Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021878--19002-3043960- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 72 Nr. 4 Dr. Blochs Wochenschrift. hat, um den jüdischen Kult zu pflegen und zu verschönern nicht nur für seine Vereinsmitglieder, sondern für die gesamte Judenschast des IX. Bezirkes, behandelt ihn nicht stiefmütterlich. Meine sehr geehrten Herren von der Generalversammlung, wenn sie meinen soeben gehörten Ausführungen zustimmen, so betrauen Sie mich neuerlich mit Ihrer Vertretung im Vorstande des Vereines. (Lebhafter Beifall.) Herr Obmann Straßberg vom X. Bezirk freut sich, in eine so gut besuchte und dabei einträchtige Versammlung gekommen zu sein, bewundert die Vereinsleitung, die imstande ist, bei einem Budget von 65.000 Kronen mit dex geringfügigen, nur 2450 Kronen betragenden Gemeindesubvention auszukommen und wünscht dem Vereine ferneres Gedeihen. Er möchte gerne erfahren, ob auch der Vereinstempel nur bei den Seelenaudachten und nn den hohen Feiertagen gefüllt, sonst aber wie der Tempel im X. Bezirke leer sei und welches die Ursache dieser Erscheinung sei. Vereinsmitglied Glück tadelt den Ver« eiusvorstand, weil er zu einem Leichenbegängnisse II. Klasse nur den II. Kantor, aber nicht' den Oberkantor entsendet habe. Redner bemängelt das Verlassen des Gotteshauses am Freitag abends während deS Schlußgesanges, rügt endlich das brüske Anfahren eines bedeutenden Gelehrten, der sich an einem der Leiter des Minjans in der Sechsschimmelgaste wegen Umtausch seines Betfitzes gewendet habe, von diesem aber barsch angefahren wurde. Der Vorsitzende entgegnet: Leichenbegängnisse werden im Friedhosamte der Gemeinde angemeldet, welches auch die Funktionäre berufe. Ein Oberkantor und ein Rabbiner werden auch bei Leichenbegängnisten nur zugezogen, wenn die Leidtragenden es ausdrücklich verlangen und auch separat bezahlen, was in iu dem vorgebrachten Falle offenbar unterblieb. Der Vereinsvorstand habe auf Leichenbegängniffe keinen Einfluß. Der Schlußgesang ist kein Gebet. Er eignet sich weder seinem Inhalte, noch der Mell die nach zur Andacht. In devt erwähnten Falle habe er dem Gelehrten Satisfaktion geboten, indem er ihm an Stelle des schlechten Sitzes im Minjan einem der vordersten Sitze im Tempel selbst übergab, mehr könne nicht geschehen, nachdem der vom Beschwerdeführer genannte Vorsteher die Beleidigung bestreitet und seinem ganzen Wesen nach die Darstellung unwahrscheinlich macht. Redner führt den spärlichen Besuch der Gotteshäuser auf die allgemeine Zeitströmung zurück. Dazu kommt in unserer Gemeinde noch das Ueberwuchern des Wohltätigkeitswesens, wodurch der Kultus erdrückt werde. Indem die Gemeinde mehr als die Hälfte der Steuern für philanthropische Zwecke ausgebe, bleibe ihr nicht genug, um ihre Rabbiner und Kantoren standesgemäß zu erhalten, noch viel weniger, um den Bezirksvereinen die Erfüllung ihrer Aufgabe zu ermöglichen. Seelsorger und andere Funktionäre werden gezwungen, auf Kosten ihres Ansehens ihr Einkommen zu verbeffern und auch die Tempelvereine find bemüffigt, um das Auslangen zu finden, Mittel anzuwenden, welche dem erziehlichen Zwecke derselben geradezu entgegenwirken. Der Reiche meidet das Gotteshaus, weil er fürchtet, zu Opfern gepreßt zu werden, und der Unbemittelte folgt dem Beispiele des Reichen. Auf dieser schiefen, in den Abgrund führenden Bahn befindet sich unsere Gemeinde seit des seligen Mannheimers Zeiten zum großen Unterschiede von allen anderen Gemeinden. - Dr. I. S. Bloch pflichtet den Ausführungen des Vorredners bei. Die Steuerträger find im Unklaren über die Verwendung der eiugehobenen Kultussteuern. Nach seiner Ansicht hat die Gemeinde moralisch gar nicht das Recht, einen so großen Teil der Steuern für Wohltätigkeitszwecke auszugeben. Es wäre nicht unangebracht, daß von den Tempelvereinen die Anregung zur Trennung des Kultus von dem Wohltätigkeitsweseu in der Wiener Kultusgemeinde gegeben werde. Damit würde die heutige Generalversammlung ein Markstein in der Entwicklung des Wiener Kultuswesens werden. Schließlich dankt Redner namens der Vereinsgenoffen dem Präsidenten, der bei jedem Anlässe sein warmes Hetz für den Verein und die jüdische Allgemeinheit betätigt und erst kürzlich gemeinschaftlich mit seiner Gattin durch eine hochhetzige Spende die Errichtung eines Kinderheimes ermöglicht hat. Auch für diese edle Tat, welche nicht nur dem Vereine und dem Bezirke, sondern dem gesamten Judentume zur Ehre gereicht, gebührt ihm besonderer Dank. Er möchte wünschen, daß diese Ausführungen weit hinausdringen. Redner rühmt das Wirken des Vorstandes. Nach seinen Worten bereitet die Versammlung dem Präsidenten eine herzliche Ovation, für welche derselbe mit wenigen Worten Dank sagt. Herr I. Witrofsky bekräftigt die Erklärung inbetreff der Leichenbegängnisse. Herr Wilhelm Pappenheim schließt sich dem Gehörten vollkommen an, er empfiehlt die Herren Dr. Moriz Sch nepp, Ignaz Simon und kais. Rat Jg. Wilhelm zur einstimmigen Wiederwahl. Das durch die Herren Lampe! und Alfred Waitzner geleitete Skrutinium ergibt die einstimmige Wahl folgender Herren: _ In den Vorstand : Dr. M. S ch n e p p, Jg. Simon und kais. Jg. Wilh elm; in den Ausschuß: Salo Fuchs, Dr. A. Glogau, L. Han d l, G. K o r a l e k, W. P a ppenheim, I. Steiner. Dr. Steiner und I. T r e b i t s ch. Mit Dank für den zahlreichen Besuch schließt der Vorsitzende die Versammlung. Ehrung eines jüdischen Oberlehrers. Der Oberlehrer der städtischen Mädchenschule Ignaz Weber vollendete am 1. Jänner d. I. sein vierzigstes Dienstjahr. Der Lehrkörper dieser Anstalt bereitete seinem Chef äm 19. Jänner eine solenne Jubelfeier, die nach jeder Richtung glänzend verlief. Der Festsaal war mit Teppichen, Blattpflanzen und Blumen herrlich geschmückt. Zur Feier fanden sich ein; Bürgermeister Dr. Lueger, Landesschulinspektor Hofrat Dr. R i e g e r, Bezirksschulinspektor kais. Rat Hofer, die Präsidenten der isr. Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern und Dr. Gustav Kohn mit den beiden Sekretären kais. Rat Doktor Lieben und Dr. Adler, Bezirksschulrat Dr. Spitzer, die Gemeinderäte Baurat Stiaßny, Schalich, Magistratsräte Bibl und Arlet, Büchler. Bezirksvorstand Jägersberger, Landtags abgeordneter Pfarrer Schnabel, die Pfarrer Modest, Rosenberger, Haubner, sämtliche Ortsschulräte des II. Bezirkes mit dem Obmannn^Stellvertrer H e l b i g, und eine große Anzahl Bürgerschuldirektoren, Oberlehrer, Lehrer und Lehrerinnen aus allen Bezirken. Ihr Fernbleiben haben entschuldigt Geh.RatChlumecky, Bankdirektor Kuranda, Herrenhausmitglied geheimer Rat Exner, Regierungsrat Hinterwaldner, und andere. Präzise 10 Uhr erschien der Bürgermeister und wurde vom Lehrer Schulhof in den Festsaal geleitet. Nachdem die anwesende Schuljugend Beethovens „Allmacht Gottes" bei Harmonium-Begleitung in überaus wirksamer Weise exekutiert und mehrere Schülerinnen vom Lehrer Schulhof und Fräulein Brauchbar verfaßte Huldigungsgedichte mit seltener Präzision vorgetragen hatten, hielt der Bürgermeister eine höchst interessante Ansprache, in welcher er dem Lehrkörper für die Veranstaltung der Feier dankte und die Schuljugend für die vorzüglichen gesanglichen und deklamatorischen Vorträge herzlich belobte. Ich bin, sagte der Bürgermeister, gerne hieher gekommen, nicht allein darum, um das Fest mitzufeiern und den Jubilar zu ehren; ich wollte auch zeigen, wie sehr ich den Lehrerstand ehre und wie hoch ich den idealen Beruf des Lehrers einschätze. Hierauf hielt Landesschulrat Hofrat Rieger eine längere Ansprache, in welcher er das verdienstvolle Wirken des Jubilars um das Tanbstummen-Externat und um die Gründung des Unterstützungsvereines für hilfsbedürftige Taubstumme in überaus warmen, anerkennenden Worten würdigte. Bezirksschulinspektor kaiserl. Rat August Hofer schilderte das überaus segensreiche Wirken des Jubilars in der Schule und betonte, daß in dieser Anstalt schon seit Jahren die phonetische Methode Eingang gefunden und die schönsten Erfolge zu verzeichnen find. Obmann- Stellvertreter Helbig Lberbrachte die Glückwünsche des Ortsschulrates des 2. Bezirkes. Hierauf beglückwünscht der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern den Jubilar. In überaus warmen Worten würdigt er die Verdienste des Jubilars und überreicht namens des Präsidiums eine in anerkennenden Worten verfaßte Adresse. Schließlich nahm Schulinspektor Professor Kanitz das Wort, um die schönen Erfolge des Jubilars als Religionslehrer in warmen anerkennenden Worten zu würdigen. Nun hielt Lehrer Schulhof die mit großem Beifall anfgenommene Festrede. Tief gerührt dankte der Jubilar für die außergewöhnliche Ehrung. Nochmals ergriff der Bürgermeister das Wort, um in warmen, patriotischen Worten des Kaisers zu gedenken. „Unser geliebter Kaiser", sagte er unter anderem, „umfaßt alle seine Untertanen ohne Unterschied der Konfession u n d Nationalität mit gleicher Liebe". Mit Absingung der Volkshymne endete die schöne Feier, eine wohlverdiente, aber auch anerkennende Ehrung des ersten jüdischen Oberlehrers in Wien mit vierzigjähriger Dienstzeit, gewiß ein Kidusch Haschem für das ganze Judentum. .