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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-21 · 3 (21.1.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 44 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 3 konservativen Juden wertvoll, geistig bedeutend und lebenskräftig war, hat sich unter dem Einfluß dieser Reformbeweguug eng zusammengeschlossen. Ein Mann, der in dieser neu-orthodoren Bewegung eine führende Rolle spielte und durch geistige Bedeutung, wie durch Integrität des Charakters bei Freund und.Feind Ansehen genoß, war der kürzlich zu früh verstorbene Dr. Aiher. Auch das jüdisch-theologische Seminar, dessen Leiter der hervorragende jüdische Gelehrte Dr. Solombn Schechter ist, verdankt dieser Auti-Reform-Bewegung seine Entstehung. Jacob H. Schiff, obwohl selbst Mitglied eines Reform- Tempels, unterstützt diese Anstalt, die — was immer ihr Einfluß auf die Reformbewegung sein mag oder nicht sein mag — doch wertvoll ist als ein Kulturfaktor im jüdischen Leben Amerikas. Schließlich wäre noch einer geistigen Strömung in der amerikanischen Judenheit, des Zionismus, zu gedenken. Aber sein Gebiet ist vorläufig ein beschränktes und obwohl Tausende amerikanischer Juden den jährlichen Schekel-Beitrag zahlen und obwohl die intellektuelle wie ideale Bedeutung der Zions- Sehnsucht auch von religiös ganz freideukenden Juden erkannt wird — auch im Zionismus macht sich das Verlangen nach sozialer Betätigung, der Wunsch nach Realität, der durch das ganze amerikanische Leben geht, bemerkbar. „Beed not Creed“ ist auch da unausgesprochenes Losungswort. Der größte Teil der Mitglieder der Reform-Synagogen ist deutscher oder deutsch-amerikanischer Abkunft. Nur wenige der weit später eingewanderten Russen, Oesterreicher und Rumänen haben sich an dieser Bewegung beteiligt; diese jüngeren Einwanderer drücken ihre liberalen Bestrebungen mehr im politischen Leben, in der Propagierung des Sozialismus aus. Der größte Teil der East-Seite- Judeu ist entweder direkt sozialistisch oder doch sozialistisch beeinflußt. Die Hauptführer des Sozialismus in New-Aork, Männer wie Abraham Cohen, Morris Hillquit und andere, sind Juden. So ist denn die soziale Idee, die Religion der allgemeinen Brüderlichkeit aller Menschen, — ob sie sich nun iu den Institutionen der reichen Reform-Juden, in dem Sozialismus der russischen Juden oder in den Moral-Lehren der Ethical-Culture Society ausspricht — so ist nun diese soziale Idee der prädominierende Faktor in den geistigen Strömungen der amerikanischen Judenheit. Von altersher waren jüdische Wohltätigkeitsanstalten, die diesem sozialen Pflichtbewußtem ihr Entstehen und Bestehen verdankten, mustergiltig und auch heutzutage sind in jeder amerikanischen Stadt die hervorragendsten und besten Wohltätigkeitsinstitute jüdische Anstalten. Männer wie Jacob H. Schiff iu New-Iork, Julius Rosenwald, „der Jacob Schiff von Chicago", Fride Sulzberger in Philadelphia sind vorbildlich, nicht nur im Geben reicher Geldmittel, sondern auch in der opferwilligen Hingabe ihrer Zeit und Persönlichkeit an alle Wohltätigkeits-Organisationen. Und dies soziale Verantwortlichkeitsgefühl, das das Judentum stets gelehrt hat und das durch die Sozialisierung und Liberalisierung der Religion nur an Kraft und Ausdehnung gewonnen hat, erstrekt sich nicht auf Glaubens¬ und Rassegenosseu, nein, es zieht alle Menschen, alle Klassen und Stände iu sein Bereich und in allen Teilen des Landes sind Juden die Führer bei allen staatlichen und städtischen sozialen Hilfs- und Resormbeweguugen. Filene und Brandeis in Boston, Schiff iu New-Iork, Lessing-Rosenthal, Fridge Julian, Moda u. A. in Chicago illustrieren diese Tatsache aus das Glänzendste. So sind denn die geistigen Stömungen in der amerikanischen Judenheit im letzten Sinne soziale Strömungen, wie die geistigen Strömungen im amerikanischen, ja im modernen Leben überhaupt zuletzt soziale Strömungen sind. Langsam aber unaufhaltsam wandelt Jude wie Nichtjude jenem fernen Ziele zu, das der hebräische Prophet in den glühendsten Worten besang und um dessen Erreichung in den orthodoxesten, wie in den reformiertesteu Synagogen gebetet wird, dem Liede allg-meiner Brüderlichkeit und reiner Gotteserkenntnis. Der „stone wall" des Judaismus, er existiert nicht. Das Judentum lebt, und was lebt, ist iu steter Bewegung, in steter Entwicklung begriffen. Noch immer gleicht das Judentum dem Aronsstabe, der immer von Neuem Blüten und Früchte trägt, und wenn manche dieser Früchte auch ein wunderliches Aussehen haben, ihr bloße Existenz ist schon ein Triumph der Lebenskraft Israels, ein Triumph des fortschrittlichen Genius der Menschheit. Me neuen „Mekize Uirdamirn". Von D. Simonsen. Vor etwa drei Vierteljahren wurde dem Publikum bekannt gemacht, daß eine Anzahl von Freunden der älteren hebräischen Literatur zusammengetreten sei, um den drei Jahre zuvor ausgelösten Verein „M e kize N ird ami m" von Neuem zu begründen. Da tüchtige Forscher schon ihre Mitarbeit zugesagt hatten und man vermuten durfte, daß das große Publikum sich nicht gar zu gleichgültig verhalten würde, konnte sogleich zur Arbeit geschritten werden, und in ganz kurzer Zeit werden die ersten vier Lieferungen des neuentstandenen Vereines an die Mitglieder verschickt werden. Zu wünschen wäre noch eine größere Zabl von Abonnenten und Mäzenen, Die hebräische Literatur erfreut sich ja nicht gar zu sehr der Opferwilligkeit seitens unserer bemittelten Glaubensgenossen. Doch will ich die oft erhobene Klage nicht zu scharf wiederholen, Denn, wer im praktischen Leben steht, weiß ja, welche Opfer finanzieller Art, ganz abgesehen von den althergebrachten Ausgaben der Gemeinden, in den letzten Dezennien von den begüterten Juden gefordert und auch gebracht worden sind, um die Leiden unserer Brüder im Osten erträglicher zu machen. Allzu viel Zeit, Kraft und Geld ist uns durch die kurzsichtige Politik von Staatsleitern im Osten genommen worden, so daß die Gleichgültigkeit wichtigen Angelegenheiten gegenüber, wenn auch nicht zu' verteidigen, so doch wenigstens teilweise zn verstehen ist. Aber trotz Allem muß neben den Vereinigungen, welche sonst die Wissenschaft und die Kunde des Judentums fördern soll, nun von Neuem der Verein „Mekize Nlrdannm", der sich die Aufgabe gestellt hat, unveröffentlichte, hebräische Werke zu edieren, seine berechtigte Forderung auf Unterstützung seitens des Publikums erheben. Viel von unserer alten Literatur wartet ja darauf, von Neuem ans Licht zu treten, und es zeigt sich immer von Neuem, daß kundige Arbeiter vorhanden sind, wenn sie nur die Hoffnung hegen können, daß ihre Arbeit nicht ausschließlich für ihren eigenen Schreibtisch geleistet wird. Und wir Juden müffen uns doch in der Tat schämen, wenn wir uns bewußt werden, was bezüglich der Hebung unserer Geistesschätze versäumt wird, weil keine Akademie für uns sorgt und kein Verleger es vernünftigerweise wagen kann, viel Geld in die Ausgaben der dringend nötigen Werke hineinzustecken. Ich spreche nicht von den unbedeutenden Sachen, wenn auch diese, an sich geringeren Wertes, in größerem Zusammenhänge oft wertvoll sein können. Nehmen wir aber einen der allergrößten der nachbiblischen, jüdischen Schriftsteller: den vielleicht unübertroffenen, hebräischen Dichter Jehuda Halevy. Was hat es ihm genützt, daß Heinrich Heine für ihn geschwärmt hat, so daß selbst die gebildeten Juden von einem „Jehuda ben Halevy" in Menschenaltern zu sprechen gewußt haben % Unsere besten Literaturforscher wie Luzatto Sachs, Geiger, Kaufmann und, um auch den jüngst verstorbenen schwervermißten Geschichtsschreiber der jüdischen Literatur zu nennen Gustav Karpeles, haben uns Dezennien hindurch auf verschiedenster Seite vor Augen geführt, was wir an Jehuda Halevy besitzen, und erst jetzt, nach und nach, werden die Schätze ans Tageslicht gebracht, so daß einmal eine vollkommene Verdolmetschung aus der heiligen Sprache möglich sein wird. Oder um rein historisch zu sprechen: im ersten Jahre der erstmaligen Begründung des „Mekize Nirdamim" (1864) gab Luzzatto ein erstes Heft des Diwan Jehuda Halevys heraus. Kurz danach entschlief der Meister, nach einiger Zeit auch der Verein. Im zweiten Erscheinen desselben Vereines nahm Brody die verwaiste Aufgabe von Neuem auf (1894 und ff. Jahre), aber erst jetzt, im dritten Stadium der „Mekize Nirdamim", dürfen wir hoffen, daß es diesem Mitarbeiter gelingen wird, die Aufgabe zu Ende zu führen — mehr als zwei Menschenalter, seitdem Luzzatto durch seine „Betulath bath Jehuda" das ganze hebräisch lesende Publikum in Kenntnis gesetzt hatte, was hier noch zu finden sei. Ich könnte auch von einem anderen der allergrößten unserer Llteraten sprechen, von Moses Maimonides. Nur dem glücklichen Umstande, daß die deutschen Universitäten die Drucklegung der Dissertationen fordern, und dem zweifelhaften Glück, daß die deutschen Gemeinden ihre Rabbiner mit dem Doktortitel geschmückt wissen wollen, hat jener es zu verdanken, daß neben dem von Derenbourg für die „Mekize Nirdamim" herausgegebenen Band VI wenigstens teilweise Brocken seines wunderbaren Mischna-Kommentars im Urtext und in verbesserter Uebersetzung vorgelegt worden. Dabei spielt noch der reine Zufall eine Rolle, daß nämlich in Berlin brauchbare Handschriften vorhanden find. Und

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