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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-14 · 2 (14.1.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 82 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 2 Daher die Mehrzahl der Klagen und eine Mißstimmung, an der die Betroffenen wahrhaftig unschuldig sind. Die Bezirke sind zu groß und das jüdische Gesellschaftsleben zu schwach, als daß die Steuerkommissionen mit der gebotenen Sicherheit abschätzen könnten. Es bleibt durchaus nichts übrig, als das alte Verlangen nochmals mit aller Macht durchzusetzen zu versuchen und einen mit allen möglichen Mitteln geheimnisvoll geschützten Einblick in die Einkommensteuerlisten des Staates bewilligt zu erhalten. Diesem Wunsche gegenüber hat sich die Regierung bisher stets ablehnend verhalten. Vielleicht wird sie sich jetzt einverstanden erklären, da doch auch sie ein neues Prinzip bei der Steuereintreibung angenommen hat. Auch sie verläßt sich nicht mehr aus die freiwilligen Angaben der Steuerträger, sondern fordert Einsicht in die Geschäftsbücher, wenn jemand gegen eine angeblich zu hohe Steuer den Rekursweg einschlägt. Geschäftsbücher sind doch gewiß ein weit wichtigeres Geheimnis als die Einkommensteuerlisten. Warum sollte man also der Kultusgemeinde eine Maßregel verweigern, von der die Ruhe ihrer Existenz abhängig ist und die Gerechtigkeit der Steuerverteilung? Ein freiwilliges Steuerbekenntnis ist nun einmal nicht zu erreichen. Die Opposition wird zwar sagen, daß man den niedrigsten Steuerzensus noch herabsetzen und sich auf breitere und zahlreichere Massen stützen solle. Man hat auch das getan, hat freiwilligen Steuerzahlern alle Rechte der vollzahlenden gegeben, wenn sie statt der 20 Kr. auch nur 10 entrichten. Das Resultat war kläglich. Die Liebe zum Judentum war den wenigsten Leuten zehn Kronen wert. Es bleibt nichts übrig, als die Steuern zu erhöhen und einzutreiben. Allerdings dort, wo Geld vorhanden ist. Den kleinen Mann verschonen, den großen heranziehen, ist das demokratische Prinzip unserer Zeit und wird auch in der Kultusgemeinde gern befolgt werden, wenn man mit einem Einblick in die Steüerlisten des Staates die Gelegenheit dazu gewinnen könnte. Da sollte vielleicht eine große Aktion des Kultusvorstandes energisch einsetzen. _ Geistige Strömungen in der amerikanischen Judenheit. ii. Man kann die moderne Judenheit in Amerika in drei große Klassen einteilen. Erstens den orthodoxen Juden, zweitens den indifferenten Juden und schließlich den Reformjuden. Der orthodoxe Jude, das ist in der Hauptsache der neu angekommene russische, polnische oder galizische Emigrant. Seine Domäne ist die East Seite. In Grand-Street sieht man ihn nicht anders als man ihn in irgend einem vegesseneu Ghetto Galiziens oder Rußlands finden würde. Der lauge Kaftan, der lange Bart und die Seitenlocken, sie zeichnen genug seine Stellung der Welt gegenüber, die ihn umgibt. Er geht durch dm Glutofen des modernen Lebens ebenso unberührt, wie die drei Männer Schadroch, Mesoch und Obednego durch den Feuerofen Nebukaduezars gingen und sein Glaube an den besonderen Schutz eines persönlichen Gottes ist nicht geringer als der ihre es war. Dieser eingewanderte orthodoxe Jude schließt sich mit den Genossen aus demselben Ort zu einer kleinen Gemeinde zusammen, in irgend einem überfüllten Hause wird ein leeres Zimmer gemietet, das als Synagoge dient, und nun führt er das Leben des Ghetto auf New-Iorker Boden weiter, das Leben des Ghetto in all seiner Kleinlichkeit und all seiner Enge, in all seiner Begrenztheit und all seinem Fanatismus, aber auch in all seiner unvergleichlichen, innigen, jahrtausend alten Poesie. Er mag eine seltsame Gestalt sein, dieser orthodoxe Jude, aber er ist eine sympathische Gestalt; er gehört einer anderen Zeit, einer anderen Welt an, und so fremd er dem Geist des Beobachters stehen mag, so wundervoll heimatlich wirkt er auf das Herz des jüdischen Beschauers. Weit weniger sympathisch ist sein direkter Nachkomme, der indifferente Jude. Den hat das amerikanische Leben im schlechtesten Sinne, der krasse Materialismus, in seine tausend Fangarme gezogen und der Kampf um das tägliche Brot, die Hast und die Jagd nach dem allmächtigen Dollar läßt alles religiöse, ja fast alles geistige Interesse in ihm ersterben. Dieser indifferente Jude kennt nichts als verdienen und wieder verdienen. Der Sabbath ist ihm kein Sabbath und der Feiertag kein Feiertag mehr. In den Synagogen ist er kaum zu sehen und nur am Versöhnungstag treibt ihn mehr eine geheime Angst, ein alter Aberglaube, als wahres Bedürfnis ins Gotteshaus. Dieser indifferente Jude bildet das Hauptkontingent der unzähligen Logen und Societies, die, auf niedrigster geistiger und Kulturstufe stehend, nichts sind, als private Versicherungsgesellschaften im günstigsten Falle, im ärgeren Falle aber Brutstätten beklagenswertester Betrügereien. Dennoch wäre es verkehrt, anzunehmen, daß sich unter den indifferenten Juden nicht auch starke Intelligenzen befinden, aber diese Intelligenzen haben nur das Bestreben, die jüdischen Züge möglichst schnell los zu werden. Sie geben sich englische Namen, sprechen nur englisch, und adoptieren kritiklos jede amerikanische Sitte und Unsitte. An sie dachte wohl Rabbi Harris, als er in einer kürzlich gehaltenen Predigt sagte: „Der Jude hat jede Verfolgung ertragen und überdauert; es wird sich nun zu zeigen haben, ob er auch die Emanzipation auszuhalten vermag." Zu der dritten Klasse, zu den Reformjuden,* gehören sicherlich die wertvollsten und interessantesten Mitglieder der amerikanischen Judenheit. Die größten und reichsten Synagogen sind mit wenig Ausnahmen Reformsynagogen und die Führer und Leiter der Reformbewegung sind repräsentative Juden im besten Sinne des Wortes. „Die Reformbewegung", sagt Rabbiner Dr. Harris vom Tempel Israel in New-Iork, „will die Erkenntnis der ewig lebendigen, essentiellen Bestandteile des jüdischen Glaubens verbreiten und diese Erkenntnis auf das moderne Leben des Tages anwenden." „Der Reformjude hält fest an seinem Glauben, aber er bringt ihn in Einklang mit den neuen Ideen des heutigen Tages. Er glaubt nicht mehr an Wunder, sondern an Evolution, die ihm das größte Wunder scheint. Er hofft weit mehr auf das Hereinbrechen einer messianischen Aera, als auf das Kommen eines persönlichen Messias. Er ersehnt sich ein Zion, in dem alle Menschen voll sein werden der reinen Golteserkenntnis und der aufrichtigen Bruderliebe und er glaubt, daß es die Mission des jüdischen Volkes ist, solch ein Zion aufbauen zu helfen, ganz einerlei, an welchem Orte der Erde dieses Zion gelegen sein mag." Allerdings gibt es auch unter den Reformjuden alle möglichen Schattierungen und Abstufungen von gemäßigter Orthodoxie bis zum extremsten Radikalismus. So wird zum Beispiel in Dr. Großmanns Synagoge in New-Iork der Hut beim Gottesdienst getragen, doch wird eine Orgel benützt und ein gemischter Chor singt, während in Dr. Silvermanns Tempel Emauu-El, der vornehmste und bekannteste Tempel New-Iorks, der alle Finanz- und alle intektuellen Größen zu seinen Mitgliedern zählt, die Männer ohne Hut beten und der Gottesdienst sowohl am Sonnabend, wie auch Sonntags stattfindet. Auf dem linksten Flügel der Reformbewegung stehen zwei der hervorragendsten jüdischen Persönlichkeiten Amerikas: Dr. Emil G. Hirsch vom Tempel Sinai in Chicago und Dr. Stephen S. W i se, welcher vor zwei Jahren die Freie Synagoge in New-Iork gründete. Beide Männer sind glänzende und geistvolle Redner und ihre Aussprüche über öffentliche soziale und politische Fragen finden stets ein weites Echo in allen Kreisen der Bevölkerung. Dr. Hirsch ist vielleicht noch

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