Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-14 · 2 (14.1.1910) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021876--18951-3043907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2 Dr. Blochs Wochenschrift. Teile 23 der tiefere Denker, er verfügt über ein hervorragendes philosophisches Wissen, aber Dr. Wise bezwingt durch den Charme einer temperamentvollen, ehrlichen und enthusiastischen Persönlichkeit. Als Redner ist. er direkt unwiderstehlich und bei allen politischen Banketten die Hauptattraktion in der Sprecherliste. Dr. Hirsch, wie Dr. Wise haben den Sonnabend-Gottesdienst aufgegeben und predigen Sonntags. Beide leiten Bibelschulen für Kinder, aber die wichtigste ihrer Leistungen ist wohl das soziale Hilfswerk, das sie gegründet haben. Im Verein und im Anschluß an ihre Synagogen unterhalten sie Handwerkerklubs, lehren Settlement-Work und versuchen so die ethischen Wahrheiten des Judentums in praktische Taten umzusetzen. In diesem Bestreben werden sie von Dr. Gries in Cleveland und Dr. H a r r i s in New-Iork und manchem Anderen tatkräftigst unterstützt. Eines der Hauptverdienste dieser Leiter der Reformbewegung ist, die auch in Amerika um sich greifende antisemitische Bewegung in Wort und Schrift, in Tat und Rede, von der Kanzel wie vom Rednerpult aus zu bekämpfen und ihre Sinnlosigkeit in augenfälliger Weise darzustellen. So sagte einmal Dr. Hirsch in einer vielbesprochenen Rede: „Wenn Jesus heute wieder auf die Welt käme, so würden ihm die Christen den Zutritt zu ihren Klubs verwehren, weil er Jude ist. Wenn St. Paul wiederkehrte, so würde es ihm ebenso ergehen. St. Peter würde in keinem Sommerhotel als Gast zugelassen werden, denn siehe da! er ist ein Hebräer. Und so muß wohl die Synagoge fortfahren zu existieren, denn sie ist die einzige Heimat, die einzige Zufluchtsstätte, die die Heiligen des christlichen Kultus auf dieser Erde haben." (Fortsetzung folgt.) Die Juden i« der österreichisch-ungarischen Armee. Von Moritz Frühling. (Fortsetzung.) Am nächsten Tage spielte sich das blutige Gefecht bei Königinhof ab. Es war zum Schlüsse des Straßenkampfes, wo unsere Truppen, von vorne und in den Flanken vom übermächtigen Gegner gefaßt, nach hartnäckigem Widerstande langsam den Rückzug über die Elbe bewerkstelligten. Einige hundert Schritte vor der Elbe-Brücke kam es noch einmal zu einem äußerst heftigen Handgemenge um die Fahne des zweiten Bataillons von Coronini- Cronberg Infanterie Nr. 6. Die Fahnen-Offiziere waren bereits verwundet und die Mannschaft hatte sich um die Fahne des Bataillons geschart. Der Zugsführer Gutman Fischer stellte sich an die Spitze eines kleinen Haufens, besetzte ein Haus, ließ die ihn umringende Mannschaft fortwährend ihre Gewehre laden, welche .ihm — dem trefflichen Schützen — eines nach dem anderen gereicht wurden und die er gegen die nach und nach andrängenden Preußen — jeder Schuß ein Treffer — abfeuerte. Während Fischer mit all seinem Kräfteaufgebot dem Gegner große Verluste beibrachte, drang zu seinem Standorte vom Engpässe her der gellende Ruf: „Fischer, wo bist du?!" Es war der Fahnenführer Moritz Schlick, (geboren 1836 in Zombor, Ungarn). Fischers Freund, der am Wege zur Brücke tödlich verwundet wurde und sinkend nur noch so viel Kraft hatte, den in seiner Nähe kämpfenden Fischer zu Hilfe zu rufen. Wie ein angeschossener Löwe, vor Schmerz aufschreiend, stürzt sich Fischer in den Engpaß, wo die feindlichen Geschosse mit unheimlichem Zischen niederprasseln und seinen von fünf Kugeln durchbohrten Freund, die Fahne krampfhaft umfassend, treffen. Zwei preußische Soldaten stürzen sich auf den in die Knie gesunkenen Fahnenführer: Fischer durchbohrt mit dem Bajonette dem einen den Hals, der andere ergreift die Flucht. Und im Engpässe, nicht achtend der niederprasselnden Projektile, nimmt Fischer Abschied von seinem sterbenden Freunde. Er kniet nieder, ergreift die Rechte seines Kameraden und Glaubensgenossen und beide schluchzen das „Schema Israel" hervor. Die Fahnenbänder des 2. Bataillons von Coronini-Cronberg Infanterie umflattern die beiden Unteroffiziere, von denen einer sie bis zum letzten Atemzuge festhielt, bis sie der andere übernahm, und das unaufhörlich krachende Gewehrfeuer war gleichsam die Ehrensalve des sterbenden Soldaten. Eine Szene, wie sie in Kriegszeiten dramatischer nicht gedacht werden kann. Schluchzend über den herben Verlust, die Fahne hinter sich nachschleppend — er unterließ es, sie zu schultern, damit sie nicht erblickt werde — eilte nun Fischer den Seinigen zu. Gegen die um das gerettete Palladium sich scharende Mannschaft drängen die feindlichen Schwärme mit Ungestüm nach, um es zu erobern. Zugsführer Fischer wehrte sich, von einigen Leuten unterstützt, mit verzweifelter Tapferkeit. Bereits durch einen Degen- und Bajonettstich und einen Streifschuß verwundet, ließ er im Kampfe dennoch nicht nach. Einem preußischen Gardeoffizier, der die Fahne nehmen wollte, setzte er sein Gewehr mit der Mündung an den Mund und schoß es ab. „Wirst keinen österreichischen Soldaten mehr behelligen", rief er ihm noch nach: gegen andere auf ihn eindringende Feinde wehrte er sich mit Kolbenschlägen. Inzwischen hatte sich die kleine Schar um ihn gelichtet und er, der die augenscheinliche Gefahr sah, zu unterliegen und die Fahne zu verlieren, schlug die ihm im Wege stehenden Feinde mit dem Kolben nieder, raffte dann die Fahne auf und eilte mit derselben gegen die Brücke. Feindliche Soldaten sendeten ihm mehrere Kugeln nach: eine traf ihn im Fuß, ohne ihn schwer zu perletzen und mehrere streiften ihm den Mantel und den Czako. Er erreichte dennoch seine Truppe, wo er erschöpft niedersank und die Fahne dem Leutnant Alois Hallada übergab. Führer Gutman Fischer wurde für diese glänzende Waffentat zum Fahnenführer — mit Feldwebelsrang — befördert und erhielt die goldene Tapferkeitsmedaille. Kaum von seinen Wunden notdürftig genesen, zeichnete er sich in der Schlacht bei Königgrätz erneut aus, indem er, neuerdings verwundet, so lange auf dem Kampfplätze blieb, bis er. durch den Blutverlust geschwächt, genötigt war, sich auf den Verbandsplatz zu begeben. Nachdem er verbunden und kurze Zeit sich erholt hatte, kehrte er wieder in die Reihen der Kämpfenden zurück. Gutman Fischer. 1840 in Petrovosello. Ungarn, geboren, Sohn eines Dorfkrämers, wurde 1864 zum 6. Infanterieregimente assentiert. Fischer hat vor seiner Assentierung nur die Dorfschule in Petrovosello besucht und wurde in den Unteroffiziersschulen seines Regiments militärisch weiterausgebildet. Er machte auch früher den Feldzug gegen Dänemark mit. Fischer lebt in sehr kümmerlichen Verhältnissen in Mohol, Bacs-Bodrogher Komitat, Ungarn. Ich habe, gegen meine Absicht, mich nur auf eine allgemeine Schilderung zu beschränken, einen Fall skizziert. Und solche Leistungen jüdischer Soldaten aus dem Feldzugsjahre 1866 sind — wie erwähnt — zirka 400 festgestellt. In diesem unglückseligen Feldzuge sollte nur das erste Treffen bei Trautenau und das letzte von Blumenau siegreich sein: was inzwischen gekämpft wurde, war eine Kette von Katastrophen. Um die Mittagsstunde des letzten Gefechtes, am 22. Juli hörte man während des Kampfes plötzlich das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.