Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 5 (4.2.1910)
- Date
- 1910-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021879--19013-3043972- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 82 Dr. Blochs Wochenschrift. Ar. 6 ben Worten, die ihn das Iohannesevangelium seiner Mutter.sagen läßt: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen!" noch eine der Kindespietät einigermaßen entsprechende Auslegung geben, und in der Tat hat Pfleiderer (Das Urchristentum II 350) sie allegorisch erklärt: Das „Weib" (yOvai) ist die „theokratische Gemeinde Israels"! Ebenso erklärt er die Verwandlung des Wassers in Wein bei der Hochzeit in Kana als Allegorie der Verwandlung des „geschmack- und kraftlosen Zeremonienwesens des Judentums in den Freuden- und Kraftgeist des Evangeliums". Merkwürdigerweise hat die christliche Kirche gar manches aus diesem „geschmacklosen Zeremonienwesen" angenommen oder nachgeahmt. Aber was den gelehrten Herren nicht in ihr System patzt, wird für Allegorie oder als interpoliert erklärt. Und andere Herrenworte, die geradezu revolutionierend in das Familienleben eingreifen, widerstehen selbst der Auslegungskunst des berühmten Historikers des Urchristentums. Im Alten Testament (I Könige XIX 20) wird erzählt wie Elischa, der dem Propheten Elias folgen wollte, von diesem aus seine Bitte die Erlaubnis erhielt, vorher nach Hause zu gehen und von seinen Eltern Abschied zu nehmen. Jesus aber sagt dem Jünger, der um die Erlaubnis bittet, seinen Vater zu begraben: „Folge du mir und latz die Toten ihre Toten begraben". (Matth. VIII 21). Ferner: „Wer Vater und Mutter mehr liebet als mich, der ist mein nicht wert" (Matth. X 37). Und noch schärfer heitzt es bei Lukas XIV 26): „Wer nicht hasset -Vater und Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein." Die moderne Bibelkritik mag ja die Echtheit mancher dieser Sätze bestreiten, aber sie wurden Jahrhunderte lang für echt gehalten und sind nicht wirkungslos geblieben. Nur an einer einzigen Stelle des Neuen Testaments, in Paulus Epistel au die Epheser (VI 1—3), wird den hindern empfohlen, den Eltern zu gehorchen, aber nur „in dem Herrn" (ev Kucpi'w), also wohl nur, wenn die Ettern der Lehre des „Herrn" folgen. In Paulus wirkte noch die jüdische Erziehung nach, wie ja auch das „die Frau soll in der Versammlung schweigen, wenn sie was lernen will, soll sie ihren Mann fragen" in seiner ersten Epistel an die Korinther (XIV 34) noch ganz der damaligen Stellung der jüdischen Frau entspricht. Und diese Stellung der Frau ward umso niedriger, die Feindschaft gegen die Familie um so stärker, je mehr das Christentum sich von seinem Ursprung entfernte, je mehr es weltliche Macht erlangte und endlich herrschende Staatsreligion ward. Diese Geringschätzung der Familie hat das Christentum aus dem Heidentum übernommen. Dr. Paul Wendland Zitiert in seinem inhaltsreichen Werke „Die hellenistisch-römische Kultur in ihren Beziehungen zu Judentum und Christentum" aus der Propaganda-Schrift eines Zynischen Philosophen u. a. folgendes: „Sind bei Gott größere Wohltäter der Menschheit die, welche zwei oder drei rotzige Kinder in die Welt setzen, oder die alle Menschen nach Vermögen beaufsichtigen, was sie treiben, wie sie leben, wofür sie sorgen, was sie pflichtwidrig vernachlässigen? Haben den Thebanern die, welche Kinder Hinterlieben, mehr genützt als Epaminondas, der kinderlos starb? Oder hat Priamos, der fünfzig Taugenichtse erzeugte, mehr für die Gesamtheit geleistet, als Homer? Das Königtum des Kynikers ist es wert, um seinetwillen auf Weib und Kinder zu verzichten." Es ist interessant, daß dieser heidnische Philosoph und Propagandist sich und seine Genossen schon Episkopos nennt, wie lange Zeit später die höheren christlichen Geistlichen benannt wurden. Der Apostel Paulus hat noch (I Korinther VII 13) die Ehe zwischen Christen und Ungläubigen gebilligt. die katholische Kirche verdammt sie, in Oesterreich verbietet und verhindert sie auch der Staat. Das junge Christentum vertraute seiner Bekehrungskraft, das altgewordene fürchtet die Ansteckung. Und in gleichem Matze wurden die Frauen und die Ehe herabgesetzt. Bei Kirchenvätern und mittelalterlichen frommen Schriftstellern wimmelt es von Schmähungen beider : Die Frau ist ein untergeordnetes, unreines.Geschöpf, ein Gefätz des Satans. Durch die Ehe, sagt der heilige Hieronymus, werde jeder Unterschied zwischen Menschen und unvernünftigen Tieren aufgehoben, die Kinderzeugung sei ein unreinliches, sündhaftes Geschäft. An das schöne Wort „Lasset die Kindlein zu mir kommen," mit dem jetzt so viel Staat gemacht wird, scheint man im frühen Mittelalter vergessen zu haben, es jedenfalls nicht im modernsten Sinne aufgefatzt zu haben. Nicht um Eltern, Gatten und Kinder hatte der wahre Christ sich zu kümmern, sondern um sein eigenes liebes Seelchen, es zu „retten", ihm ein schönes Plätzchen im Paradiese zu sichern. Alles andere war Nebensache, höchstens daß man auch andere Seelen zu retten suchte. Um die Mitte des vierten Jahrhunderts forderte Firmicus Maternus in seiner Schrift gegen die Heiden, (Oe errore profanarum religionum) Kinder, Gatten und Freunde zu Denunziationen und Verfolgungen ihrer Angehörigen auf. Datz die spanische Inquisition die Gläubigen zur Denunziation und zum Verrat ihrer ketzerischen Verwandten zwang, ist bekannt, weniger, daß die schottische, calvinistische Geistlichkeit im 17. Jahrhundert in derselben Weise vorging, ja es fast noch ärger trieb. So lehrte Pastor Hutcheson, daß Eltern ihre vom Glauben abfallenden Kinder nicht schonen dürfen; selbst sollen sie über sie zu Gericht sitzen, verurteilen und das Urteil vollziehen oder sie dem Gericht übergeben. Nicht ganz korrekt glaubenden Müttern wurden die Kinder weggenommen. Eine Mutter, welche ihrem von der Geistlichkeit exkommunizierten Sohn Obdach gegeben hatte, wurde gezwungen, das feierliche Versprechen zu geben, es nie mehr zu tun, den Sohn, falls er wieder kommen sollte, zu denunzieren und auszuliefern. Sehr richtig sagt Eucken*): „Die religiöse Lehre der Kirche war im Grunde durchaus nicht, wie es den Anschein hatte, eine Stütze der Familie. Vielmehr lösten sich unter der Machtwirkung der asketisch hierarchischen Religiösität die Bande des Familienlebens mehr auf, als sie durch dieselbe befestigt wurden. Die Macht der Kirche war der Zielpunkt der von ihr aufgestellten rechtlichen und sittlichen Ordnungen des Familienlebens. Was das letztere an innerer Festigkeit verlor, fiel der Kirche als ein Zuwachs ihres Machtbesitzes anheim." Elternliebe und Gehorsam der Kinder gegen die Eltern, werden dem Gehorsam und der Anhänglichkeit an geistliche Führer nachgesetzt, ja fast schon als sündhafte Anklammerung an Irdisches verdammt. Der Kirchenvater und heilige Ambrosius lehrt, datz die Kinder, welche gegen den Willen ihrer Eltern sich dem Mönchsleben widmen, lobenswerter sind, als die es mit ihrer Zustimmung tun. „Und wie geringfügig," setzt er hinzu, „sind die Strafen, welche die Eltern ihnen auferlegen können im Vergleich mit den Belohnungen des asketischen Lebens." Und ein anderer Kirchenvater, der heil. Hieronymus, schrieb seinem jungen Freunde Heliodorus: „Vergiß nicht den Tag, an dem du in den Dienst Christi tratest! Im weißen Gewände des Täuflings hast du geschworen, dem Erlöser zu dienen, ihm alles zu opfern, selbst Vater und Mutter. Das hast du gelobt! Und wenn du deinen Vater auf der Schwelle liegen siehst, , um dein Weggehen zu hindern, schreite über ihn weg, ohne eine Träne zu *) Geschichte und System der mittelalterlichen Weltanschauung S. 467.