Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Seite IS Dr. Blochs Wochenschrift. „So dürfen Sie nicht sprechen", sagte Dawid und drückte die Hand Liebermanns. „Wenn ^rie wüßten, wie dankbar ich Ihnen bin. Es ist in mir etwas wach geworden und Sie haben mir Mut dazu gegeben. Aas werde ich nie vergessen! Aber glauben Sie wirklich, daß man sich als Schriftsteller durchsetzen kann?" „Ich könnte Ihnen Namen von berühmten Autoren nennen, die kleine Beamte oder Arbeiter waren. Wenn Sie etwas können, werden Sie Ihren Weg machen." Dieser Abend war entscheidend für Dawids spätere Entwicklung. Liebermann lieh ihm Bücher moderner Schriftsteller und nach einiger Zeit entwarf Dawid den Plan zu einem sozialen Drama. Das Stück hieß „Gegensätze" und spielte in einer Fabriksstadl Russisch-Polens.... Wenn Dawid einen Akt fertig hatte, las er ihn Liebermann vor und dann ging es ans Verbessern. Nun harte Dawid seinen Lebensberuf erkannt. Mochten die anderen in Versammlungen und Zeitungsartikeln das Kapital bekämpfen: er wollte sich auf seine Weise der Armen und Unterdrückten annehmen, indem er in einem Werke die Schäden unserer Gesellschaftsordnung bloßlegte. Adolf erfuhr nichts von der Umwälzung, die in Dawid vor sich gegangen war. Doch als er eines Nachmittags nach Hause kam, traf er Dawid bei der Arbeit an. .Nun hieß es Farbe bekennen! ' Dawid mußte ihm den Inhalt des Stückes erzählen. Er tat es gern, denn auf Adolfs Urteil konnte man etwas geben. Doch als er geendet, sagte Adolf kein Wort. Er lächelte nur, zog die Uhr und wollte gehen. Aber Dawid stellte sich ihm in den Weg. „Ich will Ihnen die Wahrheit sagen", sprach Adolf langsam und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Die Idee ist nicht neu. Ich glaube Aehnliches schon einmal gelesen zu haben. . . . Im Uebrigen will es mir nicht in den Kopf, daß in Ihnen ein Schriftsteller stecken soll. Ein Mensch, der so wenig gelernt hat, hat Besseres zu tun, als Theaterstücke zu schreiben." Sprachs und ging mit leichtem Gruß. Als Dawid allein war, ließ er den Kopf auf die Tischplatte fallen und weinte. Nun hatte ihn Adolf in Stich gelassen, kaum daß er seine Schwingen zu regen begann. Doch nur eine Viertelstunde saß Dawid in dieser verzweifelten Stimmung. Dann erhob er sich und sperrte sein Manuskript sorgfältig ein. Cr wollte sich von niemandem abschrecken lassen. Am Abend sprach er mit Adolf kaum einige Worte und allmählig beschränkte er sich nur auf einen Gruß, der ihm kaum erwidert wurde. . . . Sie waren einander fremd geworden! V. Dcuvid findet Gelegenheit für seine politische Ueberzengung einzntreten. Das Beisammenwohnen der 3 hatte bald ein Ende. Adolf zog schon nach wenigen Tagen fort. Bald darauf verließ Liebermann Wien und so mußte Dawid das schöne Zimmer aufgeben. Er fand bei armen Landsleuten eine billige Schlafstelle. Seine Quartiergeber waren ein altes, kinderloses Paar. Sie saßen fast immer in der Küche und so hatte Dawid das Zimmer für sich allein. Er fühlte sich bald bei ihnen heimisch und wenn er aus dem Geschäfte kam. mußte er ihnen von den Neuigkeiten in der Stadt erzählen. Herr Silberstein hörte gern von Politik sprechen: doch ganz besonders lag ihm das Wohl der Iuden am Herzen. Er war sehr fromm und suchte auch Dawid zu bekehren. Den Sabbat feierte er mit allen Zeremonien und Gesängen des orthodoren Judentums. An diesem Tage sprach er nicht über weltliche Dinge, sondern befaßte sich nur mit heiligen Büchern. Wenn er eine besonders wirkungsvolle Stelle fand, suchte er sie seiner Frau zu erklären, dagegen pflegte er Dawid alle Strafen und Plagen aufzuzählen, die den Sünder im Jenseits erwarten. . . . Am Freitag Abend durfte Dawid die Lampe nicht anzünden und wenn die Sabbatkerzen ausgingen, mußte er bis zum Schlafengehen in der finsteren Stube sitzen. Als Dawid eines Abends nach Hause kam, traf er in der Küche einen jungen Landsmann, namens Nathan Wieseltier an. Wieseliier saß auf dem Bette und unterhielt die beiden Alten. Er war schlank und schwarzhaarig, trug ein spitzes Bärtchen und hatte einen fadenscheinigen Zylinder auf dem Kopfe. Wieseltier kam jetzt jeden Abend, ließ sich bewirten und sprach die ganze Zeit? Er machte sich kein Gewissen daraus, die Alten durch erfundene Nachrichten zu ver-- blüffen. Einmal stürzte er ganz aufgeregt in die Küche und hielt ein Zeitungsblatt in der Hand. Er rang nach Atem. „Haben Sie es schon gehört", stieß er endlich hervor, als die Alten schon recht neugierig wurden. „Die Iuden bekommen Palästina zurück. Hier ist das Telegramm." Er hielt Silberstein, der kein Deutsch lesen konnte, die Zeitung hin und fuhr fort: „Rothschild hat das Land angekauft. Gelobt sei Gott, daß wir es erlebt haben." Jetzt sprach er einige Minuten nichts, sondern schien in Bedanken versunken. Aber Silberstein war außer sich vor Freude und wollte alles wissen. Nun schilderte Wieseltier, wie die Auswanderung der Iuden vor sich gehen werde. Silberstein glauöle ihm jedes Wort und zitierte Stellen aus der Heiligen Schrift, die auf die Wiedererrichtung des jüdischen Reiches Bezug haben. Als Wieseltier von Dawids politischer Gesinnung erfuhr, begann er sich mit ihm näher zu beschäftigen. Er konnte sich nicht denken, daß ein Jude etwas anderes als ein Iude sein kann und ^endete seine ganze Beredsamkeit auf, um Dawid seinem Volke zurückzugewinnen. Silberstein hielt natürlich mit Wieseltier. Auch er konnte sich vom Sozialismus keinen Begriff machen. In seinen Augen war es schon schlimm genug, daß Dawid nicht die Gebote des Herrn befolgte. Nun ging er noch mit den Andersgläubigen und stellte sich gegen sein eigenes Volk. Wieseltier richtete unzählige Fragen, die er beantwortet haben wollte. Seine Argumente waren lächerlich und leicht zu widerlegen. „Ihr wollt also teilen", rief er Dawid zu. „Gut. ich bin dabei. Jeder arme Mensch ist ein geborener Sozialist. . . . Wer sagt Ihnen aber, daß die Reichen ihr Geld hergeben werden?" Es gab hitzige Kämpfe und keiner ließ sich vom andern überzeugen. Dawid tat sein Möglichstes^ um Wieseliier aufzuklären, verzichtete aber schließlich darauf, sich mit ihm in eine Diskussion einzulassen. Aber Wieseltier ließ nicht locker und eines Abends brachte er den Hörer der Philosophie Markus Grünbaum mit. Grünbaum war ein stiller Mansch und mit ihm war es ein Vergnügen, über Politik zu sprechen: man merkte es seinen Worten an, daß sie der tiefsten Aeberzeugung entsprangen. Er war Zionist und das Elend des jüdischen Volkes ging ihm sehr nahe. Grünbaum suchte Dawid nachzüweisen, daß das jüdische Proletariat vor allem um nationale Freihöit und Gleichberechtigung kämpfen müsse, bevor es in den sozialen Kamps eintrete. „Wir müssen die Sozialdemokratie bekämpfen, denn sie wendet unsere Brüder von ihren ureigensten Interessen ab", sagte er. , Gewiß hat der Sozialismus seine Berechtigung, aber das Hemd ist mir näher als die Weste. . Wenn wir unsere nationale Frage gelöst haben, dann werden wir ini sozialen Kampf in der ersten Reihe stehen."