Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-28 · 4 (28.1.1910) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021878--18996-3043954
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 4 eatt *6 Dr. Mochs Wochenschrift. gegenüberstehe. Mir fehlt jedoch die Kraft, in dieser Frage eine Entscheidung zu treffen. Ich wende mich deshalb an Sie, mit der Bitte, mir zu raten, was ich tun foN." Treffend war die Antwort, die der gefeierte Dichter auf diese Frage erteilte. Sie lautet kurz und scharf: „Ehe du dich um deine Universitätsbilduna bekümmerst, wäre es viel notwendiger zu trachten, daß du dir die richtigen religiösen Ansichten aneignest, die dir gegenwärtig abgehen. Eine Religion anzunehmen, an die du nicht glaubst, ist eine häßliche, schändliche Tat, über welche dich auch die Weisheit, die du dir in der Universität anzueignen vermeinst, nicht würde hinwegtäuschen können. * Der materielle Nutzen, den du vom Studium erhoffst, wird gewiß die große Sünde nicht wett zu machen vermögen, die du durch einen solchen Lchritt begehst." Maimonides als Arzt. In dem Werke „Moses ben Maimon, sein Leben seine Werke und sein Einfluß", das die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" herausgibt und dessen erster Band (bei Fock in Leipzig) erschienen ist, hat Pagel, der vor einigen Jahren in einem Vortrage vor Fachgenossen Rabbi Moses ben Maimon als den ersten Kritiker des Galen vorführte, Maimuni als Medizinischen Schriftsteller behandelt. Von zahlreichen unter Maimunis Namen gehenden medizinischen Schriften dürften etwa elf echt sein. Von ihnen sind sechs gedruckt, zum Teil in mehreren Sprachen übersetzt. Auch hier bewährt Maimuni seinen uns aus den theologischen und philosophischen Schriften bekannten literarischen Charakter: übersichtliche Zusammenstellung, scharfe Kritik, ergreifende Bescheidenheit, die nichts Neues zu bieten angibt, selbst wo Originelles geleistet wird. Die ..Aphorismen" (Pirke Moscheh) nennt Pagel „ohne Uebertreibuna" das beste und kritischste Repertorium, das sich ein medizinischer Zeitgenosse Maimunis nur wünschen konnte. Ueber die Abhandlung „Ueber die Gifte" urteilt Pagel: „Auch vom modernen Standpunkt 'betrachtet. dürfen Anlage. Gehalt. Formen und Zweck der Schrift als streng wissenschaftlich gellen". Der „Tractatus de regimine sanitatis", hygienischdiätetische Vorschriften, die Maimuni als Leibarzt des Sohnes Saladins, des Sultans el Malik el-Afdhal, für diesen verfaßt hat, können sich nach Pagel an wissenschaftlicher Bedeutung mit den obigen Schriften nicht messen. Sie sind jedoch nicht ohne aktuellen Wert, und Winternitz meint in der Einleitung zur deutschen Uebersetzung der Schrift, daß darin „der unparteiische Leser noch heutzutage Wahrheiten finden wird, welche ein Zeitraum von sieben Jahrhunderten nicht zu entkräften vermochte, die vielmehr für die Gegenwart noch immer höchst anwendbar, ja der Beherzigung würdig befunden werden dürfen". Hingewiesen wird von Pagel auch auf das bekannte herrliche Gebet, mit dem Maimuni. dessen Kunst ihm bekanntlich u. a. einen Ruf an den Hof Richard Löwenherz' eingetragen hat, täglich seine Krankenbesuche einqeleitet haben soll und in dem er, bei aller Bescheidenheit, doch seiner Kunst sicher, Gott bittet, seine Kranken vor Kurpfuscherei zu bewahren. Die vielleicht apokryphen „Refuöth" sind dogmatische Averyus, für den Sohn bestimmt, als Anleitung, isich die zum Studium der jüdischen Wissenschaften erforderliche geistige und physische Kraft zu erhalten. Ludwig Mond, der -am. 11. Dezember v. I. verstorbene Generaldirektor der größten Sodafabrik -er Welt, d^r Aktiengesellschaft Brunner, Mond & Cy. in Winnington bei Norwich, war einer der erfolgreichsten deutschen Chemiker und wegen seiner hervorragenden Verdienste um die Entwicklung der chemischen Technik schon seit geraumer Zeit Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften. Ludwig Mond, der einer wohlhabenden Kasseler jüdischen Kaufmannsfamilie entstammte, führte in dem großen Konkurrenzkampf in der Sodaindustrie das Ammoniak-Soda-Verfahren gegen die alte Leblanc- Sodaindustrie zum glänzenden Siege und gründete, jn Gemeinschaft mit John Brunner, die berühmten Alcali- Works bei Norwich, wo sich die reichste Solquelle Englands befindet. Das später in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Unternehmen, das heute bei einem Nominalaktienkapital von 40 MiUionen Mark mehr als 2000 Personen beschäftigt, gehört neben den Unternehmungen der Gesellschaft Solvay zu den größten Werken der chemischen Großindustrie. Die Alcali-Works in Norwich zeichnen sich aber nicht nur durch ihre große Leistungsfähigkeit jin technischer Hinsicht aus, sondern auch durch musterhafte soziale Einrichtungen, die in erster Linie auf Ludwig Mond zurückzuführen sind. Er führte nämlich als erster in einem englischen chemischen Großbetriebe das Ideal Ernst Abbes, den Achtstundentag, praktisch durch, eine Tat, die vom kulturellen Standpunkt aus gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. In seinem Testament hat Mond, sein engeres deutsches Heimatland mit wahrhaft fürstlichen Zuwendungen bedacht. Seine Vaterstadt Kassel, die Universität Heidelberg und die Akademie der bildenden Künste in München erhielten je 400.000 Mk. Karl Goldmark und der Machsor. Karl Goldmark gehört zu jenen weltberühmten Tondichtern, die vom Judentume abstammen und sich ungeachtet ihrer hohen Stellung als Künstler, nicht zur Taufe bereden ließen.. Ueber fejn richtiges Alter konnte Goldmark keinen genauen Bescheid geben, als er'nahe daran war, seinen 70. Geburtstag zu feiern. Später teilte G o l d m a r k mit, daß er viele Jahre hindurch der irrigen Meinung war, er sei im Jahre 1832 geboren. Auf die Frage, wie dieser Irrtum entstanden sei, bemerkte der Tondichter, daß ein in Wien noch vor dem Jahre 1846 von der Kommune ausgestelltes Zertifikat diesen Irrtum herbeiqeführt habe. Erst nach dem Tode seines Vaters wurde festgestellt, daß Karl Gold mark am 18. Mai 1830 geboren sei. Bei Sichtung des Nachlaßes seines Vaters fiel nämlich G o l d m a r k unter anderem ein alter „Machsor* seines Vaters in die Hand, in welchem auf dem ersten Vorblatte eine unzweifelhaft von der Hand seines. Vaters herrührende Aufzeichnung zu lesen war, die keinen Zweifel über Tag und Jahr von Goldmarks Geburtstag zuließ. Und so wurde dann der berühmte Komponist an demselben Tage, an welchem ihm der Machsor in die Hände kam, zu seiner nicht geringen Ueberraschung mit einem Male um zwei Jahre älter. Sonach feiert also Karl Goldmark am 18 Mai 1910 seinen 80. Geburtstag. Ueber den Ursprung der Benennung der Prager -Zigeunersynagoge". Infolge der eifrig betriebenen Stadtregulierungsarbeiten in Prag wird auch die in der jüdischen Geschichte Prags oft erwähnte „Zigeunergaffe", in welcher sich die berühmte „Zigeunersynagoge" befindet, in kurzer Zeit verschwinden. Wiederholt wurde im Prager Stadtrat der Antrag gestellt, den Namen dieser Gaffe zu ändern. Zum letzten Male war dies im Jahre 1880 der Fall. Der damalige Archivar Emler befürwortete diese Aenderung und schlug vor, da man zehn Jahre zuvor daran ging, einzelne Gaffenbezeichnungen zu ändern und durch Namen von um die Stadt verdienten Männern zu ersetzen, sie nach dem bekannten Präger Philanthropen Leopold Edlen von Lämmel zu neUnen, der in den Pfingsttagen des Jahres 1848 seiner Bürgerpflicht in vollem Maße nachgekommen war. Ueber den Ursprung des Namens äußerte sich der damalige Adjunkt des Stadtarchivs' — jetzt Hofrat Celakowsky: „Vor den Hussitenkriege kommt der Name „Zigeunergaffe (OiLsnskL ulies)" nicht vor. Denn damals standen an deren Stelle nur wenige Häuser, die aber zur Altstadt gehörten. Wann die Gaffe den Namen erhielt, ist unbekannt. Wenn man aber erwägt, daß sich hier eine alte Synagoge und Judenschule (ehemals Nr. 178 und 101 — V) befanden, die noch beute („Zigeunerschule" uud „Zigeunersynagoge") heißen, so ist der Name gewiß alten Ursprungs. In den Akten selbst wird die.„Zigeunerschule" erst im Jahre 1749 erwähnt. Einige führen den Namen auf den ErbaUer der Synagoge-zurück, die, weil mqn auf vier Stufen zu ihr gelangte,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.