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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-21 · 3 (21.1.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
3 (21.1.1910)
Date
1910-01-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 42 Dr. Vlochs Wochenschrift. ist der Einäugige König, das heitzt, der D. D. V. ist die strammste freiheitliche Organisation, die in Betracht kommt. Aber die Herren scheinen es sich zum System und Prinzip gemacht zu haben, gerade die getauften und konfessionslos gewordenen Juden in die Höhe und zur Macht zu bringen. Und gerade diese Leute verdienen die tiefste Verachtung der Juden, nicht ihre Beihilfe. Wir sind heute keine Konfession, sondern Kampfgemeinschaft. Wer uns verlätzt, ist Deserteur. Wollen etwa die um Hock uns cinreden, datz ihnen die Kultussteuer zu viel war oder der Gott der Juden zu wenig? Sie gingen von den Juden weg, um bessere Karriere zu machen, und sie drängen sich bei den Wahlen zu demselben Zweck wieder an die Juden heran. Weit, unendlich weit lieber einen rechtschaffenen Christen als diese skrupellosen Moralisten. Hinaus mit diesen Leuten, welche die Juden verlassen haben, weil es ihnen schlecht geht. Keine leeren Phrasen darüber! Kein Mensch hat sie gezwungen, die jüdische Konfession auszuüben; in dieser Beziehung ist der Freisinn in unseren Kreisen grenzenlos. Warum gingen sie? Um den christlichen Gästen in ihren Salons besser zu gefallen, um ihren Kindern die Taufe zu erleichtern. Ein Jude, der einen Funken Ehre im Leibe hat, kann diesen Fahnenflüchtigen, die sich vor aller Welt von uns losgesagt haben, kein Vertrauen votieren, keine Stimme geben; ja, datz diese Leute es wagen, von den Juden eine Ehrenstelle für eine öffentliche Körperschaft haben zu wollen, das ist mehr als unerhört, das ist eine Provokation seitens dieser Leute und des Wahlkomitees. Es ist in mehreren Fällen geschehen, am krassesten wohl im Falle des Advokaten Dr. R. v. Fürth. Dieser Mann wurde als Jude von den Juden in den Gemeinderat entsendet. In der Zeit der Ausübung seines Mandates gab er plötzlich den Antisemiten ein Beispiel von jüdischer Gesinnungstreue, den Juden ein Beispiel von Ehrlichkeit, indem er aus dem Judentum austrat. Wer ist pünktlich wieder da und bewirbt sich um die jüdischen Stimmen zur Wahl in den Gemeinderat? Der Ritter von Fürth. Wir passen ihm sonst nicht, aber als Wähler passen wir ihm. Hoffentlich wird man die Juden noch von diesem merkwürdigen Kandidaten befreien, wenn man nicht wünscht, datz sie aus berechtigtem Aerger über solche Träger des jüdischen Vertrauens am Wahltag zuhause bleiben. Bilder vom Hamburger Zionistenkongress.*) Von H. York-Steiner. Auf den ersten Kongressen da blieben mir Figuren haften -— -einzelne liebe, neuartige, oft tiefernste, manchmal drollige Menschenkinder. Und ich kehrte reichbeschenkt heim. Beim Erkennen und Auskosten dieser neuen Bilder in meiner Galerie mag ich dann manches vom Kongresse versäumt haben, was ich später eifrig nachlas. Dieses vom Fieber geschüttelte Judenparlament, das vom 26. bis 30. Dezember 1909 zu Hamburg tagte, habe ich in seinen an Tollheit grenzenden Zuckungen so voll miterlebt, so sehr erlebt und erlauscht, dass ich jede Sitzung neu konstruieren, jeden Tag vollständig skizzieren, jede Wandlung erschöpfend beschreiben, jede Zuckung neu erleben könnte. Ich habe ihn in mich aufgenommen bis zum höchsten Fiebergrade und lag dann Nacht um Nacht in quälender Hitze, in schlaflosen Krankenstunden und zermarterte mein heisses Hirn, um den Sinn dieser Tagungen zu er- ') Anmerkung der.Redaktion: Vorstehender Artikel aus der Feder des bekannten Schriftstellers Herrn Heinrich Iork-Steiner ist zweifellos der interessanteste und instruktivste, den wir über den Zionistenkongretz gelesen haben. Er erschien in der Prager ^Selbst- Wehr" und wenn wir auch selbstverständlich den Standpunkt des begeisterten Verfassers nicht teilen, enthält er dock eine farbenreiche und lebendige Schilderung der Vorgänge in Hamburg, bietet wichtige Aufschlüsse über rätselhafte Geschehnisse und ist ein so wichtiger Beitrag zur Zeitgeschichte, datz wir glauben, durch den Abdruck den Dank unserer Leser zu erwerben. gründen, das Bewegende zu erforschen, das Resultierende darzustellen. Was ist geschehen? War das Geschehene gut oder war es schädlich für uns? Wir wollen gemeinschaftlich untersuchen und das Urteil sparen. Es kamen etwa 120 Delegierte aus Russland, fast alle lest entschlossen, die jetzige Leitung zu stürzen. Alle diese Männer kamen aus fernen Gegenden, die nur mit drei bis elf Tagereisen zu bewältigen sind. Die wenigsten hatten für sich etwas zu erwarten, — ich meine Ehrenstellen — aber sie alle sind geschlossen, stramm, aufrecht, unzufrieden. Das ist die russische Unzufriedenheit, die keinem Machthaber traut. Und sie kommen elf oder drei Tagereisen weit her mit dem Schnellzuge, um unserem guten Wolffsohn ihre Meinung zu sagen und um ihn zu stürzen. Dann sind da an dreissig Delegierte aus Galizien, die sind auch unzufrieden, aber nicht so ganz unbedingt. Mit wenigen Ausnahmen, mit Ausnahme jener, die Minister werden könnten, halten sie an Wolffsohns Person. Sic sind nur gegen Köln. Köln ist zu weit vom Judentum, sie wollen Wolffsohn in Berlin. Dann sind da die Herren aus Westösterreich mit ihren Führern — na, die kenn' ich doch! Die möchten, wie die Russen, wenn auch nicht aus ganz denselben Gründen, aber die Böhmen wollen mit zwei Ausnahmen unbedingt Wolffsohn. In Mähren gibt es „Stänkerer“, das sind die, die sich nicht als Lämmerherde leiten lassen — und hier, hier beginnt der Bruch, der Bruch in der Phalanx der unbedingten Gegner Wolffsohns. Die Macht des Kongresses beginnt ihr Werk. Man hat seit Monaten Stimmen geworben und Voten gezählt und war sicher, Wolffsohn zur Strecke zu bringen. Aber die Macht des Kongresses, diese dumpfe Kraft, die ohne Absprache aus einem Urgefühl heraus das erhaltende Element zusammenpaart, die wirkt gegen alle kleinlichen vorgefassten Meinungen. Und jenseits stehen die Deutschen und die herrliche Elite der Misrachi, die Ungarn und alle kleinen Landsmannschaften unnentwegt zu Wolffsohn. Zu Wolffsohn? Ist dieser breitschultrige, blonde Mann etwa was Besonderes? Wolffsohn 1 Wer ist Wolffsohn? Ich kannte ihn noch — ach, du mein Gott! Ein einfacher Holzhändler war er, der zu Herzl kam, gleich njir, damals, als der Judenstaat erschienen war. Zu Herzl, um ihn kennen zu lernen, ein jüdischer Holzhähdler, schüchtern, tastend, was denn dieser Wiener Zeitungsschreiber für eine Gattung Jude sein möge. In eigenartigem Deutsch, so Libauer Dialekt etwa, erzählt er, dass es in Russland schon seit Jahren Juden gäbe, die Geld für Palästina sammeln, für palästinensische Kolonien. Und mit ihm kam ich unter die Zahl der Freunde Herzls. Und Herzl hat ihn seinen Kindern zum Vormund bestellt. Seitdem ist er auch gewachsen. So scheint es, wie er jetzt auf die Redekanzel steigt. Der Mann ist gewachsen, er nimmt jede Klage gegen sich, je gröber, je wuchtiger, desto lieber, dreht sie nach allen Seiten, wendet und weist sie ringsum, zerfasert sie in ihre Urbestandteile, nimmt sie dann nochmals in seine Faust und schlägt sie seinen Angreifern wie ein umgekehrtes Schiessgewehr, mit dem Kolben an die Stirn, dass es ein Aufschreien gibt, wie von verwundeten Urtieren. Auch ein russischer Jude. „Auch ich bin ein Litwak“, ruft er seinen Gegnern zu. Das waren seine engeren ehemaligen Landsleute, die bekamen die derbsten Hiebe. Recht bitter wird er beim Besprechen der Angriffe in der »Jüdischen Zeitung«, die in der zionistischen Presse ihres gleichen nicht hatten. Jeder Hieb sitzt, wenn auch nicht jeder quittiert wird. Es gibt Leute bei diesem Kongress, die ihre persönliche Wut sachlich zu maskieren suchen. Wolffsohn duldet keine Maskeraden, er kämpft mit offenem Visier. Immer höher wächst der Mann, immer mehr überragt er die meisten Persönlichkeiten des Kongresses, immer stärker zwingt er die Massen in seinen Bann, immer häufiger klatschen die Gegner, hingerissen von der Wahrheit seiner Beweisführung, ihm rauschenden Beifall, und als er von der Tribüne stieg, hatte er den Kongress bezwungen. Er Wolffsohn? Was ist Wolffsohn? Nein, die Idee, die alte, reine Idee Herzls, die fortab die Geschicke des Judentums bestimmen wird! Was wollen die Russen? Was sie immer wollten: Chovew Zion - Arbeit, Kolonien, Praktisches. Schön. Wer will das nicht? Glaubt ein Mensch, dass David Wolffsohn das nicht will? Die Taktik scheidet, Wolffsohn will fürsorgend warten, den Russen brennt’s auf den Nägeln. Ihr Mann ist Warburg — War bürg, der Gegenkandidat. Also Wolffsohn, der derbe Litwak, der mit Holzstämmen jongliert und mit Wagenrädern wirft, ist der Führer der „Westler“ und Warburg der Abgott des Ostens. Warburg, ein Professor der Botanik, aber einer, der die Botanik so en gros betreibt,

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