Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 4 (28.1.1910)
- Date
- 1910-01-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 65 Palästina-Kolonisation geleistet. Die ersten Arbeiten galten naturgemäß dem Ausbau und der Festigung der Organisation, die dem Verein eine große Anzahl von Mitgliedern und Spendern zugeführt haben, darunter viele Vereine und Kultusgemeinden. Sowohl in Böhmen als auch in Mähren und Schlesien ist es uns gelungen, die namhaften Persönlichkeiten für unsere Ideen zu gewinnen und sie zu veranlassen, sich als Landeskomitees zu konstituieren. In Galizien und Ungarn haben dahingehende Versuche noch zu keinem Resultate geführt, doch hoffen wir. auch in diesen Ländern Erfolg zu haben. Nach außen hin sind Schritte unternommen worden, um dem Verein bei großen Aktionen gleiches Ziel erstrebender Organisationen die Möglichkeit zur Mitarbeit zu sichern. Von der Annahme ausgehend, daß die Grundbedingung für ein ersprießliches Wirken in Palästina die Kenntnis der alten Heimat und die Liebe zu derselben ist, hat sich der Verein die Subventionierung, bezw. Schaffung und Verbreitung zweckdienlich-"- Publikationen angelegen sein lassen. Tie hervorragendsten Kenner Palästinas und der Kolonisation, wie auch berühmte Palästinareisende haben ihre glänzende Rhetorik in den Dienst unserer Sache gestellt und vor einem distinguierten Auditorium ihre Theorien entwickelt. Die außerordentlich interessanten und geistreichen Vorträge sind als Publikationen des Vereines im Druck erschienen und der großen Oeffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Wir erwähnen hier die Vorträge der Herren: Unioersitätsprofessor Dr. O. Marburg, Berlin: „Die Zukunft Palästinas und unsere Aufgaben daselbst". Dr. Franz Oppenheimer, Berlin: „Genossenschaftliche Kolonisation in Palästina". Maler Mielich-Mielichhofer, Wien: „Von Edom bis Moab", Assessor Dr. Artur Ruppin, Berlin: „Die wirtschaftliche Lage der Juden in Palästina", sowie unseres Präsidenten Herrn Baurat W. Stiaßny: „Das Projekt zur Anlage einer Kolonie im heiligen Lande oder in einem seiner Nebenländer". Durch Subventionierung der von der Kommission zur Erforschung Palästinas herausgegeöenen Monatsschrift „Palästina", sowie der im Februar 1909 in Wien stattgefundenen PalästinaHochschulkurse Haider Verein weiteres zur Vertiefung der Kolonisationsidee beigetragen. Aber auch praktische Arbeit in Palästina ist geleistet worden. Im Anschlüsse an die Kunstgewerbeschule „Bezalel" wurde eine Werkstätte für Kupferarbeiten errichtet, die den Namen „Atelier des Jüdischen Kolonisationsvereines in Wien" führt. In diesem Atelier werden Kupfer- und Silberarbeiten hergestellt, die nach Aussage von Fachleuten künstlerisch vorzüglich und dabei außerordentlich preiswert und infolgedessen sowohl für den Verkauf im Lande als auch für den Export nach Europa sehr geeignete Artikel sind. Hierdurch wird einer immer größeren Anzahl von Juden in Palästina Gelegenheit geboten, sich als Kunsthandwerker auszubilden und bei gutem Verdienste als solche zu betätigen. Von hervorragender Aktualität ist ferner das Projekt des Jüdischen Kolonisationsvereins in Wien, eine Kolonie im Heiligen Lande oder in einem seiner Nebenländer nach den Ideen und Plänen seines Präsidenten an- Aülegen. Zum erstenmale wird das sofort zu verwirklichende Projekt zur Gründung eines städt. Gemeinwesens in Palästina der Oeffentlichkeit vorgelegt. Wir hoffen, daß die Entwicklung unseres Vereines fortschreiten wird und daß es uns gelingen möge, demnächst die Mittel aufzubringen, die nötig sind, an die Verwirklichung des Planes zu schreiten. Hierzu ist erforderlich, daß sich alle jüdischen Kreise nach Möglichkeit an unserer Arbeit beteiligen, daß alle unsere Glaubens- und Stammesgenossen, jeder nach seinen Verhältnissen, ihr Scherflein beitragen zu dem großen Werke, das bestimmt ist, einen Grundpfeiler zu bilden zur Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande. Die Generalversammlung nahm den Bericht mit Beifall zur Kenntnis. Nach Verlesung des Kassenberichts stellt im Namen der Revisoren Herr Bernhard Hofbauer den Antrag, dem Vorstand das Absolutorium zu erteilen. Der Antrag wird zum Beschluß erhoben, ebenso wird der Bericht über die Tätigkeit des Sekretariats genehmigt und zur Kenntnis genommen. Die vom Vorstände vorgeschlagene Statutenänderung, die eine Ausdehnung des aktiven Wahlrechts auf die auswärtigen Mitglieder beinhaltet, wurde zum Beschluß erhoben, worauf die Neuwahlen in das Zentralkomitee vorgenommen wurden. Es wurden per Akklamation wiedergewählt: Herr Licco Adult, Präsident: Dr. I. S. Bloch, Schriftsteller: Dr. S. Ehrmann, Univ.-Professor, Dr. med. Edmund Kohnz Dr. Josef Pollak, Univ.- Professor, Richard Rappaport, Leopold Sachs, kais. Rat, Ignaz Schiff: Dr. A. Hchmiedl, Rabbiner. Dr. Moritz Schnabl. Hof- und Gerichtsadvokat, Ernst Simon. Fabriksbesitzer, Wilhlem Stiaßny, k. k. Baurat, Heinrich Pork-Steiner, Schriftsteller. Dr. Bela Taußig, Dr. Ernst Franz Weisl, Hof- und Gerichtsadvokat: als Revisoren: die Herren Bernhard Hofbauer, Emil Jellinek: als Revisor-Stellvertreter: Herr Josef Schaalm a nn. Für die restlichen Stellen wurde dem Vorstande das Kooptationsrecht zugestanden. Zu Verifikatoren des Protokolls der Generalversammlung werden Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Kramer und Herr Bernhard Hofbauer gewählt. Herr Pork-Steiner dankt dem Vorsitzenden in bewegten Worten vor Allem als Mitglied des Vereines für seine unermüdliche Tätigkeit im Dienste unserer Sache. Seine Begeisterung für das alte Stammland unserer Väter, seine stete Teilnahme für Alles, was die Wiederbelebung Palästinas betrifft, seine Liebe zur alten Iudenheimat sind mir ein rührender Beweis dafür, daß diese Gesinnung nicht bloß im Kreise meiner engeren Gesinnungsgenossen daheim ist, sondern bei allen charaktervollen Juden sich findet. Herr Baurat Stiaßny ist uns auch ein Beweis dafür, daß die Liebe zum Judentum logischer Weise auch zur Freude an der Wiederaufrichtung der alten Iudenheimat führt. Ich hoffe, daß der Name Wilhelm Stiaßny durch seine Arbeit für die Kolonisation Palästinas als sichtbarer Ziegelstein in dem stolzen Bau des künftigen Judentums seine Zeit überdauern wird. (Lebh. Beifall.) Mit Worten des Dankes an den Redner sowie an die Erschienenen wurde die General - Versammlung geschlossen. Vom Aabrmarlrt des Lebens. Leo Tolstoi an einen taufbereiten jüdischen Studenten. Russische Blätter veröffentlichen einen interessanten Briefwechsel, der jüngst zwischen dem greisen Dichterphilosophen von Iasnaja-Poljana und einem jüdischen Studenten stattgefunden hat. Der junge jüdische Student ist eines der zahlreichen Opfer der russischen „Perzentnorm", die von den Toren der russischen Universitäten gewiesen, weil die vorgeschriebene Perzentnorm für Juden bereits komplett war. In seiner Verzweiflung wendet er sich an den verehrten Dichter mit einem Brief, der ein trauriger Beweis für die moralische Dekadenz gewisser russischer Intelligenzkreise ist. Der junge Mann schreibt: „Ich bin ein Jude, der wegen der Perzentnorm keine Aufnahme in die Universität gefunden hat. Nach Europa zu reisen und dort zu studieren, ist mir unmöglich. Es bliebe mir nur ein Weg offen: mich zu taufen. Ich muß gestehen, daß ich dem jüdischen Glauben, wie überhaupt jedem Glauben, gleichgiltig