Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 31 dazu her, unsere Ghettogesch.ichten zu illustrieren und laden zu solchen Aufführungen noch unsere Gegner ein. Wie könne da die Jugend an Achtung für unsere Heiligtümer gewinnen? Wollen wir ernstlich unsere alte ehrwürdige Tradition in höchsten Ehren halten, wie es andere Religionsbekenner mit ihren Formen tun, dann müssen wir erst an unsere eigene Erziehung Hand anlegen und durch Wort und Beispiel unsere Binder im Glauben unserer Väter erziehen. Allerdings ist es hiebei sehr wichtig die Formen in der Ausübung unserer Religion dem Fortschritte der Zeit vernünftig anzupassen. Wissen und Bildung müssen Hand in Hand mit dem Glauben gehen, sonst sei unsere aufgeklärte Jugend nicht zu gewinnen und noch weniger der Gemeinschaft für die Dauer zu erhalten. Wir müssen vLn den anderen Meligionsgenossenschaften, denen wir einst den Gottesgedanken und die Kultur zugeführt haben, lernen, wie sie den Geist der Religion schon dem zarten Kindesgemüte einimpfsn. Redner verweist diesbezüglich auf die Einrichtungen der Katholiken und Protestanten und erinnert an das göttliche Gebot: „Du sollst sie lehren Deinen Kindern, mit ihnen davon zu sprechen, wenn Du sitzest zu Hause, wenn Du aus dem Wege bist, Du sollst die Worte des Heiligen Glaubens an ihre Herzen binden, an ihrem Kopf befestigen, ja, an alle Pfosten des Hauses und der Tore". Eindringlicher noch als die Errichtung eines Gotteshauses hat uns die Ueberlieferung die Errichtung des Lehrhauses zur Pflicht gemacht. Und tatsächlich habe sich diese Tradition durch Jahrtausende in den kleinsten Gemeinden und in allen jüdischen Familienhäusern vererbt, so daß Haus und Schule wie ein heiliger Ehebund zusammenstanden. Das wichtigste Mittel zur Verhütung des Abfalles sieht daher Redner in der Bemühung, es den anderen Glaubensbekenntnissen gleichzutun, die ihr Augenmerk darauf richten, in den ersten Jahren der Volksschule den religiösen Sinn der Jugend unausgesetzt zu beleben. Hiezu sei die Errichtung von Musterschulen in allen bevölkerten Orten und insbesondere in den von zahlreichen Juden bewohnten Bezirken, Innere Stadt und Leopoldstadt, erforderlich. Diese Musterschule müsse eine mit dem Oeffentlichkeitsrecht ausgestattete Volksschule modernsten Stiles nicht nur für die Kinder der grmen, sondern auch für die der reichsten und begütertsten Familien sein. Sie sei mit allen der Schulhygiene und dem Schönheitssinne entsprechenden Einrichtungen, mit dem erprobtesten Lehr- und Lernunterricht für den Anschauungsunterricht auszustatten und die gewiegtesten Pädagogen müssen daselbst dem Unterrichte und der Erziehung vorstehen, Männer, die nicht bloß allgemeine moderne und Berufsbildung, sondern auch sehr bedeutendes und gründliches jüdisches Wissen und ein jüdisches Herz besitzen. Der Lehrstoff habe in erster Reihe all das zu enthalten, was ein jüdisches Kind zum Leben in seinem Glauben einst nötig haben wird. Eine solche Schule würde uns die Beruhigung geben, daß Kinder mit dieser sittlich-religösen Unterlage den Daseinskampf auch ohne Taufe werden bestehen können. Die erforderlichen Mittel für diese Schulen können und müssen aufgebracht werden, wenn die verantwortlichen Führer der Gemeinde die Ueberzeugung gewinnen, daß dieses erste Mittel zur Verhütung des Abfalles das richtige sei. Als zweites Mittel bezeichnet Redner die Schaffung einer einheitlichen Organisation und einer Gesamtvertretung des österreichischen Judentums. Nur, wer sich selbst achtet und schätzt, den achten und schätzen mit der Zeit auch andere. Die jüdische Religionsgenossenschaft mußte in der Zerstreuung über den ganzen Erdball auch auf politische Selbständigkeit verzichten. Allein unverwehrt ist es den österreichischen Juden, eine gesetzliche Vertretung ihrer Gemeinschaft zu verlangen, eine frei gewählte Vertretung, eine selbständige Repräsentation, wie sie jede größere Körperschaft im Lande besitzt. Auch die Staatsgewalt würde es mit Freude begrüßen, in einer solchen Zentralstelle einen langentbehrten Behelf zu finden, um die Wünsche und Bedürfnisse der österreichischen Judenschaft auf kürzestem Wege kennen zu lernen, vorhandene Uebelstände herauszufinden und dieselben rasch zu beseitigen. Eine solche einheitliche Gesamtvertretung an maßgebender Stelle würde aber auch unseren Religionsgenossen innere Beruhigung gewähren. Sie wüßten, wohin sie sich zu wenden haben, wenn ihnen ob ihrer Konfession ein Unrecht widerfährt. Das seit vielen Jahren bestehende Rechtsschutz - Bureau der „Oesterreichisch - Israelitischen Union", welches seine freiwilligen Dienste in ganz Vorzüge licher Weise leiste, würde mit diesem offiziellen Vertretungskollegium gewiß gerne in innigste Fühlung treten. Zur Verwirklichung einer solchen Institution sei aber vor Allem Einigkeit in den Reihen der Juden selbst erforderlich. Die Schwierigkeit bestünde weniger in dem Widerstande der Negierung, als in der bisherigen mangelnden Eintracht in unserer eigenen Mitte. Leider überwuchern die Sonderinteressen und Parteischattierungen unter uns das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Solidarität, welche unsere Gegner uns zum Vorwurfe machen, bestehe in Wahrheit nicht oder in einem viel zu geringem Maße. Redner gelangt nun zu dem dritten seiner Vorschläge. Man dürfe wohl mit Recht behaupten, daß es kaum einen einzigen Fall gäbe, in welchem der Glaubenswechsel auf Grund innerer Ueberzeugung erfolge. Aus egoistischen Gründen werden Taufen immer Vorkommen, solange die Charakterfestigkeit nicht nationales Gemeingut geworden sei. Aber die Taufen wesentlich einzuschränken, sei möglich, wenn wir Erziehung und Schule nach innen und Repräsentation nach außen ernstlich in dem angedeuteten Sinne anstreben. Zur Schule gehöre jedoch auch das allgemeine Lehrbuch, in unserem Falle das Religionsbuch für diese Schule. Dieses Lehrbuch müsse der heutigen Jugend vollständig angepaßt werden. Der Bibelunterricht dürfe nur jene Gesetze und Vorschriften enthalten, welche auf unserem gegebenen Territorium eingehalten werden können, damit durch überflüssigen Ballast nicht die Autorität des Heiligtums Schaden leide. Redner glaubt daher die Einberufung einer Synode aller Rabbiner. Religionslehrer und Schriftgelehrter vorschlagen zu sollen, die zu beraten und zu beschließen hätte, wie dieses erschöpfende und zeitgemäße Religionsbuch für die Jugend einzurichten sei. Mit aller Entschiedenheit nimmt jedoch der Vortragende gegen Diejenigen Stellung, welche die Eliminierung des Urtertes unserer heiligen Bibel beantragen und die hebräische Sprache aus dem Jugendunterrichte oder gar aus dem Gottesdienste verbannen wollen. So wenig man einer kostbaren Frucht ihre ursprüngliche Frische für die Dauer erhalten kann, wenn man sie ihrer Schale entkleidet, so wenig könne unser Gottesdienst seine ursprüngliche Frische, seine Urheiligkeit beibehalten, wenn er nur in einer eigenmächtigen Uebersetzung und nicht in der Ursprache der Jugend geboten wird. Die hebräische Sprache war bis heute der einzige Kitt, der alle auf Erden zerstreuten Glaubensgenossen zusammengehalten hat und sie soll es auch in aller Zukunft bleiben. Redner schließt mit den Worten: „Aus dem Herzen der Bevölkerung wollen wir dem Judentum neues Leben zuführen, es muß endlich ein Ende damit haben, daß gerade wir Juden so verschämt tun, wenn wir ob unseres Glaubensbekenntnisses öffentlich befragt werden. Frei und offen wollen wir unser Judentum bekennen. Wir haben nicht nötig, uns wie einst in der Wüste mit einer niedrigen Stiftshütte zu begnügen, sondern in unseren Wohnhäusern, auf öffentlichen Plätzen und auch in Palästen halte der einstige jüdische Geist wieder seinen Einzug, auf den Dachgiebeln unserer Gotteshäuser und Lehrhäuser wollen