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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-21 · 3 (21.1.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Sette 43 Dr. Blochs Wochenschrift. gleich so die Oelwäldchen zu 10.000 Stämmen im heissen Judäa hinbaut, Versuchsfarmen gründet, Kolonialgesellschaften errichtet. Still, fein, vornehm, gediegen, ein Enthusiast der Arbeit, nicht des Wortes. Ich habe alle seine Freunde im Kongresse gebeten: Stimmt doch gegen dieses patente Menschenkind, dass er kein erster Führer wird. Dort, an der Spitze, wo David Wolffsohn seinen Landsleuten die Bäume an den Kopf schmeisst, ist kein Platz für diesen Botaniker. Das ist ein Pflanzer, ein Bäumezüchter, ein Kolonisator, ein Mann, der um jeden entwurzelten Bäum weinen wird. Manchmal aber ist’s zum Bäumeausreissen, wenn man ein Volk führen will. Und nun kommt Warburg an die Tribüne und bringt die Entlastung — für Wolffsohn, dem man vorwirft, dass in Palästina zu wenig geschehen sei. Er bringt Ziffern — lebendige Zahlen: Bäume zu dreissigtausenden, Baumschulen und Oelwälder. Zahl au Zahl, Ziffer um Ziffer, und alles lebt und gedeiht. Das war mir die schönste Stunde am neunten Kongress. Aber der Saal war fast leer. Denn nicht das, was geschieht, wird gezählt, nein, man rechnet das, was nicht geschieht, trotzdem es nicht geschehen konnte. * * * In der Charakteristik des neunten Kongreses werden es zwei Erscheinungen sein, die dauernd bleiben: Palästina samt seiner Delegation und die Art, wie sich ein Volkswille bildet, wie er unter Schmerzen und Schreien, Zucken und Zittern geboren wird. Warburg mit seiner stillen Weise ist noch immer am Worte und jedes Wort ist die Beschreibung einer Tatsache. Es vollzieht sich der Kreislauf der Spache. Erst war das Wort das schöpferische Werden, dann wurde das flüssige Idiom in Palästina zur Wirklichkeit und nun strömt uns die geschehene Tatsache als trockener Bericht ins Haus des jüdischen Volkes. Aber die palästinensische Delegation ist ebenso (unzufrieden, wie die russische. Und beide haben recht. Man könnte in Palästina das Hundertfache leisten, wenn es — hundertmal mehr Zionisten gäbe; Raum wäre da und auch die drängende Kotwendigkeit. Diese harte Notwendigkeit drängte auch die Russen in die Opposition. Sie sind die Exponenten der zu erlösenden Volksmassen, dort, wo sie im tiefsten Elend schmachten, und deren Not gegenüber ist. jede Arbeit, die wir leisten können, ein Versuch — ein Symbol. Und selbst die unzufriedenen Delegierten aus Altneuland, die Lehrer, Beamten und Arbeiter oder Kleinbauern, sie geben dem Kongress ein eigenes Kolorit. Man hat auf den ersten Kongressen hie und da, so wie zur Parade, hebräisch gesprochen. Heute gibt es Dutzende von Delegierten, die geläufig und elegant unser altes Idiom gebrauchen, und es geschieht mitten in einer deutschen Rede, dass ein hebräischer Zwischenruf hebräisch erledigt wird. Palästina macht Schule und es schult nicht nur Pflanzen. Früher einmal waren jene fast eine Sehenswürdigkeit, die im heiligen Lande gewesen waren, bald aber wird es dem Zionisten übelgenommen werden, der das Land, für das er arbeitet, nicht wenigstens gesehen haben wird. Allerdings, Palästinensismus ist noch lange kein Zionismus, sonst hätten sich die Chovew Zion, die ja auch Geld für Palästina sammelten, nicht an Herzl angeschlossen. Das ganze Leben, die ganze Anschauungsweise muss in cler Wurzel jüdisch werden. Das erst macht den Zionisten. Und da ist es wunderbar, wie der Zionismus Herzls, der Zionismus des alten Baseler Programmes, auf jedem Kongresse neu gestärkt und aus allem Lärm und Widerstreit neu gekräftigt hervorgeht. Und das hat Wolffsohns Erfolg entschieden, der Präsident wider Willen werden musste. Die Technik unserer Bewegung, die Mechanik der kleinen Vereine, Distriktskomitee, Zentralkomitee, Lokalkomitee usw., droht den lebendigen und belebenden Begriff des Zionismus zu verknöchern. Was hat man mir alles, der ich an den ersten praktischen Arbeiten, sowie an der Formulierung der Begriffe mitgearbeitet habe, in den letzten Jahren als einzig und allein echten Zionismus auftischeii wollen I Wenn ich eine Novelle schreibe, die volle zwei Monate Arbeitszeit erfordert, und sie einer zionistischen Zeitschrift oder einem Almanach schenke, dann zählt das nicht soviel, wie die Arbeit eines braven Studenten, der Kuverts für die Wahlen ausschreibt, denn die Kuverts muss man haben, Novellen aber nur eventuell. Wenn ich monatelang herumreise, Zeit und Gesundheit opfere, um Vorträge zu halten, so gilt das nicht soviel wie die Agitation eines stimmbegabten Jünglings an Wahltagen. Und ich bekomme auch keine Mandate — nicht etwa Abgeordnetensitze, nein, jene Mandate, die notwendig Kind, um den Zionismus gelegentlich auszuüben. Die Männer, die den Zionismus als grosse Weltbewegung erfassen und behandeln, sind im Kleinbetrieb der lokalen Entwicklung ausgeschaltet. Einige Drahtzieher mit ausgebildeten Sitzfähigkeiten, beherrschen die .Maschinerie und fühlen sich als Herren der Situation und des Zionismus, dem sie offen oder geheim ihre Färbung geben, was zur Folge hat, dass er dann etwas blutleer aussieht. Und so kamen sie auf den Kongress siegessicher, alles fein gezählt und berechnet. So kamen sie in den Permanenzausschuss, der auch mit der Parteimaschine berechnet war. Und in diesem Ausschüsse hatten die Wolffsohngegner, die alle offen oder geheim Herzlgegner sind, auch wenn sie ihn noch so rührend loben, die Mehrzahl. Inzwischen hatte sich der Geist des alten Zionismus, der Geist des starken, aufrechten Judentums, der Geist Herzls geregt, er hatte sich in der Rede Wolffsohns, in den pakkenden Ausführungen Nordaus manifestiert. Und das lebendige Makkabäerblut erschütterte die Maschinerie. So kam es, dass zum Schlüsse Wolffsohn, den man so sicher niederzustrecken wusste und der endlich gerne gegangen wäre, gebeten werden musste, zu bleiben, damit die Bewegung nur ein, wenn auch provisorisches, Oberhaupt habe. Provisorisch, denn dauernd bleibt Wolffsohn nicht mehr. Das Bäumeausreissen und Keulenschlagen ermüdet. Aber wenn er gehen wird, dann geht er frei. Willig und nicht als gefallenes Opfer der Maschinerie soll man den Nachfolger Theodor Herzls vom Kampfplatze tragen. Das, was ich in der Landsmannschaft am neunten Kongress beantragte, das wird am zehnten geschehen müssen. Denn das war mein vergeblich erteilter, unwillig angehörter und gar nicht beachteter Vorschlag. - »Zählen wir leise und unauffällig die Stimmen gegen Wolffsohn; es dürften 120 unbedingte sein. Er wird mit einer solchen starken Minderheit gegen sich nicht regieren wollen und wir haben kostbare Tage zum Aussuchen der Nachfolge. Aber dulden wir keine Anklagen, kein Tribunal, keine Skandale. Denn wir verzetteln damit die Zeit und stehen in der letzten Stunde ratlos den Geschehnissen gegenüber.« Und so kam es. Und dennoch, der neunte Kongress hat nicht vergeblich getagt. Er brachte den endgültigen Sieg der alten Idee Herzls gegenüber den sogenannten synthetischen Zionismen, den Sieg des Gedankens, des lebendigen Empfindens gegen die Maschine. . * * * Als wir am Tage nach dem Kongresse auseinandergingen, da umarmte ich Ussischkin und bat ihn, nicht zu ermüden in der Arbeit: „denn — so sagte ich — eigentlich machen wir die meiste Arbeit für unsere russischen Brüder, wenn Sie uns im Stiche lassen, dann brechen Sie uns das Rückgrat.“ Aber einen Rat muss ich ihm und seinen .kleinen Nachahmern noch auf den Weg geben: Genug der Anklagen, genug der fruchtlosen Kämpfe! Der Zionismus ist keine Machtfrage, sondern eine Frage der Opferfähigkeit. Wir wollen uns nicht verhimmeln, aber auch nicht verkleinern. Es ist die höchste Zeit zur Umkehr! Wir schufen den Zionismus als einen Bund der Liebe. Es ist genug des Frevels unter uns. Und manches ruft noch ungerochen zum Himmel. Zurück zum alten Zionismus: Arbeit, Stammestreue, Bruderliebe! Geistige Strömungen in der amerikanischen Indenheil. ui. Noch weiter als der Reform-Judaismus geht die Ethical - Kulture - Bewegung, deren Gründer Dr. Felix Adler, ist und die nicht nur hervorragende Juden, sondern auch viele und bedeulende christliche Geister zu Förderern und Anhängern zählt. Diese Ethical-Kulture-Bewegung hat mit Theologie fast nichts mehr gemein und ihr Ziel ist am besten in ihrem Motto ausgedrückt, das lautet: „Deed, not Creed.“ „Taten, nicht Glaube." Taten, nicht Worte sind es, die gefordert werden, und so sehr sich auch die Ethical-Kulture- Bewegung von aller konfessionellen Betonung fernhÄt, so kann man sie doch nach ihrem Gründer und der Hauptzahl ihrer Mitglieder als „Praktisches Judentum" ansprechen. Es ist natürlich, daß all diese fortschrittlichen Bewegungen, die — von den reichsten Juden unterstützt — ihre eigenen Schulen und Lehranstalten haben, nicht existieren konnten, ohne eine gewisse Reaktion hervorzurufen. Was an

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