Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 30 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 2 „Allen schwebt nun die einzige, schwere Frage auf den Lippen: Was wird nun geschehen? Es ist jedem klar, daß die russischen Zionisten, die nun einmal offen gegen Wolffsohn Stellung genommen haben, mit ihm nicht mehr, wie früher, Zusammenarbeiten können. Sie haben, um die Ehre des Kongresses zu retten, schließlich sich mit der bekannten Lösung zufrieden gegeben. Im Innern aber sind sie überzeugt, daß Wolffsohn die zionistische Bewegung beherrscht und sie zu einem Werkzeug seiner Herrschergelüste verwendet. Und da nun die russischen Zionisten sich von Wolffsohn loslösen und den Kölner Weisungen nicht unterworfen werden, so wird der offizielle Zionismus ein rein deutscher Zionismus werden. In Köln wird kein einziger Zionist -bleiben. Selbst Nachum ^okolow, der Sekretär der zionistischen Zentrale, der einzige Arbeiter in Köln, der die Partei im Namen Wolffsohns leitet, hat offen gegen Köln agitiert; und wird nun. da die Leitung doch in Köln geblieben ist, seine Demission geben, da er nicht willens ist, mit Wolffsohn zusammen zu arbeiten. Der neunte Kongreß bat zwischen dem Osten und Westen eine Kluft geschaffen und die Spaltung kann nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Die Deutschen, die jedem Herrscher ergeben sind, nur weil er herrscht, haben sich von den östlichen Zionisten losgelöst und die Scheidewand, die zwischen den Russen und den Westlern bestanden und zu Beginn des Zionismus niedergerissen wurde, ist wieder aufgestellt worden. Die russischen Zionisten sind daher entschlossen, (bis zum nächsten Kongreß, in 1V2 Jahren) selbständig zu arbeiten, ohne von Köln Weisungen anzunehmen. Sie werden ihre Positionen stärken, die zionistische Organisation in Rußland kräftigen, die Zionisten zur Arbeit und Tätigkeit aufmuntern, um auf dem zehnten Kongreß mit frischen ausreichenden Kräften gerüstet erscheinen zu können, und dann werden sie Wolffsohn von seinem Posten stürzen. Und sie sind überzeugt, daß Wolffsohn diesmal nur deshalb gesiegt hat, weil er die Macht der Deutschen gestärkt und sie gegen die Russen ins Treffen geführt hat. Am Kongreß waren zahlreiche Deutsche als Delegierte von Zionisten ferner Länder: Afrika und Amirika, und diese waren es, die Wolffsohn zugejubelt haben. Wolffsohn hat den Kongreß nach Deutschland verlegt, um eine zahlreiche Beteiligung der Deutschen möglich zu machen. Am 10. Kongreß wird es anders sein. Da wird Wolffsohn nicht mehr siegen können, er hatte ja schon jetzt nur eine kleine Majorität. Die russischen Zionisten haben, wie sie behaupten, die Absicht, auf dem nächsten Kongreß eine neue annehmbarere Kombination in Vorschlag zu bringen. Die Kombination, die Leitung nach Berlin zu verlegen, hat sich als eine sehr unglückliche erwiesen. Sie haben sie vorgeschlagen, weil sie momentan keine bessere wußten. 2n Wirklichkeit gebe es auch in Berlin keine geeigneten Männer, die Verantwortlichkeit für die ganze Bewegung zu tragen. Deshalb werden sie vorschlagen: Die Leitung nach Wien, dem Geburtsort des Zionismus, dem Orte der Wirksamkeit Herzls, zu verlegen. Dort verfügen die Zionisten über gute Kräfte. In dieser Stadt sitzen die drei jüdischen Abgeordneten, die vollständiges Vertrauen genießen: Adolf Stand, Dr. Gabel und Dr. Straucher; (und Dr. Mahler? Die Red. der „Oesterr. Wochenschrift"); ihnen wird Herr Nachum Sokolow attachiert und ebenso würden Dr. Tschlenow und llssischkin ihren ständigen Wohnort nach Wien verlegen, und diese sechs werden die permanenten Leiter der Zentrale bilden, die alle an einem Orte wohnen. Als siebenter soll Professor Marburg aus Berlin hinzukommen. Dieser Vorschlag wird keine Gegner finden, da beliebte und populäre Männer an die Spitze gestellt würden." „Oesterreichisch-Israelitische Union". Vor einem überaus zahlreichen Auditorium eröffnete am 8. d. M. die „Oesterreichisch-Israelitische Union" ihren diesjährigen Vortragszyklus mit einem ebenso interessanten als aktuellen Vortrage ihres Vereinsmitgliedes, Herrn S. Vro d, über das Thema: „Drei Mittel zur Einschränkung der Abfallbewegung." Unter den Anwesenden befanden sich die Herren Kultusvorsteher kaiserl. Rat Kanders, Gemeinderat Doktor Hein, die Rabbiner Dr. Feuchtwang, Dr. David und Dr. R o s e n m a n n, die Professoren Dr. Weiß >und A n s ch e r l, Bezirksrat Melcher, Bürgerschuldirektor Mautner u. v. a. Der Vizepräsident, Herr kaiserl. Rat Anninger, eröffnete die Versammlung mit der Mitteilung, daß die „Oesterreichisch-Israelitische Union" im heurigen Frühjahre das 25. Jahr ihres Bestandes vollende und daß dieses Jubiläum durch eine festliche Veranstaltung begangen werde. Mit lebhaftem Beifalle begrüßt, verwies der Vortragende zu Beginn seiner Ausführungen darauf, daß alle monotheistischen Glaubensideen dem Judentum ihre Entstehung zu verdanken haben. In allen Kirchen und Gotteshäusern der verschiedensten Kulte ertönen unsere Psalmen, die Worte unserer Propheten: fast sämtliche Gebote und Satzungen sind unserem Gesetzbuche entnommen. Niemals aber habe die Welt eine solche Fülle von Rücksichtslosigkeit und Undank gesehen, als sie zu allen Zeilen dem Judentum erwiesen wurden. Neid, Eigennutz und Bosheit waren der Lohn, welchen die Tochterreligion der Mutterreligion zollte. Gegenüber diesem tausendjährigen Kampfe, den die Juden zu führen hatten, muß nur mit Bedauern konstatiert werden, daß wir seit Jahrzehnten in eine gewisse Lethargie verfallen sind. Statt mit berechtigtem Ahnenstölze kraftvoll die Grundfesten unseres Glaubens zu verteidigen, bieten wir das Bild der Gleichgiltigkeit gegen die Sitten und Gebräuche. Von Tag zu Tag häuft sich der Abfall vom Judentum. Während in weit schlimmeren Tagen die Taufe bei uns Juden eine Seltenheit gewesen ist, ist heute die Taufe zu einer Massenerscheinung geworden. Redner stellt den diesbezüglichen statistischen Daten der Wiener Gemeinde die vergleichenden Daten von Berlin, Budapest, Prag, Frankfurt a. M. und Brünn gegenüber und beklagt mehr noch als die Taufen selbst die Teilnahmslosigkeit, mit welcher die Uebertritte von der Umgebung der Täuflinge und von der ganzen Gemeinschaft ausgenommen und beurteilt werden. Diesem ewigen stillen Zuschauen, wie sich von dem uralten Bauwerke nach und nach die Steine lösen, wie einst einflußreiche und feste Stützen des Judentums sich von demselben abwenden, müsse endlich einmal ein Ende gemacht werden. Jede Nation setze einen gewissen Stolz auf ihre Geschichte, ihre Literatur und ihre alten Sagen. Wir Juden aber machen uns mit Vorliebe selbst über viele unserer alten religiösen Gebräuche und über unsere Sprechweise lustig, wir setzen unsere Religion in Gegenwart der Jugend herab und schädigen dadurch ihre Lehrer und Erzieher in ihren ehrlichen Bestrebungen. (Beifall.) Sogar die wichtigsten Bildungsmittel : die Presse und die Kunst, werden oft von Juden zu unserer Glossifizierung und Ironisierung mißbraucht. Oder sind etwa die Konversationen in gewissen Journalen während der Sommersaison keine Glossifizierung unseres Stammes? Bieten zahlreiche Varietees noch zu wenig Stoff, uns vor uns und unseren Gegnern lächerlich zu machen? (Lebhafter Beifall.) Anstatt den Jargon und die äußerlichen Unterscheidungsmerkmale und Schaustellungen durch ethische Bildung, bei welcher die Frauen eine sehr wichtige Rolle übernehmen könnten, aus der Welt zu schaffen, geben wir uns mit einer gewissen Frivolität