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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-28 · 4 (28.1.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
4 (28.1.1910)
Date
1910-01-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 64 Nr. 4 Dr. Blochs Wochenschrift. wegen, unter denen der „Pester Lloyd", die Beilage zur „Allgemeinen Zeitung" in München und die „Neue Freie Presse" sich befinden. AuS der reichen Fülle von vnffenschaftUchen Leistungen Profefior Bachers seien hier drei Gruppen, seine ureigensten Domänen hervorgeho en, in denen er unbestrirten als erster Meister anerkannt ist. Die arabische Kultur, die im Mittelalter ein halbes Jahrtausend hindurch blüdte und durch Vermittlung spanischer und französiicher Juden auch die europäi chen Völker beeinflußte, hat unter den Juden arabischer Zunge eine bedeutende sprachwiffenschaftliche und bibellx«'getische Literatur erzeugt, deren hervorragende Werke zum eisernen Bestände der modernen Bibelforschung gehören. Die Väter der hebräischen Sprach»,ffenjchaft sind Jehuda Jbn Chajjug in Cordova und Abul walid Merwan Jbn Ganach in Sarogiffa, die schon 7<<0 Jahre vor Franz Bopp vergleichende Sprach» siennhaft getrieben haben. Ihre Werke hat Bocher in acht selbständigen Schriften beleuchtet, von denen drei in den Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien erschienen sind. Die hauptsächlich von ihm besorgte Ausgabe des arabischen Werkes »Le Livre des Parterres fleuries«, der bedeutendsten hebräischen Grammatik, die je geschrieben worden, bildet eine Perle der Bibliotheque de l’Ecole des Haules Eludes in Paris. Die erste bibeUx^getische Monographie Bachers über Abraham Jbn Esra ist ebenfalls in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie erschienen. Seine zahlreichen Einzelunlersuchungen auf den zwei W ffensfeldern der Schriftauslegung und Sprachwissenschaft hat Bacher in zwei Werken zusammengefaßt, welche im Jahre 3892 in Trier in der von August Wünsche und Jakob Winter herausgegebenen geschätzten Sammlung „D>e jüdische Literatur seit Abschluß des Kanons" erschienen sind. Es sind die gründlichsten Arbeiten und die einzigen ihrer Art. welche weiten Gelehrtenkreisen ein kaum gekanntes Gebiet erschlaffen haben. Ein anderes Wissensgebiet, das Bacher königlich beherrscht, ist die Agada, über welche er ein umfangreiches Werk von 3200 Seiten in sechs Bänden verfaßt hat. Er arbeitete daran 25 Jahre. Den Gegenstand der Agada bilden die Geschichte Israels und seine Zukunstshoffnungen. die Anschauungen des Gottesglaubens und die Lehren des Siltengesetzes, die Wunder des Weltalls und die Empfindungen der menschlichen Seele. Der Fundort der Agada ist der Talmud und Midrasch, eine ganz eigenartige Literatur, welche nach Inhalt, Form und Entstehung ohne Analogie in der Weltliteratur ist. Die ureigenste F >rm der Agada ist der Spruch, gar oft Perlen der Lebensweisheit in poetischer Form enthaltend. Die Agadisten sind die Lehrer des heiligen Landes im Altertum, ihre Denker und Dichter. Bacher ist ihr erster kritischer Biograph und Literarhistoriker, der ihren Weisbeitsschatz einem modernen Leserkreis zugänglich gemacht hat. Dieses Werk wird von Philosophen, Historikern. Theologen allgemein benützt und hat Bachers Namen in den weitesten Kreisen bekannt gemacht. Bacher ist. seit Jahrzehnten ein beritables Orakel der jüdischen L teratur, bei dem die bekanntesten demschen und englischen Gelehrten in einschlägigen schwierigen Fragen sich Rats erholen. Er war einer der Redakteure und der einzige Revisor der Jewish Encyclopädia, die in Newyork von einer bekannten christlichen Firma herausgegeben wurde, ein Werk von zwölf staiken Bänden in prachtvollster Ausstattung. Ganz bedeutend sind auch die Verdienste, die sich Bacher um die ungarische wiffenschaftliche Literatur erworben, die er mit einer Reihe gediegener W-ike bereichert hat. Die Magyaristerung der heimischen jüdischen Literatur ist zum großen Teil ibm und seinen Schülern zu verdanken. Er war Jahre hindurch Mitredakteur der „Magyrr Zsidü Szemle", der ersten wiffenschaftlichen Zeitschrift süc jüdische Literatur in ungarischer Sprache, ebenso des Jahrbuchs der Ungarisch-Jsraelitischkn-Literarischen Gesellschaft, die er mitbegiünden half und deren Kopräsident er ist. Mit Beihilfe dieser Gesellschaft hat er die ungarische Bibel geschaffen, die erste, die aus dem hebräischen Urtexte gefloffen ist. In emem Jahrzehnt emsiger Arbeit hat er mit der Organisierung Redigierung dieser Uebertragung ein Werk beendet, um deffen Zustandekommen sich zwei Generationen vergeblich abmühten. Die alte Bibel im neuen Gewände hat die nationale Kultur gefördert und sichert ihrem Schöpfer einen bleibenden Namen. Wilhelm Bacher hat durch seine großzügige wiffenschaftliche Tätigkeit dem ungarischen Namen auch im Auslande Ehre gemacht und die Ehrungen, die ihm heute zuteil werden, sind nur ein geringer Bruchteil des Dankes, der ihm für seine ruhmreiche Lebensarbeit gebührt. Generalversammlung, des Indische« Kolonisalions-Dereines. Mittwoch, den 26. d. M., hat der jüd. Kolonisationsverein seine III. Generalversammlung abgehalten. Der Präsident k. k. Baurat Wilhelm S t i a sin y, widmete dem verewigten Vorstandsnntgliede Emil Horner warme Worte des Gedenkens, welche die Versammlung stehend anhörte, und Sekretär Herr A. R. Hartmann verlas sodann den Tätigkeitsbericht, dem wir folgende Stellen, entnehmen: In der abgelaufenen Berichtsperiode hat sich die Lage der Juden im Osten nur scheinbar geändert; die grausamen Judenmassacres in Rußland, die bestialischen Pogrome in Rumänien haben zwar zeitweise aufgehört. Dafür werden die Juden dort wirtschaftlich zu Grunde gerichtet und die Armen dem Elende preisgegeben. Das Endziel des Antisemitismus ist und war von jeher in erster Linie der ökonomische Ruin der Juden, und es muß leider konstatiert werden, daß er bis jetzt vollen Erfolg hatte. Nach der Niederwerfung der Revolution in Rußland, der die Proklamierung des Oktobermanifests folgte, glaubte man, auf eine Besserung der Lage aller Völker im Osten, so auch der Juden hoffen zu können. Aber die stetig zunehmende Zahl der Auswanderer zeigt, daß, für die nächste Zukunft wenigstens, keine Aussicht für die russischen Juden besteht, politisch zur Ruhe zu kommen und sich wirtschaftlich zu konsolidieren. - Für die Juden in Rumänien, die keine Ackerbauer werden dürfen, die bei allen vom Staate oder von Behörden ausgeführten Arbeiten gar nicht, bei privaten Unternehmungen nur in einem minimalen Prozentsätze als Arbeiter beschäftigt werden dürfen, und die endlich mit brutaler Gewalt aus den Dörfern verjagt werden, gibt es absolut keinen Ausweg, und der größere Teil der in Rumänien lebenden 250.000 Juden ist eristenz- und brotlos. Die von gewissenlosen Hetzern geschürten Bauernaufstände sind kaum unterdrückt, und schon geht man daran, den Juden die wenigen Berufe, die ihnen noch offen standen, durch Ausschluß aus den ärztlichen, advokatorischen und technischen Berufen weiterhin zu beschränken. Daß hier etwas geschehen muß. ist klar, und man täte gut, rechtzeitig vorzuarbeiten, um nicht von den Verhältnissen überrascht zu werden. In Galizien gibt es keine Ausnahmegesetze gegen Juden, aber durch Verweigerung von Rechtsschutz, Bildung von gegen die Juden gerichteten Konsumvereinen und Fernhaltung derselben von Landes- und Gemeindeämtern u. a. läßt sich in Galizien fast dasselbe erzielen wie in Rumänien, ohne jedoch die Entrüstung der gesamten Kulturmensch heit zu provozieren. Demzufolge ist auch die Emigrationsbewegung in Galizien in fortwährendem Wachsen begriffen, so zwar, daß die Einwanderungsländer ihre Tore bereits schließen, England und Amerika nehmen heute bereits keine mittellosen Einwanderer mehr auf, was sich praktisch in erster Reihe gegen die Juden richtet. Nur die „barbarische" und unchristliche Türkei ist den Juden offen geblieben. Dort hat der Antisemitismus niemals Eingang finden können. Daher hat es in der Türkei seit 600 Jahren keine größere Judenverfolgung gegeben und selbst die hie und da vorgekommenen kleineren Verfolgungen waren nicht von. den Türken, sondern von den Griechen inszeniert worden, die eben auch nicht von Judenhetzen lassen können. Durch die infolge der Julirevolution in der Türkei eingetretene Umwälzung haben sich die Aussichten für die Palästinakolonisation verbessert. In absehbarer Zeit werden die Rechtsverhältnisse in der Türkei derartige sein, daß der Landkauf in Palästina auch von Ausländern ohne Schwierigkeit wird aufgenommen werden können. Von maßgebender ottomanischer Seite ist auch bereits erklärt worden, daß der Einwanderung von Juden nicht nur keine Hindernisse bereitet werden, sondern daß man derselben mit Wohlwollen und Interesse entgegensieht. Aus all diesen Gründen bleibt die Türkei das einzige Land, in jwelchem eine Einwanderung in größerem Stile möglich wäre. Dieselbe darf nicht planlos, in überhasteter Weise vor sich gehen, sondern muß durch Gründung von Handwerks- und Ackerbauschulen, durch Schaffung von Arbeits- und EXistenzmöglichkeiten und durch Zufuhr von Kapital und Bildung ins Land genügend vorbereitet werden, und zwar wird unsererseits die Kolonisation Palästinas durch Juden rein wirtschaftlich und durchaus nicht politisch gedacht. In den wenigen Jahren seines Bestandes hat der Jüdische Kolonisationsverein bereits Ersprießliches für die

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