Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021878--19003-3043961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 78 Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde.richtete an den Jubilar eine Adresse, die solgenden Wortlaut hat: Sehr geehrter Herr! Am heutigen Tage vollenden Sie das vierzigste Jahr Ihrer Tätigkeit als Lehrer an Volks- und Bürgerschulen. Seit mehreren Jahrzehnten wirken Sie als Religionslehrer der israelitischen Kultusgemeinde. Die hohen Aufgaben Ihres Berufes erkennend, haben Sie stets alle Ihre Kräfte in liebevoller und erfolgreicher Weise eingesetzt für das Wohl der Ihnen anvertrauten Schuljugend und fürsorglich waren Sie auch bemüht, armen Kindern ein Helfer in der Not zu sein. Sie waren und sind den Kindern ein weiser Erzieher und väterlicher Freund und darum bewährt sich bei Ihnen und Ihren Schülern das Wort des biblischen Dichters: ism 'S bv "pn •uäö niO' ppr "3 DJ Ihre Schüler behalten Ihre Lehren als Reichtum fürs ganze Leben. In der richtigen Erkenntnis, daß jene bedauernswerte Jugend, deren Sinne mangelhaft entwickelt find, besonderer Fürsorge bedürfen, haben Sie das erste österreichische Taub' stummen-Externat begründet und in jahrelangem rastlosen Mühen mit Ihren, auch von den Unterrichtsbehörden besonders gewürdigten hervorragenden fachmännischen Kenntnissen erfolgreich geleitet. Ebenso haben Sie, Ihrem Herzensdrange folgend, den Verein zur Unterstützung mittelloser taubstummer Schulkinder ins Leben gerufen. In dankbarer Anerkennung Ihrer Lehrtätigkeit und Ihres humanitären Wirkens gereicht es mir daher zur aufrichtigen Freude, Sie heute namens des Vorstandes der israel. Kultusgemeinde und in meinem eigenen Namen herzlichst zu beglückwünschen. Möge es Ihnen gegönnt sein, sich noch viele Jahre Ihrer geistigen und körperlichen Rüstigkeit zu erfreuen, zum Wohle unserer Gemeinde, zum Wohle nnserer Jugend, zum Glücke Ihrer Familie. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Theodor Lieben Dr. Alfred Stern Sekretär. Präsident. Ein Könisswort. Brüssel, 17. Iänner. König Albert I. und die Königin Elisabeth empfingen gelegentlich ihrer Thronbesteigung nach festgesetzter Reihenfolge die Repräsentanten der konstituierten Institutionen des Landes. Am 15. d. M., nachmittags, war die Reihe an der Geistlichkeit der 3 anerkannten Konfessionen, den Vertretern der katholischen, der protestantischen und der israelitischen Konsistorien. Herr Oberrabbiner A. Bloch hielt folgende Anrede an den König: „In einer Zeitepoche von 79 Iahren hat Belgien zwei Regenten auf seinem Thron gehabt: beiden gelang es, das Land blühend und glorreich zu gestalten. Das dritte Königshaus,' dem heute die Herzen aller Belgier entgegenschlagen, kündigt eine nicht minder schöne unö große Zeit an. Eure Majestät werden mit Gottes Hilfe alle vom Volke auf oie gesetzten Hoffnungen zum Wohle der Untertanen glänzend erfüllen. Als der König Salomon den Thron Israels bestieg, verlangte er von Gott nicht eitlen Ruhm, sondern Kraft und Fähigkeit, sein Volk mit Weisheit zu leiten und mit klarem Sinn es auf die Bahn des Glückes zu führen. In unseren Gebeten sprechen wir denselben Wunsch aus, wir flehen den Herm an. daß er Eurer Majestät ähnliche Gaben verleihe, daß er Über Sie, sowie über die ganze königliche Familie wache, daß er Belgien unter seinen göttlichen Schutz nehme und seinen Segen dem Lande spende." Auf diese Ansprache antwortete König Mberl wie folgt: „Sie haben. Herr Rabbiner, besonders liebenswürdige Worte gefunden, um die Gefühle der Anhänglichkeit des Konsistoriums und der belgischen Iudenheit zu charakterisieren. Die Königin schließt sich mir an. um Ihnen unsere aufrichtige Erkenntlichkeit auszudrücken. Wir hegen beide die besten Wünsche für die Wohlfahrt und das Glück der Anhänger einer Religion bei der Gerechtigkeit und Wohltun in so hoher Achtung stehen. Unter dem Schule unserer Institutionen können die religiösen und moralischen Kräfte sich frei und ungehindert entfalten. Das ist eine der großen Wohltaten des Freiheits-Grundsatzes, dem Belgien unerschütterlich treu bleiben wird." Diese Worte lösen in den hiesigen jüdischm Kreisen die freudigsten Gefühle aus. Bern, ltz och sch ule.) Unser Philosvphüp.os.ssor H.rc Dr. Ludwig Stein, der. über das Wintersemester wissenschaftlicher Arbeit halber sich beurlauben hat lassen, tritt nach der Meldung des „Bund" von seiner Lehrtätigkeit zurück, um sich ganz der philosophischen Forschung widmen zu können. Die hiesige Universität verliert an Professor Stein eine ihrer besten Lehrkräfte. Er verstand es, die schwierige Disziplin der Philosophiegeschichte, die in der Hand vieler so spröde sich erweist, so zu handhaben, daß sie zu einer der interkfsantesten Lehrdisziplinen der hiesigen Hochschule geworden. Aus allen Fakultäten strömten die Wißbegierigen herbei, um das Kolleg des Professors S: ein zu hören. Der größte Lehrsaal stand seiner Vorlesung zur Verfügung und dieser erwies sich als zu klein. In den Seiten- und Mittelgängen drängten sich all diejenigen, die keinen Platz mehr fanden, und nicht selten mußte man auswandern nach der Aula, dessen weiter Raum nur für öffentliche festliche Anlässe bestimmt ist und der bei einer Srein'schen Vorlesung besonders am Dienstag bei einem publios keinen leeren Platz auswies. Was dem Kolleg des Professor Stein diese große Anziehungskraft verlieh, war nicht allein die bekannte rhetorische Begabung, die ihn auszeichnet, sie lag vielmehr in seiner Auffassung der Ausgabe eines Philosophiehistorikers und in der originellen Art, wie er diese Aufgabe zu lösen verstand. Nicht wie fremde Lehrmeinungen wurden die einzelnen Philosopheme doziert und interpretiert, sie find vielmehr vor den Augen der Schüler entstanden. Als würde jeweils der Autor selbst sein eigenes System entwickeln, so hat Professor Stein ihn verdolmetscht. Man glaubte den Vertreter des Idealismus vor sich zu haben, wenn Plato gelesen wurde; man meinte einen Spinozisten zu hören, wenn Spinoza an die Reihe kam, und man wußte sich eins mit Kants Kritizismus, wenn die Kategorienlehre entwickelt wurde. Profeffor Stein verstand es, sich in den Geist jedes Denkers „einzufühlen" und diese Einfühlung war es eben, die seinen Vorlesungen den unwiderstehbaren Reiz verliehen, sie so instruktiv und zu einer wahren Quelle philosophiegeschichtlichen Wissens machte. — Mit der bedeutenden Lehrkraft verliert die hiesige Universität an Profeffor Stein auch den verdienstvollen Leiter des „Archivs für Geschichte der Philosophie", eine Zeitschrift, die Profeffor Stein im Verein mit Eduard Zeller, Wilhelm Dillhey, Hermann Diels und Benno Erdmann im Jahre 1887 ins Leben gerufen und die heute jedem, der philosophische Jntereffen hat. unentbehrlich scheint. Parallel dem „Archiv für Geschichte der Philosophie" läuft das „Archiv für systematische Philosophie" mit Paul Natorp und Christoph v. Sigwardt als Mitarbeitern und schließlich redigiert Professor Stein die „Berner Studien", in welchen bis jetzt einige siebzig zumeist hervorragende Differtationsarbeiten veröffentlicht wurden. Was Profeffor Stein seinen Studenten war, die er wie ein Vater seine Kinder liebte, läßt sich im Rahmen eines Zeitungsberichtes nicht erschöpfen. Dem Leserkreise dieser Zeitung sei es nur gesagt, daß all die Unterstützungskaffen, Hilfsvereine und Speiseanstalten, die der Studentennot steuern und sie erträglicher machen sollen, an