Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. H Dr. Blochs Wochenschrift. 9i v Wie nun von den Grenzkomitees nachträglich gemeldet wird,, haben, die Chikanen aufgehört und es wird W der Behandlung der Emigranten kein Unterschied mehr gemacht. Die „Israelitische Allianz" hat sich außerdem an das „Zentralkomitee" in St. Petersburg mit dem Ersuchen gewendet, nach Möglichkeit dahin zu wirken, daß die von den russischen Komitees expedierten Emigranten regelrcchte Gouvernementspnise besitzen, damit Nicht der geringste gesetzliche Anhaltspunkt für irgend eme Belästigung oder eine polizeiliche Strafe bei der Ueberschreitung der Grenze gefunden werde, ebenso, daß £5 kein Emigrant versäume, vor der Abreise seinen Paß durch den' österreichischen Konsul vidieren zu lassen. Das Budget der israelitischen Gemeinde Prag pro 1910. (Erfordernis K 201.598 52. — Durch die Umlagen zu bedeckendes Defizit K 198.973 35 Im Sitzungssaale des neuen Rathauses fand kürzlich eine Versammlung der israel. Gemeinde-Repräsentanz statt, , welche ausschließlich der Beratung des Budgets pro 1910 gewidmet war. Die Sitzung nahm volle drei Stunden in Anspruch und gelangte das Budget auch in allen seinen Teilen zur Erörterung und Beschlußfassung. In der Diskussion gerieten mitunter die beiden, allerdings im Schoße der Repräsentanz noch keineswegs schroff einander gegenüberstehenden Richtungen zu prägnantem Ausdruck, und es gab mitunter wirklich packende Momente, von denen man sagen könnte, daß sie die Szene zum. Tribunal machten. Mit besonderer Verve verteidigten die Herren Dr. Ludwig Bendiener und Dr. N. L. Kühner, sowie der Vorsitzende den gesetzestreuen und überlieferten Standpunkt, der schließlich auch obsiegte. Nachstehend eine Skizze des hochinteressanten Sitzungsverlaufes. Am Präsidium die Herren Dr. Rosenbacher, Doktor Bendiener und kais. Rat Haurowitz. Der Präsident Dr. Rosenbacher eröffnet die Sitzung um 10 Uhr 20 Min. und erteilt dem Sekretär zunächst das Wort zur Bekanntgabe des Einlaufs. Schon in diesem Einlaufe gab es eine charakteristische ^Petition. Der Oberlehrer Herr Siegmund Springer ersucht um vorschußweise Auszahlung von 960 Kronen Gehalt für den Religionsunterricht, welches die Stadtgemeinde Prag für das Schuljahr 1909 noch immer nicht äüsgezahlt hat. Der Vorsitzende konstatiert, daß die israel. Religionslehrer ihre Gehalte für das Jahr 1909 von der Stadtgemeinde noch nicht erhalten haben, und wir stehen bereits fast vor dem ersten Semesterschluß des 'Jahres 1910. Gleichzeitig ersucht der Vorsitzende das .Repräsentanzmitglied, Herrn Dr. Mark. Fischer, die Angelegenheit im Ortsschulrate zur Sprache zu bringen, da ja doch die Lehrer von ihren Gehalten leben. Hierauf wird zur Erledigung der Tagesordnung geschritten. und erhält der Referent, Herr kais. Rat Hau- 'röwitz, das Wort zur Erstattung seiner Anträge. Das von ihm in 15 Kapiteln erstattete Referat weist ein Gesamterfordernis für 1910 von 201.598 62 Kronen aus, wel- .chen bloß eine Deckung durch indirekte Einnahmen von 12.100 Kronen gegenübersteht, so daß ein unbedecktes Defizit von 189.498 62 Kr. verbleibt, das durch idie Umlage zu decken ist. Zu dieser Summe 9474 93 Kr. uneinbringlicher Steuern hinzugefügt, ergibt sich ein durch die Umlage zu deckender Abgang von 198.973 55 Kronen.. Die meisten Posten des Budgets weisen mehr oder minder namhafte Erhöhungen auf. Insbesondere gilt dies rücksichtlich der Besoldung des Amts- und Dienstpersonals. Den ersten Anlaß zu lebhafterer Debatte gab die Post für die Funktionäre, welche mit den religionsgesetzlich vorgeschriebenen Schlachtungen, bezw. der durch dasselbe Gesetz vorgeschriebenen tierärztlichen Untersuchung der Schlachttiere, sowie mit der Aufsicht über die ganze Manipulation im Schlachthause betraut sind. Herr Doktor R. L. Kohner brachte ein reiches statistisches Material, welches liefen Einblick in die unvergleichlich günstigeren Verhältnisse bot, in welchen sich gleichgeartete Funktionäre in reichsdeutschen Gemeinden befinden. Der Redner wies nach, daß selbst ganz kleine, reichsdeutsche Städte mit einer ganz geringen Anzahl israelitischer Seelen, beziehungsweise Steuerträgern ihre Funktionäre besser stellen, als die Groß-Eemeinde Prag. Das Repräsentanzmitglied Herr Mar Kahler opponierte den Ausführungen des Herrn Dr. Kohner. der sich ob seines Eifers und seiner Bemühung um die Sache der Gemeinde der Hochschätzung aller Repräsentanz-Mitglieder erfreue. Die finanziellen Verhältnisse der Gemeinde jedoch erfordern die äußerste Sparsamkeit. Prag ist zwar eine große Israeliten-Gemeinde, aber keine reiche Gemeinde. In der Bevölkerung mache sich eine lebhafte Opposition gegen jegliche Steigerung der Umlage geltend und biete deshalb mitunter den Vorwand zum Glaubenswechsel. Weite Schichten bedürfen heute nur eines Anstoßes, um wankend zu werden und es ist nicht notwendig, unsere Steuerträger zu belasten und in Mißstimmung zu versetzen. Der Vorsitzende entgegnet Herrn Dr. Kohner, auf Grund eigener Erfahrung, betreffs der reichsdeutschen Verhältnisse, daß die reichsdeutschen israel. Gemeinden fast gar kein Armenbudget haben, während Prag ein bedeutendes Armenbudget hat. Redner führt spezielle Städte an, in denen es entweder ganz wenige oder gar keine israel. Armen gibt. Die Funktionäre in Prag jedoch seien durch Nebenerwerb entschädigt. Herr Dr. Kohner erwidert, daß die Umlage wegen der Kosten der Beobachtung der religiösen Vorschriften in bezug auf das Schlachtgebot noch niemals erhöht werden mußte, und wenn die israel. Bewohner gewisser Prager vornehmen Gassen dieses Gebot einigermaßen unterschätzen, so könne er aus eigener Erfahrung versichern, daß er Augen und Ohren nicht getraut hat, als selbst ein Bewohner der Mariengasse, der ein frommes und gottesfürchtiges Haus führt, bittere Klage über gewisse Verhältnisse des einwandfreien Fleischbezuges ihm gegenüber erhoben habe. Herr Dr. I. Petschek bemerkt unter Heiterkeit der Anwesenden, daß er zwar auch in der Nähe der Mariengasse wohne, aber durchaus nicht mit Geringschätzung auf das Schlachtgebot blicke, sondern im Gegenteil, die Ausübung desselben für notwendig erachte. Wogegen er sich jedoch kehren müsse, sei die Bestellung eines besonderen Ueberwachungsorgans der Schlachthaus-Funktionäre. Er beantragt die Absetzung dieser Post aus dem Präliminare. Die Herren Dr. Bendiener und Vorsitzender Dr. Rosenbacher treten sowohl aus religionsvorschriftlichen als auch aus praktischen Gründen für die Beibehaltung des Aufsichtsorgans und für die Erhöhung seines Bezuges um 200 Kronen jährlich ein. Herr Dr. Petschek erklärt, es sei ihm nicht eingefallen, das in Rede stehende Aufsichtsorgan etwa brotlos machen zu wollen, er habe nur geglaubt, daß dasselbe in einem anderen Ressort der Gemeinde Verwendung finden könnte. Nach den Aufklärungen des Herrn Präsidenten und Vizepräsidenten akkomodiere er sich und werde für die Erhöhung stimmen. Bei der Abstimmung wird denn auch die ganze Post unverändert, im Sinne der Anträge des Referenten angenommen. Zu einer zweiten lebhaften Debatte kam es, als es sich um die Bewilligung der Post von 6300 Kronen zu Zwecken der Beteilung mit vorschriftsmäßiger Kost und Bedarfsartikeln für das Osterfest der Gefängnisse und Strafanstalten in Prag, Pankratz und Repp, dann der Irren- und Idiotenanstalt handelte. Die Vertreter der liberalen Richtung meinten, dieser namhafte Aufwand könnte vollständig gestrichen werden. Herr Kahler vertrat die Ansicht. daß den Sträflingen diese, durch das Religionsgesetz