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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-02-04 · 5 (4.2.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
5 (4.2.1910)
Date
1910-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Dr. Blochs Wochenschrift. vergießen*), denn du bist der, Soldat Christi. Vergesse nicht, daß im Namen des Höchsten gegen die eigene Familie grausam sein, das heißt wirklich fromm sein, das heißt dich und die deinigen retten. Deine alte runzlige Mutter will dich nicht fortlassen, drückt dich an die welke Brust, die dir einst die erste Nahrung gegeben hat, singt dir vielleicht die Schlaflieder vor, die sie dir einst an der Wiege gesungen — verstopfe deine Ohren und fliehe. Du wirst mir vielleicht antworten, daß Gott befiehlt, den Eltern zu gehorchen. Das ist wahr, aber er lehrt uns auch, daß sie mehr als Christus lieben, Christus entsagen heißt. Glauben sie an ihn nicht, dann lasse die Toten ihre Toten begraben." Nach diesen Lehren haben auch viele Heilige und sonstige fromme Christen gehandelt. So wird von dem heil. Columba erzählt, daß er, zu seiner Missionstätigkeit aufbrechend, ohne die Bitten und Tränen seiner Mutier zu achten, über die auf dem Boden liegende hinwegschritt, mit idem Herrenworte (nach Matthäus): „Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist meiner picht wert." Der berühmte Säulenheilige Simeon, der bei dreißig Jahre seines Lebens auf einer hohen Säule stehend oder sitzend zubrachte — zum Liegen war oben kein Platz — gestattete seiner alten Mutter nicht einmal den Zutritt zu dem von einem Gitter abgeschlossenen Raum um die Säule. Sie konnte den Sohn nur von ferne sehen. Noch ärger trieben es aber der Eremit Pastor und seine Brüder, die sich von der Mutter nicht einmal sehen lassen Wollten. Als sie auf freiem Felde die alte Frau von ferne erblickten, liefen sie davon, verbargen sich in ihren Zellen, deren Türen sie verrammelten. Vergebens bat die Mutter weinend, sich ihr wenigstens auf einen Moment zu zeigen. „Es ist doch kein Unrecht, wenn ich euch sehen will, ich habe euch doch geboren, an meiner Brust ernährt und erzogen." — „Was machst du solchen Lärm, altes Weib", antwortete der zärtliche Sohn, „wenn du eine gute Christin bist und verzichtest uns hier zu sehen, wirst du uns im Himmel Wiedersehen." Mit diesem Trost mußte sich die Mutter begnügen.**) Andererseits, wenn Eltern sich gegen ihre Binder lieblos, ja ungerecht benahmen, konnten sie statt Tadel und Zurückweisung den Beifall der Geistlichkeit finden, wenn es zu ihrem oder der Kirche Vorteil geschah. Es war dies besonders der Fall, wenn Ellern ihre unmündigen Kinder, sogar Säuglinge, der Kirche widmeten, selbst wenn die Kinder keine Neigung dazu oder gar Widerwillen hatten. Die Regel des Venediktinerordens enthält Vorschriften über die bei Aufnahme solcher Opfer väterlicher Hartherzigkeit zu beobachtenden Zeremonien. Mitunter sollte das Kind als Sühnopfer für väterliche oder mütterliche Sünden dienen oder es waren noch schlimmere Motive im Spiele. Wenn solche Kinder, mündig geworden, das Kloster verließen und heirateten, wurden sie mit Kirchenstrafen belegt und die Ehe für ungültig erklärt. Um sie noch fester an das Kloster zu binden, mußten die Ellern bei Uebergabe eines solchen Kindes es in förmlicher Weise enterben. Der Leser bewundert vielleicht diese Uneigennützigkeil der Kirche, aber ein kleiner Zusatz lautet: Es steht den Eltern frei, dem Kloster dafür eine Schenkung zu machen, und — sie machten.stets von dieser Freiheit Gebrauch. Es kam aber auch vor, daß ältere Brüder den jüngern dem Kloster widmeten. Sein Anteil am väterlichen Erbe, das sie sich aneigneten, war wohl mehr wert, als das Geschenk, das sie dem Kloster dafür machten.***) *) Eieet in limine pater jaceat per calcatum perge patrem (Ep. 5). **) Goldene Legende des Erzbischofs Jakob von Genua (gest. 1298) Fol. 345. . ***) Das Thema ist recht ausführlich behandelt in dem Artike Oblati von Ducange's Clossariurn ad scriptores mediae et infimna latinatis, Und Ducange ist Schüler der Jesuiten gewesen. S eite 96 So arbeiteten Bigotterie und Habsucht einander in in die Hände. Kaiser Majoranus (gest. 461). einer der bessern spätrömischen Kaiser, ein frommer Christ, verbot gerade wegen seiner vernünftigen Frömmigkeit, die Aufnahme von Mädchen unter vierzig Jahren in Klöster, wohin sie Armut oder Vorliebe der Ellern für die andern Minder brachte. Uebertretern dieses Verbotes sollte ein Drittel des Vermögens konfisziert werden, die Geistlichen, die solche Opfer weihten, verbannt werden.*) Aber dieses Verbot scheint nur kurze Zeit beachtet worden zu sein. (Schluß folgt.) Das katholische Meßkleid jüdische« Ursprungs? Vor wenigen Tagen hielt der gegenwärtige Rektor der Wiener Universität. Kaplan Professor Swoboda vor einem Publikum, in dem sich die Elite der Wiener Gesellschaft befand, einen hochinteressanten Vortrag über kirchliche Kunst. Namentlich das Meßkleid mit seiner unschönen „Baßgeigenform", die sich mit den Formen einer wirklichen Gewandung nicht erklären läßt, hat nicht nur bei Swoboda, sondern bei verschiedenen von der Kirche heilig gesprochenen Männern Befremden erregt. Deswegen ist Swoboda der Kleidung durch die Jahrhunderte bis zu den Gräbern von Aquilea und Aegypten und in die römischen Katakomben nachgegangen und glaubt auf Grund dieser Funde den jüdischen Ursprung des Kleides sicher Nachweisen zu können. Denselben Weg ist, übrigens unabhängig von ihm, ein englischer Forscher auf Grund des Canterburyer Domschatzes gegangen, nicht ohne durch sein mir in Wien nicht zugängliches Werk: Jnventories of Christ Church, Canterbury. London 1902, Polemiken in jüdischen und christlichen Kreisen hervorgerufen zu haben. Nun scheint aber I. W. Legg die Kirchenkleidung auf die jüdisch-priest erliche zurückgeführt zu haben, wo wir höchstens mit dem Me'il, dem blau-rotpurpurnen Mantel des Hohenpriesters, der gleichfalls ärmellos war und über den Kopf angezogen werden mußte, eine entfernte Analogie feststellen könnten. Swoboda ging in geistreicher Weise einen anderen Weg. Er findet das altchristliche Meßkleid in der Form vollkommen identisch mit der griechischen Pänula, dem Reisemantel, namentlich der untern Klassen, ein Urgewand von so praktischer Form als Schutz, gegen Wind und Wetter, das wir es in Wien noch zu Tausenden als Wettermantel der Touristen sehen können, ein rechteckiges Stück Loden, in d em ein Loch für den Kopf frei ist. So ähnlich sah offenbar der alttestamentische Me'il aus, der sich wieder mit der Abbayah der heutigen Fellachen vergleichen läßt, einem teppichartigen Stück Tuch das ohne Zuschnitt so zusammengenäht wird, daß Löcher für die Arme und den Kopf freibleiben. Schon auf hethitschen und allbabylonischen Denkmälern sehen wir ähnliche Mantelformen, die aus dem Ur-Beduinenkleid hervorgingen, natürlich aber schon aus dea kostbarsten Stoffen bestanden haben und stets mit Borten und Fransen verziert waren, welch' letztere dann bei den Juden eine religiöse Symbolik annahmen und von welchen auch die typischen Borten des Meßkleides herrühren könnten. Die Fellachen-Abbayah nun ist ein eben so unschönes als praktisches, namentlich für Wanderungen ebenso unentbehrliches Stück wie unser Wettermantel. In herodianischer Zeit wird uns die zylindrische Form dieser Röcke, in die nur ein Halsloch geschnitten wird, ausdrücklich bezeugt, woraus Ben- *) Quis ferat parentes Alias quas oderunt bis non tarn dicari quam damnere consiliis, ut eas in annis adhuc minoribus constitutas necessitati continuae virguiitatis addicant heißt es tu der Motivierung dieses Gesetzes. (Codex Theodosianus L. IV 8. novella).

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