Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-21 · 3 (21.1.1910) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021877--18975-3043932
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

€rtte 46 Nr 3 Dr. Vlochs Wochenschrift budgets eintreten. Ein genauer Voranschlag nach dieser Richtung kann hier natürlich nicht geboten werden: dazu ist die Form ungeeignet und außerdem müßte das nötige Material der Berechnung zugrunde gelegt werden. Doch das eine ist sicher: mit einer juridisch noch so schön verbrämten Flickarbeit wird die Sachlage nicht verbessert und die angewandten Mittel können nicht — wenn der Ausdruck hier gestattet ist — produktiv wirken. Es muß eine gründliche Sanierung der Verhältnisse vorgenommen werden: selbst dann, wenn die Gemeinde über ihre momentane Leistungsfähigkeit gehen müßte. Das angelegte Kapital ist ja nicht verloren, selbst dann nicht, wenn Man ideale Güter nicht in Rechnung stellen will: wenn man nur nicht die Zukunft außer Auge läßt. Der Erfolg des Religionsunterrichts beeinflußt ja auch unmittelbar, ohne daß man daran denkt, die Steuereingänge und die Zuwendungen zugunsten der jüdischen Institutionen. Wenn die Jugend nicht darüber belehrt wird, von welch' großer Wichtigkeit das einigende Band einer Gemeinde ist, wenn die Jugend nicht erfährt, mit welcher Aufopferung und Uneigennützigkeit diese Burg von den Besten unseres Dolles gegen alle feindlichen Angriffe tapfer gehalten wurde und auch in diesen für das Judentum so schweren Zeiten verteidigt wird, wenn die Jugend nichts davon weiß, daß durch den Bestand der Gemeinde Tausende und Abertausende vor dem Hungertode bewahrt werden, daß Sieche und Greise ihren Lebensabend ruhig beschließen können: <wenn die Jugend nicht von dem Wirken einer Ehewra Kadischa erfährt und nichts von dem .segensreichen Wirken hervorragender, vornehmer Männer für unsere armen Glaubensbrüder: kurz, wenn unsere Linder das glänzende Beispiel edler Menschlichkeit und unbeugsamen Glaubensmutes nicht kennen lernen, wenn ihnen nicht einsiep.rägt,.wjrd,.. welchen Frevel jeder begeht, der feine Brüder in der Bedrängnis Zerläßt, und welche Sünde ieder. der seine Hilfe der Gemeinde entzieht, dann werden sie es ja einmal nicht verstehen, weshalb sie als Juden noch eine besondere Steuer zahlen sollen? Sie wissen ja nicht, daß sie damit geradezu eine Ehrenvflicht erfüllen, der sich niemand, der Herz und Charakter hat, entziehen' darf. Wenn also schon nicht aus anderen Gründen, so müßte doch die Gemeinde schon im ureigensten Interesse ihres Bestandes ihre Missionäre in die Lage versetzen, ihre Aufgabe erfüllen zu können. Das, aber ist nur dann möglich, wenn im Sinne des Gemeindestatutes und noch mehr im Sinne der reinen Vernunft, nicht erst in letzter Linie, mit Hinzufügung der nicht zu diesem Kapitel gehörenden Devise — ..soweit die vorhandenen Mittel reichen" — für den Religionsunterricht voraeforgt wird und wcml seine Vertreter die ihnen gebührende Stellung einnehmen. Der beherzigenswerte Aussvruch des Herrn Präsidenten anläßlich seiner Neuwahl, daß mit allem Nachdruck darauf gesehen werden muß, die allerwichtigsten Institutionen der Gemeinde — Gottesdienst und Schule — zu stärken, berechtigt zu der Hoffnung, daß diese Aufgaben der Kultusgemeinde zum Wohle des Judentums gelöst werden. Der Kampf ttt der ungarischen jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Seit langer Zeit schon herrscht unter den Mitgliedern der hiesigen ungarischen jüdischen Gemeinde eine latente Unzufriedenheit mit der Leitung der Eemeindeangelegenheiten, an deren Spitze der bejahrte Rabbiner Chajim Sonnenfeld steht. Dieser Tage brach das lange unter der Asche glimmende Feuer aber in Hellen Flammen aus und der allgemeine Unwille machte sich in einem elementaren .Sturme Luft. Den nächsten Anlaß zu diesem .heftigen Aufeinanderplatzen der Geister gaben die .regelmäßigen/ für den ersten Tag des Chanukafestes ankeraumten Neuwahlen für den Vorstand der Gemeinde, indem diese gegen den ihr von dem „Rabbiner". Sonnenfeld und seinem Anhang seit langem aufgehalsten Wahlmodus zum erstenmal energisch und öffentlich Protest einlegte. Nach diesem klug und geschickt eingerichteten Modus werden alljährlich 21 Wahlmänner.ernannt, aus deren Mitte der aus 11 Gliedern bestehende Vorstand gewählt werden soll. Da nun aber die bisherigen 1.1 Mitglieder des vorjährigen Vorstandes immer und ohne weiteres eo ipso auch als Wahlmänner für den Vorstand des nächsten Jahres gelten und der Gemeinde nur das. Recht zusteht, 10 neue Wahlmänner durch das Los zu bestimmen, so liegt es auf der Hand, daß in der Besetzung und Richtung des Vorstandes eigentlich niemals eine Äenderung eintreten kann, denn kraft dieses Wahlsystems geben die 11 Mitglieder des alten, auf die Partei eingeschworenen Vorstandes bei der Neuwahl auch wieder den Ausschlag. Gegen diese Knebelung, der öffentlichen Meinung hat sich schließlich am diesjährigen Chanukafeste die ganze ungarische Gemeinde, welche eine unbeschränkte, unbeeinflußte direkte Wahl des Vorstandes verlangt, in feierlichem und energischem Proteste wie ein Mann erhoben, indem durch eine von Haus zu Haus gesandte Schrift bestimmt und erklärt wurde, daß «sich jedermann der Teilnahme an der neu anberaumten Wahl enthalten solle. In der neuen hebräischen Zeitung „Hacherut" erschien darauf in Nr. 34 auch ein außerordentlich scharfer und geharnischter Artikel gegen die herrschende Partei. In dem langen Sündenregister befand sich auch die Anklage, daß Sonnenfeld und seine Vertrauten noch niemals einen Rechenschaftsbericht abgelegt hätten über die jährlich durch ihre Hände gehenden Chaluka- und Unterstützungsgelder, deren Betrag sich auf mehr als 200.000 Kronen jährlich belaufe und über deren Verwendung niemand eine Kenntnis habe. Wegen dieses kühnen, allgemeines Aufsehen erregenden Artikels haben Sonnenfeld und die Mitangeklagten die Chalukapeitsche in Anwendung gebracht, und allen denen die bisher gewährte Unterstützung versagt, welche nicht gehorsam sein wollen. Vom Gespenst des Hungers und des Elends geängstigt und getrieben, haben sich denn auch schon viele Gemeindeglieder bestimmen lassen, auf einem in Umlauf gesetzten Schriftstück für die alte Partei wieder ein Vertrauensvotum abzugeben. Daß die Leute solcher Gewalt unterliegen, ist allein dem unheilvollen, schlecht kontrollierten Chaluka- System die ganze Schuld beizumessen. Die von dem deutschholländischen Komitee bei der Verteilung und Verwaltung der Chaluka vor zwei Jahren eingeleiteten Reformen, für welche der Korrespondent schon seit Jahren in verschiedenen jüdischen. Blättern eintritt, sollten jetzt nach den traurigen Vorgängen auch den Gemeinden in Ungarn ein Antrieb sein, auf gleichem Wege voranzugehen und entweder allein oder vereint mit andern Ländern an Ort und Stelle eine Kontrolle zu schaffen, welche eine Gewähr dafür gibt, daß die für Jerusalem bestimmten Gelder auch wirklich, wie es doch offenbar die Absicht der Spender ist, nur zum allgemeinen Besten und zur Förderung des leiblichen und geistigen Wohls der bedürftigen jüdischen Bevölkerung verwendet werden. Da hat sich vor zwei oder drei Jahren unter der hiesigen .ungarischen Jugend ein Verein gebildet unter dem Namen „Kehillath Jakob" . mit dem höchst, lobenswerten Bestreben, sich vom Chalukabrot frei zu machen und in der Nähe von Jerusalem. etwa in dem 2 stunden entfernten wasserreichen Vittir. eine. landwirtschaftliche Kolonie zu gründen. Eine höchst erfreuliche Aussicht Lot sich denn auch, daß in der von der ungarischen Jugend verfolgten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.