Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 70 bezeichnen. Bei der Behandlung des babylonischen Talmud folgt Funk den Ergebnissen seiner Forschungen, die in seiner Geschichte der Juden in Babylonien niedergelegt sind. D as Kapitel über die R e d a k t i o n d e r O r d u n n g N e s i k i n (S. 107—110) enthalt besonders originelle und ergebnisreiche Aufschlüsse. Der eingeweihte Leser wird auch die Stellungnahme des Vers, zur noch immer brennenden Tosefta-Frage bemerken (S. 95) und sehen, daß er das Verhältnis der Tosesta zu Mischnah. und Boraita richtig auffaßt, wie er dann den verschiedenen Halachasammlungen, deren jede einzelne im Kreise der kritischen Forscher Gegenstand verschiedenster Erklärungen geworden ist, die gebührende Stelle in der Entstehung und Entwicklung der Halacha anzuweisen bestrebt ist. Den Schluß des Buches (S. 115) bildet ein kurzer Ueberblick über die Geschichte des abgeschlofleuen Talmuds. „Der Talmud kann und wird eigentlich in einem gewissen Sinne nie abgeschloffen werden. Die nimmer rastende Zeit schafft immer neue Verhältnisse, wirst stets neue Fragen auf, die den Hüter des Religionsgesetzes zwingen, immer wieder zu den ältesten Quellen zurückzukehren, zur Bibel und zum Talmud. Die Tradition hat noch immer die Aufgabe, zwischen dem Alten und dem Neuen zu vermitteln. Alt wie sie ist, älter als jedes geschriebene Wort, bleibt sie ewig jung; sie übermittelt die Vergangenheit den kommenden Generationen und verbindet die wechselnden Zeiten zum lebendigen Strome, der durch die Jahrtausende flutet." Dieser große Gesichtspunkt leitet Funk auf seinen Wegen; er verliert sich nicht in Kleinlichkeiten, ohne die Gewissenhaftigkeit bei der Beobachtung der Einzelheiten zu verlieren; denn minima non curat xroetor gilt nicht für die Wiffenschaft. Die zersplitternde Mosaikarbeit darf aber nicht vergeffen, daß die kleinen Steinchen zu einem Gesamtbilde vereint werden müssen, das künstlerisch wirkt. Und das ist Funk gelungen. _ Schädlinge der Gesellschaft *) (Eiugesendet vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus.) (Fortsetzung.) Zieht man nun umgekehrt nur die hauptsächlichsten vorgekommenen Fehler und Unterlassungen in Betracht, so ergibt sich Folgendes: 1. Zunächst wirkt geradezu verblüffend die Nachlässigkeit in Bezug auf das Verhalten der Familie der Ermordeten. Ueber das Benehmen der Mutter bei der Leiche äußerte sich der Gendarmerie-Postenführer, der sich sonst als energischer Verfechter des Ritualmordes geberdete, daß es grob gewesen sei; ferner erging sich der Bruder Johann, seines Zeichens Maurer, in verfänglichen Ausdrücken über das Unglück seiner Schwester. Beim Leichenbegängnis hielt er die eine Hand immer in der Tasche verborgen und ein Zeuge wollte sogar wahrgenommen haben, daß dieselbe zerkratzt war: am nächsten Tage unmittelbar nach dem Tage, an welchem der Mord (mutmaßlich) stattgefunden hatte, eilte er schon .um 6 Uhr früh nach Seelenz zur Beichte, weil aber der Geistliche noch schlief, begab er sich nach Polna und beichtete beim Kooperator Vleek. Untereinander lebten die drei Familienglieder in ihrem kleinen Häuschen zu Kl.-Wieznitz (drei Kilometer von Polna) öfters in Zank, so am 19. März, als es sich um eine Ausgabe von 20 Kronen für einen Kleiderstoff handelte. Das Opfer, Agnes Hruza, wurde zum letztenmale am 29. März abends 6,30 Uhr am Nachhausewege von Polna gesehen, wo sie in Arbeit war. Obwohl sie niemals über Nacht ausgeblieben war, erfolgte über ihr Ausbleiben weder am selben noch am folgenden Tage die Anzeige seitens der Mutter oder des Bruders. Tatsächlich fiel daher der erste Verdacht, wie bereits erwähnt, auf den Bruder als Täter, wozu auch die Auffindung eines Leinwandfetzens nach Art der Maurerschürzen am Tatorte beigetragen hat, welcher laut chemischer Untersuchung Kalkspuren auswies. Erst zwei Tage nach dem Verschwinden der Tochter, am Freitag, den 31. März 1899, frag die Mutter bei der Arbeitsgeberin in Polna an — zunächst nur nach dem Körbchen der Agnes, erfuhr, daß sie dort Mittwoch Abend verschwunden sei und erstattete nun erst (am selben Tage) die Anzeige bei der Gendarmerie, wobei dem Postenführer ein blauer Fleck unterhalb ihres linken Auges auffiel. Ueber das Verschwinden ihrer Tochter gab sie bei der *) Siehe „Oesterr. Wochenschrift", Nr. 1, 2, Z. Nr. 4 ersten Verhandlung (in Kuttenberg) an. der Meinung gewesen zu sein, daß bei der Arbeitsgeberin in Polna sehr viel zu tun gewesen sei, bei der zweiten (in Pisek) änderte sie dies dahin ab, daß sie der. Meinung war, ihre Tochter habe sich einer Prozession auf den Kalvarienberg angesch.lossen. An dem blauen Flecke unter dem Auge war die übliche „Kuh mit ihren Hörnern" schuld. Als verdächtig wurde auch ursprünglich angesehen, daß der Bruder am Donnerstag im Brezina-Walde gesehen wurde. Mit dem Bekanntwerden der Halswunde hörten aber sofort alle weiteren Nachforschungen auf und da die amtlichen wie privaten „Erhebungen" sich lediglich in der Richtung des Ritualmordes, wie bereits erwähnt, bewegten, so wurde unterlassen, auch anderweitige Spuren zu verfolgen. 2. rücksichtlich zweier nach der Verhaftung Hilsners in der Nähe von Polna, in Lieben-Schönau und und Duba vorgekommener unaufgeklärt gebliebener Mädchen-, resp. Frauenmorde, wobei die eine Leiche, ähnlich wie Agnes Hruza, eine vom Hals nach dem Ohr sich hinziehende Schnittwunde aufwies. Es wurde ferner nicht geforscht 3. nach einem unbekannten Manne von „bösartigem Aussehen und absonderlichem Benehmen", der nach mehrseitiger Zeugenaussagen, darunter des Geistlichen Vleek, im Brezina-Walde vor dem Morde sich herumgetrieben hatte und vielleicht identisch mit jenem war, der nach Angabe zweier Mädchen diese in den Wald lockte, sie dort nackt auszog, jedoch durch Passanten Mfgeschreckt, nicht dazukam, ein etwa beabsichtigtes Verbrechen auszuführen. Er hatte einen Ring im linken Ohr und war nicht Hilsner. Ebenso nicht 4. nach einem im Brezina-Walde am 29. März, dem mutmaßlichen Datum des Mordes, sich herumtreibenden Manne, welcher Jemandem aufzulauern schien und die Frau des Gemeindevorstehers von Kl. Wieznitz beim Heraustreten erschreckt hatte, wie auch nach einem am selben Tage von einer anderen Zeugin gesehenen ziemlich großen Manne, mit blauer Schürze und blauer Jacke, der gegen 6,15 Uhr aus dem Wege vom Walde nach Polna ihr begegnete und ihr so unheimlich erschien, daß sie umkehrte. Auch die Spur 5. die auf einen Kürschner Karl Ianda hinwies wurde nicht energisch genug verfolgt. Dieser, ein Alkoholiker, litt auch an Tobsuchtsanfällen und hatte sich durch sein Interesse und durch verschiedene Angaben bezüglich des Mordes auffällig gemacht. Etwa drei Wochen vor dem Morde war er nach Polna gereist und dort verblieb er bis Dienstag nach Ostern. Sodann stellte sich bei ihm ein kurzer Wahnsinnsausbruch ein, den er später durch den Umstand zu erklären suchte, daß er des Mordes verdächtigt worden sei. Auf seiner Hose befanden sich sieben Blutflecke, nebstdem eine andere Sekretion: auf der rechten Seite des Ueberziehers bei der kleinen Tasche drei Blutflecke: obwohl er ein gewaschenes Hemd hatte, zeigte dasselbe Blutflecke, wie von Spritzern. Wiewohl er niemals an Nasenbluten litt — er war ein kräftiger Mensch — gab er zu, daß seine Mutter ein mit Blut getränktes Tuch ausgewaschen hatte. Als ein Jahr vorher bei Polna eine Marie Hladik ermordet wurde, befand er sich ebenfalls dort. 6. Ebenso wurden die Blutspuren nicht (sonderlich beachtet, die schon am 30. März, einem Tag nach dem Morde, in dem Hohlwege gefunden wurden, der von der Fundstelle nach Kl. Wieznitz führt — somit in entgegengesetzter Richtung von Polna. 7. Ueberhaupt wurde verabsäumt, die zunächst pt Betracht kommenden Zeugenaussagen sofort protokollarisch festzulegen: wie auch das erste Tatbestandsprotokoll (vom 1. April) nebst der llngenauigkeit und den Lücken an dem Mangel photographischer Aufnahmen lei- Dr. Blochs Wochenschrift.