Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 86 )ir. 5 Dr. Blochs Wochenschrift. das Erperiment des Geh. Iustizrates von Liszt rücksichtlich der Zeugenaussagen mit rechtskundigen Hörern — also Gebildeten — so ganz unbekannt? Mutz man ihr den Fall Ritter in Erinnerung bringen? Ist ihr schon entfallen, daß im Jahre 1893 im Schwurgericht in Neutitschein ein gewisser Florian Bäck zu lebenslänglichem Kerker wegen Raubes verurteilt wurde, indem ihn 9 Zeugen eidlich als den Räuber agnoszierten? Dennoch wurde eine Wiederaufnahme erwirkt, welche den wirklichen Täter fest stellte, der sich übrigens von Bäck dadurch unterschied, daß er — nicht hinkte! Fast mutz man wünschen, daß — was einem wirklichen Wunder gleichkäme — Hilsner denn doch der Mörder wäre, damit das entsetzliche Unrecht, ihn auf Grund solcher „Beweise" nun 1 Jahrzehnt lang bereits im schweren Kerker schmachten zu lassen, endlich aus der Welt geschafft wäre. Wien, Jänner 1910. Vom Aabrmarkt des Lebens. Die Juden in der österr.-ungar. Armee. Wir erhielten nachstehende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Doktor! Sie wollen die Mitteilung, die ich Ihnen letzten Donnerstag gemacht, schriftlich haben. Nun wohl. Ich habe in der letzten Fortsetzung des in Ihrem geschätzten Blatte „Die Oesterreichische Wochenschrift" vom 14. Jänner erschienenen, sehr interessanten Artikels „Die Juden in der österreichisch-ungarischen Armee" eine Lücke gefunden. Das 40. Regiment, in dem auch mein Gatte LeopoldBirmann gedient, hat ebenfalls vor Blumenau mitgekämpft. Für meinen Mann war diese Schlacht schon aus dem Grunde unvergeßlich, weil es die erste war, die er als Leutnant mitgekämpft. Er avancierte nach der Schlacht bei Königgrätz und, konnte erst in Preßburg seine Ausrüstung vervollkommnen. Nach der Schlacht von Solferino, 1859, die er als eben erst ausgemusterter Kadett mitgekämpft, wurde er öffentlich vor der Front belobt. Dies erzähle ich als kleinen Beitrag zu „Die Juden in der österreichisch-ungarischen Armee". Mit ganz besonderer Hochachtung Ihre Penzing, den 26. Jänner 1910. Franziska Birmann. Der Verfaffer des Artikels schreibt uns: In meinem in Rede stehenden Artikel streifte ich nur eine von der eigentlichen militärischen Affäre bei Blumenau völlig losgelöste Episode. In den in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichten Aufsätzen konnten ja die vielen Gefechte und großen Schlachten, in denen sich jüdische Soldaten hervorgetan und welche Tatbeschreibungen einen starken Band füllen dürften, nicht einmal in ganz großen Strichen skizziert werden. Eine solche Schilderung war übrigens — wie ich in eben jenem Artikel betonte — gar nicht beabsichtigt, und wenn ich eine Heldentat, die des Guttmann Fischer wiedergab, so geschah dies nur zu dem Zwecke, um den Lesern Ihres Blattes von der bravourösen Tat eines jüdischen Soldaten — wie es deren Hunderte gibt — einen Begriff zu ermöglichen. Sehr dankbar war ich der geehrten Einsenderin, wenn sie die Güte haben wollte, ein auf die in ihrer Zuschrift erwähnte, nach der Schlacht von Solferino ihrem Manne Leop. Birmann ausgedrückte Belobung bezughabeudes, eventuell vorhandenes Dokument mir zur Einsicht zu überlassen, zumal das Grundbuchsblatt hierüber keinen Vermerk enthält. Hochachtungsoll Moritz Frühling, VIII., Kochgasse 34, Tür II. Die Czernowitzer „Volkswehr" erhält folgende Zuschrift: Der Artikel „Juden in der Armee" ruft mir eine Jugenderinnerung wach, der ich Raum geben will. „Anfangs der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts inspizierte Se. kaiserl. Hoheit Erzherzog Rainer die Landwehrgarnison in Zaleszczyki. Bei der Mittagstafel, zu welcher auch der Bezirkshauvtmann und der Kinderarzt geladen waren, glaubte der Bezirkspascha dem kaiserlichen Prinzen ein besonderes Vergnügen zu bereiten, wenn er, der Landessitte gemäß, die Juden als Gesprächsthema aahltc und sich über ',ie in wenig schmeichelhafter Weise ausließ. Hierauf reagierte der erlauchte Gastgeber ungerührt wie folgt: „Da haben wir in der Armee ganz andere Erfahrungen. gemacht. Die jüdischen Offiziere sind sehr pflichteifrig, füllen ihren Platz vollkommen aus und — was die Hauptsache ist — sie machen keine Schulden." Diesen Vorfall hat der erwähnte Arzt, ein wegen seiner ärztlichen und menschlichen Qualitäten im ganzen Bezirke hochangesehener Mann, Dr. Julius Grünstein, mit dem der Friede sei, am selben Tage in meinem Vaterhause, wo er freundschaftlich verkehrte, mitgeteilt. Daß auch unser erhabener und weiser Kaiser, der Allerhöchste Kriegsherr selbst, den jüdischen Offizieren gleiches Wohlwollen entgegenbringt wie den anderen, ist allbekannt. Dr. K o h n. Eine Anregung für die Historische Kommission. Sehr geehrter Herr Redakteur! In den von der Historischen Kommission der isr. Kultusgemeinde herausgegebenen Quellenwerken Dr. A. Goldmann, „Das Judenbuch der Schiffstraße" und Dr. I. Schwarz, „Das Wiener Ghetto, seine Häuser und seine Bewohner" wird Ausführliches über die Judenaustreibung und Judenverbrennung zu Wien im Jahre 1421 berichtet. Die stattlichen und wohlgebauten Judenhäuser, welche das Geviert Wipplingerstraße, Tuchlauben, Bognergafse, Heidenschuß, Tiefer Graben bedeckten, und deren Haupiplatz der noch heute bestehende Judenplatz war, wurden.von Herzog Albrecht V., dem Urheber der „Geserrah" genannten Judenverfolgung, teils an Günstlinge verschenkt, teils an die Stadt Wien oder an einzelne Bürger verkauft. Nur die auf dem Platze des heutigen Schulhofes bestehende Synagoge, welche erst nach einer. Feuers- ' brunst fast von Grund auf aus schönen Quadersteinen neu aufgebaut worden war, wurde zur Demolierung bestimmt. — Auf den 250 Jahre später geübten Ausweg, die Synagoge in eine Kirche zu verwandeln, verfiel man damals noch nicht. Dennoch schien selbst diesen Vandalen die gänzliche Zerstörung mit Rücksicht auf die Neuheit des Materiales nicht angemessen. Kurz zuvor war der Grund zum Baue der Universität gelegt worden; daher beantragte der die Demolierung leitende Hubmeister, die schönen neuen Quadersteine der demolierten Synagoge dem - Univerfitätsbaue zu überlassen, wenn die Universität die Hinüberschaffung derselben auf eigene Kosten durchführe. In der Universitätssitzung vom 22. Dezember 1421 wurde dieser Antrag von dem Leibarzt des Herzogs, Magister Johannes Agyl, zur Abstimmung gebracht und mit Dank akzeptiert. „Und so wurde die Synagoge des alten Gesetzes in eine tüchtige Schule des neuen Gesetzes wunderbar umgewandelt", wie der lateinische Sitzungsbericht (Schwarz, S. 46, Anm. 105) besagt. Dieses ungefähr 500 Jahre alte Universitätsgebäude, der gegenwärtigen Generation als ehemaliges Hauptpostsparkassenamt bekannt, wird demnächst der Demolierung anheimfallen. Vielleicht, daß da noch einige der Quadern der damals neuen Synagoge unversehrt oder doch wenigstens agnoszierbar zutage treten. Meine Anregung geht nun dahin, die Historische Kommission der Kultusgemeinde wolle geeignete Schritte tun, um bei der Demolierung des alten Universitätsgebäudes durch Materialkenner, wie Steinmetze, Architekten oder Baumeister, die eventuelle Auffindung der Synagogenquadern bewerkstelligen lassen zu können. Sie möge dieselben in Besitz nehmen, um bei einem, so Gott will, in Bälde aufzuführenden Baue eines neuen großen Tempels in Wien diese Steine dem Neubaue an sichtbarer Stelle einzufügen und mit Inschriften Aber ihre Geschichte zu versehen.