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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-07 · 1 (7.1.1910) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Sette 18 irr. 1 Dr. Blochs Wochenschrift. Unterstützuugs Verein „Tomech Ewjonim" für arme jüdische Zugereiste. Der alte, schöne Brauch der jüdischen Gastfreundlichkeit, der darin besteht, arme zugereiste Juden an Samstagen und Feiertagen als Gast zu Tische zu laden, wird zwar in den alten jüdischen Gemeinden, hauptsächlich des Ostens, auch heute noch gepflegt, in Wien aber ist es nicht mehr möglich. Damit der arme fremde Jude wenigstens am Feiertage der Nahrungssorge enthoben wird, erhält er im Vereinslokal. II., Große Schiffgasse LI, am Freitagabend Wein (Kiddusch), Fische, Suppe, Fleisch und Gemüse. Samstag mittags dasselbe. Trotzdem der Verein speziell für Wien, wo ein sehr großer Zuzug von armen Juden herrscht, besonders ersprießlich wirkt, ist es ihm bis heute noch immer nicht gelungen, sich der tatkräftigen Unterstützung aller hiesigen Glaubensgenossen zu erfreuen. Er wendet sich daher mit der dringenden Bitte an alle, hauptsächlich an die, die es noch bei ihren Eltern zuhause mitansahen, wie bei keiner Mahlzeit am Samstag oder Feiertag der Orech (Gast) fehlen durfte, daß sie den Verein durch ihren Beitritt oder sonstige Spenden unterstützen mögen. Beitrtttsanmeldungen und Geldspenden werden vom Vereinsobmann Herrn Elias Weiß, II., An der Brücke, und vom Kassier Herrn Isidor Belf. II., Krumbaumgaffe 1, entgegengenommen. Austritte aus dem Judentum Vom 86. Dezember 1909 bis 1. Jänner 1910. Adler Friedrich, Gymnasiast, geb. 13. Juni 1895 in Wien, XII., Dörflerstrasse 12. Lodenstein Laura, Komptoiristin, geb. 15. Oktober 1890 Wien, II., Obere Donaustrasse 53. Reich-Fischer Johanna, Privat-Lehrerin, geb. 23. Juli 1884 Wien, IV., Margarethenstrasse 47. Tyroler Laura, Hofmusikersgattin, geb. 15 Oktober 1868 Wien, IX., Hebragasse 7. Zerkowitz Friederike Marianne, geb. König, Private, geb. 23. November 1883 Brünn, I., Hohenstaufengasse 12. St. Pölten (Jüdischer Literaturverein.) Am Samstag den 1. Jänner hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Doktor Bach aus Wien unter stürmischem Beifalle einen Vortrag über: „Meffianische Schwärmerei zu Beginn der Neuzeit". Jaumitz. Samstag den 1. Jänner hielt unser neuaufgenommene Rabbiner Se. Ehrwürden Herr Kalman Nürnberger seine Antrittsrede. Dieselbe übte auf die zahlreich versammelte Gemeinde eine so tiefen Eindruck, daß wir zur Hoffnung berechtigt sind, daß der seit zirka anderthalb Jahren verwaiste Radbinersttz wieder auf würdigste Weise besetzt wurde. Zglau. (Wahlergebnis.) Bei der am gestrigen Tage vollzogenen Konstituierung der neugewählten Kultusgemeinde-Vertretung wurde der bisherige Kultusvorstand für die Wahlperiode 1910 bis 1912 mit Stimmeneinhelligkeit wiedergewählt, und zwar zum Vorsteher Herr kaiserl. Rat Adolf Lieblich, Bankdirektor; zum Vorsteher-Stellvertreter Herr Simon Feldman«, Fabrikant; zu Beiräten die Herren Jona Heim, Privat; Adalbert Pokormy, Zahnarzt; Wilhelm Oestretcher, Großkaufmann; Ignaz Kohn, Großkaufmann. Weiters wurden einstimmig wiedergewahlt die Herren : Max Wurmsohn und Heinrich Weißensteiu zu Tempelvorstehern und die Herren Ignaz Kohn und Jakob Tauffig zu Tempelvorsteher-Stellvertretern. Ferner wurden in den Kultusausschuß gewählt die Herren; Karl Bondi, Josef Grünfeld, kaiserl. Rat Gustav Hellmaun, Dr. Eduard Kraus, Moritz Schwarzkopf, Jakob Eommer, Dr. Edmund Thorsch, Oberlandesgerichtsrat Albert Lieber und Richard Weißenstein. — m—. FeuMeton. Jimgliugsjahre. Roman von Hermann BlumenthaL IV. Eines Abends besuchten Dawid und Liebermann eine Egmont-Aufführung im Vurgtheater. Nach der Vorstellung gingen sie langsam über die Ringstraße nach Hause. Es war ein sommerlich warmer Märzabend und kein Lüftchen regte sich. Liebermann sprach von der tiefen Wirkung des Stückes, aber Dawid war so ergriffen, daß er kein Wort hervorbrachte. Bei der Augartenbrücke blieb Liebermann plötzlich stehen und sagte: „Ich kann ja auch Weggehen, wenn Sie allein sein wollen, Segenreich. Ich rede die ganze Zeit und Sie antworten mir nicht. Wissen Sie, wie ich das finde?" Dawid ernannte sich und ergriff den Arm des Freundes. „Seien Sie mir nicht böse", sagte er. „Man ist nicht immer in der Stimmung zu sprechen. Sie müssen das richtig verstehen. . . . Aber ich habe wirklich nichts gegen Sie." Sie schritten zum Schottenring zurück und setzten sich auf eine Bank. Dawid war jetzt froh, daß er jemand hatte, dem er seine Gedanken mitteilen konnte. „Wissen Sie", begann er, „es gibt Stunden, in denen wir alles viel deutlicher zu sehen glauben. Als wenn sonst ein Schleier über den Dingen gebreitet wäre. Ich habe heute über mich Nachdenken müssen und bin zu einem traurigen Schlüsse gekommen. . . . Sind Sie mir denn noch böse, Liebermann?" „Nein, jetzt verstehe ich Sie", sagte Liebermann ernst. „Sie waren nur so ganz eigen heute Abend. Als wenn Sie sich über meine Gesellschaft geärgert hätten..." „Sie haben es sich falsch ausgelegt. ... Ich bin ja so viel allein und das bringt mich auf traurige Gedanken. Aber manchmal möchte man doch lieber ganz allein sein. ... Ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Ich wollte heute so oft weinen und schämte mich vor Ihnen . . .". „Jetzt weiß ich, daß ich Ihnen Unrecht getan habe. Ich bin gar nicht viel anders als Sie. O, ich verstehe Sie! Sie sind kein Alllagsmensch und darum gefallen Sie mir, aber ich wundere mich, daß Sie Geschäftsmann geworden sind." „Was sollte ich sonst werden? Studiert habe ich nicht. Es hat mir in der Schule nicht gefallen. Jetzt tut es mir leid und ich möchte viel lieber lernen,' als im Geschäft hocken. . . . Wer kann bei den jetzigen Verhältnissen seinen Neigungen nachgehen? Wenn Sie wüßten, wie ich mir in früheren Jahren alles anders ausgemalt habe. . . . Das Höchste sollte für mich gerade gut genug sein. ... Ich rede nicht von den Kinderphantasien. Aber da erst vor drei oder vier Jahren zu Hause, als ich noch keine Eristenzsorgen hatte. . . . Wie weit liegt das jetzt zurück! Es waren Knabenschwärmereien! Jetzt sehe ich die Welt, wie sie ist! Da tritt man mit den schönsten Hoffnungen ins Leben und die Enttäuschungen kommen Schlag auf Schlag. Was bleibt dann noch von unseren Wünschen übrig?" ,Ich glaube, Segenreich, Sie sehen zu schwarz", sagte Liebermann nach einer Pause. „Es ist ja wahr, wir leben in einer materialistisch angehauchten Zeit. Die frühere Generation hatte es besser. Wer von uns genießt seine Jugend? Wir müssen uns schon frühzeitig um einen Beruf kümmern und da ist es natürlich mit den Idealen bald vorbei.... Doch Sie fühlen den Gegensatz so stark, weil Ihre Wünsche von der Wirklichkeit viel zu weit entfernt sind. Wenn ich aufrichtig sein soll: Sie sind zu schwermütig, Segenreich." „Denken Sie sich, Liebermann, ich wollte ein Dichter werden. Ich habe auch eine ganze Menge Gedichte geschrieben. — Jetzt werden sie mich gewiß auslachen?" „Sie kennen mich schlecht", erwiderte Liebermann mit ernster Miene. „Ich würde mich im Gegenteil freuen, wenn Sie etwas Tüchtiges zu stände brächten.... Eigentlich hätte ich es mir denken können. Ihr ganzes Wesen deutet darauf hin, daß in Ihnen etwas ganz Besonderes steckt. Sie sollen aber nicht verzagen. Wenn Sie Talent haben, werden Sie sich durchringen. Dann können Sie auch Ihren Beruf ändern. Ich werde auf Sie sehr stolz sein, aber Sie werden dann von mir. nichts mehr wissen wollen — —"

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