhaltungen haben dieselben Zutritt. Man ist erstaunt, in einer internationalen Kurstadt, die sowohl von Juden wie von Christen lebt, einen derartigen Zustand zu finden und fragt vergeblich, wie etwas Derartiges überhaupt nur möglich ist; allein es ist Tatsache und auf meine Frage, wieso eigentlich ein solcher Zustand in Karlsbad bestehen könne, wurde mir folgendes geantwortet: Als vor etwa 12 Jahren der Antisemitismus in Karlsbad wie im ganzen Egerlande zum Vorschein kam, versuchte es die Judenschaft Karlsbads sich zur Wehr zu setzen; allein hier trat nun eine eigentümliche Erscheinung zutage. Von Seite der liberalen Stadtvertretung wurde ein so starker Druck auf die Juden ausgeübt, zu „schweige n", daß diejenigen, welche gegen den aufschießenden Antisemitismus ankämpfen wollten, Gefahr liefen, wirtschaftlich die schwersten Folgen zu erleiden. Die liberale Stadlvertretung der Stadt Karlsbad war. eS,. die, um die Radikalen zw besänftigen und „milde" zu „ stimmen, die Juden Karlsbads boykottierte. So entstand schließlich das jetzige Verhältnis, eine vollständige Trennung der Gesellschaft in Christen und Juden; nominell sind einige christliche Familien zwar noch „liberal"; allein in Wirklichkeit gibt es kaum drei Familien in Karlsbad, welche in Judenkreisen verkehren. In einem Punkte kann aber unseren Glaubensgenossen selbst ein Vorwurf nicht erspart bleiben. Die Juden Karlsbads sind in eine Reihe von religiösen und gesellschaftlichen Klassen geteilt. Die Zionisten wollen von den Liberalen nichts wissen; man findet sogar zwei Richtungen in den Wohltätigkeitsvereineu; endlich besteht eine gewisse, gesellschaftliche Trennung der vermögenden und akademischen Kreise einerseits und demjenigen der Kaufleute, während es andererseits in Karlsbad nicht einen Verein, eine Genossenschaft oder einen Sammelpunkt gibt,-in welchem sich die gesamte Judenschaft trifft und ausspricht, wie dies in anderen Gemeinden der Fall ist, ja selbst bei den Gemeinde- oder Kultuswahlen sind es immer wieder nur einige Personen, die die ganze Wahl leiten, ohne die anderen zu befragen, und schließlich gibt es weder hier noch in ganz Nordwestböhmen eine Zeitung, welche sich der Interessen der Juden und ihrer Lage annimmt. Will man die Situation richtig kennzeichnen, so kommt man zu dem Ergebnisse, daß in Karlsbad die christliche Bevölkerung in dem Punkte einig ist, daß alle Juden minderwertig sind, und die letzteren werden daher gesellschaftlich so ziemlich ganz gemieden, während seitens der Judenschaft kein Gefühl der Gemeinsamkeit besteht; es bestehen unter den Juden allerlei Gesellschafts- und Vermögensklassen, die miteinander nicht verkehren, und die ohnedies kleine Gemeinde ist dadurch zersplittert, mit einem Worte, es fehlt, wie ein Karlsbader sagte, seit Jahren an Männern, welche sich an die Spitze der Judenschaft stellen und eine Gemeinsamkeit herbeiführen. Man hat die Juden zehn Jahre lang mit der lächerlichen Parole an der Nase herumgeführt, sie müssen vor allem „liberal" sein, und infolgedessen haben es die Karlsbader Juden soweit gebracht, daß es in Oesterreich keine Stadt vielleicht gibt, in welcher der Jude in solch auffallender Weise als minderwertig angesehen wird, als in der Stadt, in welcher nahezu 20.0<>0 Juden alljährlich zum Kurgebrauch anwesend sind. Die Aufgabe der Karlsbader Juden muß es daher sein, sich vor allem zu einigen und wenigstens einen Sammelpunkt zu schaffen, in welchem alle Juden Gelegenheit haben, sich über die Verhältnisse auszusprechen, und dann müssen die Mittel und Wege gesucht werden, damit die beschämenden und erniedrigenden Ansichten über die Juden in der Kurstadt ein Ende nehmen. M. R. Gründung eines orthodoren Palästina-Kolonifatioiis- Vereines. Die letzte Nummer des in Bonyhüd (Ungarn) erschienenen „Wajlakat Josef" veröffentlicht einen Brief des Altonaer Rabbiners M. Lerner an den Bonyhüder Rabbiner, in welchem Herr Rabbiner Lerner die Anregung gibt, unter dem Namen „Noriah" einen alle Orthodorsn umfassenden Verband zur Kolonisierung Palästinas ins Leben zu rufen. Rabbiner Lerner übt in seinem Briefe eine scharfe Kritik an dem Zionismus, der für den gesetzestreuen jüdischen Glauben eine imminente Gefahr bedeute. Auch die Misrachi-Gruppe, deren Angehörige wohl die löbliche Absicht haben, im Zionismus die Hüter des jüdischen Gesetzes zu sein, sei nicht zu empfehlen, weil sie nicht selbständig arbeitet, sondern bloß eine Fraktion der zionistischen Organisation bilde. Es sei daher die Pflicht der gesetzestreuen Rabbiner, dem schädlichen Einfluß des Zionismus entgegenzuarbeiten und als bestes Mittel hiezu empfehle er die Gründung eines selbstän? digen Verbandes, dem nur wahre, gesetzestreue Juden angehören könnten.