Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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vette 94 Dr. Vlochs Zentralvereiu zur Pflege jüdischer Angelegenhetteu in Prag. . Bei dem am 36. Jänner stattgehabten Vereinsabende stellte sich Schriftsteller Dr. Max B r o d einer großen Oeffentlichkeit mit einigen markanten Proben seiner jüngsten Werke vor. Die schlichte ünd doch eindringliche Art, mit der er zunächst Poesien erfüllt von femabgetöuter Lyrik in Bildern von fefselloser Wortkraft vermittelte, bildete eine Vielverheißende Einleitung zu der Novelle „Gießhübel- Puch stein", in der Brod mit dem scharfen Auge des kritischen Beobachters Alltägliches in den Zauber feinstziselierter Erzählerkunst zu hüllen und mit Streiflichtern diskreten Humors zu beleben wußte. Die mtt stürmischem Beifalle aufgenommene launige Erzählung, in der der junge Stürmer sein ungewöhnliches Talent von einer neuen gewinnenden Weise zeigt, wird wohl bald auch in die weitesten Kreise ihren Weg finden. Brod zeigte sich übrigens an diesem Abende auch noch als Liederkomponist modernster Richtung in zwei Liedern, die Fräulein Elsa A d l e r trotz merklicher Indisposition zu hervorragender Wirkung brachte. Fräulein Adler, die mit ihrer pastosen, schon jetzt auf eine bedeutende Zukunft weisenden Stimme des Weiteren auch noch Lieder von Mendelssohn, Brahms und Raff mit erlesenem Geschmacke zum Vortrage brachte, erwies sich als Sängerin von feinster Distinktion und fand die beifälligste Aufnahme, die auch noch dem weiters mitwirkenden, jugendlichen Violinvirtuosen Herrn Willy Reich mann, einem überaus begabten Schüler Professor Suchys zuteil wurde, der, von Fräulein Josefine Pick gewandt begleitet, das bekannte Kol Nidrei von Max Bruch mit starker Empfindung und die Mazourka von Zarzicky mit bereits merklich vorgeschrittener Technik zu Gehör brachte. An diese Vorträge schloß sich dann ein überaus stark besuchter und aniinierter Geselligkeitsabend, der weit über Mitternacht währte und bei dem der Vereinsobmann Herr L i e b e r s Gelegenheit nahm, Dr. Max Brod, sowie den übrigen mitwirkenden Künstlern zu danken, während der Obmannstellvertreter Herr Dr. B r a n d e i s in einem launigen Trinkspruche der zahlreichen Gäste, insbesondere der Damen gedachte. Der Verein tzleitung wurde für die anregende Veranstaltung, sowie für deren als richtig beftlndene Intention, junge hervorragende Talente der jüdischen Gemeinschaft in die weitere Oeffentlichkeit einzuführen, vielseits die Anerkennung ausgesprochen. Hamburg. <Moritz Warbur g.) Das Hamburger Judentum hat einen schweren Verlust erlitten. Moritz Marburg, der Nestor unter den großen deutschen Privathandels, der Seniorchef des Hamburger alten Bankhauses M. M. Marburg, ist am 28. d. M. nachts sanft entschlummert. Herr Marburg stand im 73. Lebensjahre. Der Entschlafene war eine der prominentesten Persönlichkeiten, die zu den Besuchern der Hamburger Börse zählten. Von früher Jugend auf widmete er seine Tätigkeit der im Jahre 1798 gegründeten Bankfirma M. M. Marburg & Co., die nicht zum wenigsten durch sein Verdienst heute unter den deutschen Banken einen Nang einnimmt, durch den dieses Privatbankhaus den deutschen Großbanken ebenbürtig zur Seite steht. Herr Moritz Marburg arbeitete rn dem Ausbau der Firma zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Sigmund Marburg, der aber frühzeitig durch den Tod von seiner Seite gerissen wurde. Später gewann er in seinen Söhnen und in seinem Neffen schätzenswerte Mitarbeiter, die gemeinsam mit ihrem Seniorchef, in den Traditionen der Vorfahren wandelnd, die Firma auf die bedeutende Höhe führten, auf der sie heute steht. Durch die jüngeren Glieder des Bankhauses M. M. Marburg & Co. gelang es Herrn Moritz Marburg, die so bedeutsame Annäherung der Hamburger Firma an die große Newyorker Vankfirma Kuhn, Loeb L Co. in die Wege zu leiten, wodurch der amerikanische Kapitalmarkt der deutschen Börsenwelt in nicht zu unterschätzender Weise näher gebracht w?urde. Herr Moritz Marburg beschränkte sich aber nicht darauf, seine Kraft seiner Firma allein zu widmen, vielmehr haben viele andere deutsche Bankinstitute aus dem Born seines reichen Wissens Nutzen gezogen. Vor allem ist zu erwähnen, daß er Jahre hindurch Mitglied des Hamburger Bezirksausschusses der Neichsbank war. Ferner betätigte er sich bis zur Vollendung seines siebzigsten Lebensjahres als Mitglied des Aufsichtsrates bei der Kommerz- und Diskontobank in Hamburg, bei der Internationalen Ballgesellschaft m Frankfurt a. M. und bei der Mecklenburgischen Hypotheken- und Wechselbank in Schwerin. Die Tätigkeit des Verstorbenen erschöpfte sich, aber nicht in beruflicher Arbeit. Er war ein hervorragender Wochenschrift. r»r. 5 Philanthrop und war durch viele Jahrzehnte hindurch der Vorsitzende des Hamburgischen Deutsch-Israelitischen Waisen-Jnstitutes, der Talmud-Thora-Realschule und Vorsteher der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Von früh auf nahm er warmen Anteil an allen wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen: so war er z. V. seit Jahren Mitglied des Vorstandes der Philharmonischen Gesellschaft, er ist Mitbegründer der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung und von Anfang an Mitglied ihres Kuratoriums gewesen. Von den Söhnen des Entschlafenen sind die Herren Mar M. Marburg, Herr Paul M. Marburg und Herr Dr. F. M. Marburg gemeinsam mit ihrem Vetter Aby S. Marburg jetzt Inhaber des Bankhauses M. M. Marburg & Co. Herr Paul M. Marburg ist zugleich Teilhaber der Firma Kuhn, Loeb & Co. in Newyork. Die persischen Juden unter dem Schutze der Konstitution. Dem Jerusalemer „Hazewi" wird aus Schiras berichtet: Vor kurzer Zeit überfiel die nichtjüdische Bevölkerung die jüdischen Bewohner von Jerum und veranstaltete eine furchtbare Judenmetzelei. Sämtliche von Juden bewohnte Häuser wurden geplündert, mehrere Juden tödlich verletzt und die übrigen aus der Stadt verjagt. Auch die Synagogen wurden ausgeraubt. Das jüdische Viertel wurde buchstäblich demoliert. Ein großer Teil der Verfolgten flüchtete nach Schiras und verlangte, daß die Regierung die Unruhestifter bestrafe und zur Herausgabe der geraubten Gegenstände zwinge. Anfangs weigerten sich die Regierungsorgane, von dm Bestimmungen der Konstitution Gebrauch zu machen. Schließlich * wurde der Pascha von Jerum in strengster Form beauftragt, die Schuldigen vor Gericht zu stellen und die Juden in ihren alten Besitz einzusetzen. Nunmehr ist der Pascha, der nebenbei an dem Pogrom viel Schuld trägt, dem Aufträge nachgekommen. Alle Rädelsführer, zumeist wohlhabende Leute, sind bestraft und zum Schadenersatz verurteilt worden. Ueberdies wird das Judenviertel bis auf weiteres militärisch bewacht. Der Exarch von Grufien an die Juden. Wie Petersburger Blätter melden, hat der Tambower Rabbiner Joffe mit mehreren älteren Mitgliedern der jüdischen Gemeinde dem Exarchen Innozenz von Grufien eine Dankesvisite abgestattet. Der Rabbiner begrüßte den Erzbischof und sprach ihm den Dank der Juden für die verschiedenen Wohltaten, die er ihnen erwiesen, aus. besonders aber für sein offenes und mannhaftes Auftreten zur Vermeidung von Unruhen, die von den Huligans wiederholt versucht wuHen. Exarch Innozenz dankte für die Ehre, die ihm die Deputation erwiesen und sagte unter Anderem: „Es ist Pflicht jeden Menschen, mil seinen Mitmenschen in Frieden zü leben. Die Juden haben es sicherlich nicht verdient, von den Christen verfolgt zu werden. Wenn die Christen die Juden verfolgen und unterdrücken, begehen sie ein Verbrechen, wie wenn Jemand seine Eltern mißhandelt" Als besonderes Zeichen seiner Freundschaft für die Juden überreichte der Erzbischof dem Rabbiner seine mit einer herzlichen Widmung versehene Photographie. Der Generaldirektor der Harrimanschen Eisenbahnen. Im Dezemberheft des „American Magazine" wird über den Generaldirektor der Harrimanschen Eisenbahnen, Julius Krüllschnitt folgendes berichtet: Julius Kruttschnitt gehört einer hervorragenden jüdischen Familie an. Sein Onkel Judah B. Benjamin war der bedeutendste Jude, den Amerika zu verzeichnen hatte. Julius Krüllschnitt ist der technische Generaldirektor sämtlicher Eisenbahnen Harrimans-System. Verschlossen, ausschließlich seinem Fache lebend, in jeder Beziehung unnahbar, gehört er zu den bedeutendsten technischen Operateuren des Westens. Er war zum Präsidenten der Pacific-Bahnen ausersehen, und die Wahl unterblieb bloß deshalb, weil man keine Persönlichkeit fand, die ihn in seinem gegenwärtigen Tätigkeitsgebiete ersetzen könnte. Krüllschnitt wurde in New-Orleans geboren und steht heute im 55. Lebensjahre.