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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-07 · 1 (7.1.1910) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 5 Nr. 1 Kchädlmge der Gesellschaft (Eingesendet vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus ) Eine Fülle von Eift-„Ahidents" beschäftigte in jüngster Zeit die Welt und verleiht dem abgelaufenen Jahre ein seltsames Gepräge. Von der „Affaire" Steinheil, einer Art Melodrama insoferne die sich in das Herz stehlende schöne Frau gewissermaßen die Musik hierzu darstellt — bis zu den rauhen Beseitigungen durch Gift in der Soldateska, hüben und drüben, wurden wir in Atem gehalten, und fast empfanden wir die inzwischen durch einen Schüler Aesculaps vorgenommene Banknotenfälschung, die sich allerdings als z. T. aus altruistischen Gründen entspringend erwies, als Erleichterung. Während jedoch bei den militärischen Giftanschlägen offenbar nur der roheste, niedrigste, weil selbstsüchtigste Trieb vorliegt — derselbe, der allerdings im Kriege mit einem idealen Mäntelchen behängt wird — konnte man im Steinheil'schen Drama immer noch einige entschuldbare Motive ausfindig machen. Diesen Gewaltakten gegenübergestellt, rankt sich die andere, nur durch die bitterste Not und Verzweiflung eingegebene unselige Tat eines Idealisten zu einer wahren herostratischen empor, gestaltet sich indes zugleich zu einer vernichtenden Kritik unserer gesellschaftlichen Zustände, vermöge welcher es heute wie vor Jahrhunderten noch Vorkommen kann, daß der Einzelne, der sich für die Gesamtheit vollständig aufopfert, dem Verhungern preisgegeben ist; und — aber nicht genug an diesem Einen, verschlingt diese unbegreifliche Stumpfheit in der Gesellschaft — leider dem besser gekleideten und genährten Teil derselben — noch ein zweites, durch seine Hingebung geradezu bis zum Hsrzbrechen rührendes Opfer. And dann wühlte eine dritte Vergiftungsangelegenheil, als besonders ^interessanter" Krankheitsfall die „Gesellschaft" in ihren Tiefen auf, weniger aus Teilnahme, als vielmehr aus Besorgnis um des eigenen Jchs. Wohl gab es hiebei nichts, was mit dem Strafgesetze kollidiert hätte, auch ist die Vergiftung im gewöhnlichen Sinne als Todesursache keineswegs sichergestellt. Wenn hiemit dennoch eine Anreihung an die vorangeführten „Taten" stattfindet, so geschieht dies einfach deshalb, weil da mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls die wiewohl langsame aber sichere Wirllmg eines schleichenden Giftes anzunehmen ist, — denn die im Körper des Entschlafenen gefundenen Spuren von Arsen und Antimon oder dergleichen lassen doch kaum eine andere Deutung zu, als daß sie auf dem Wege von Medikamenten und Mineralwässern hineingelangten. Aber hier tritt an die Stelle des Körpergiftes die Vergiftung des Gemütes, die nicht minder vernichtend ist, wie sich wohl ohneweiters bei dem innigen Zusammenhänge zwischen Materie und Psyche von selbst ergibt. Und da kommt man abermals zur schweren Verurteilung unserer Gesellschaftszustände. Man vergegenwärtige sich doch nur: Ein Mann voll Ehrgeiz, ausgestattet mit den reichsten Gaben kaufmännischen Genies, von geradezu phänomenaler geistiger Energie, dessen Kopf auch dann immer noch unermüdlich arbeitet und Zahlen dirigiert, wenn Andere längst der Ruhe pflegten, dieser verkörperte Merkur, der sich, bezw. sein Institut zunächst in schärfstem Wettbewerb im eigenen Kreise, d. h. unter alten Finanz-Dynastien zu einer weithin gebietenden Stellung durchzuringen hatte, muß sich, als vom Staate längst schon seine Verdienste wenigstens züm Teil gewürdigt wurden, gefallen lassen, in öffentlicher Tagung der Reichsboten mit jenem Schlagworte, das seit jeher als Schimpf gebraucht wurde, diskreditiert zu werden, ein Schimpf, durch dessen unausgesetzte Anwendung es jedoch eine Reihe minderwertiger Leute zu Höhe und Ansehen brachte, zu deren Erlangung sie vermöge ihrer Begabung (— jene zur Verleumdung und Unaufrichtigkeit in allen Ehren!) nie und nimmer berechtigt waren. Und auch das wurzelt anderswo, es ist nicht einmal Original, sondern leitet sich von dem unseligen, später mit Bedauern zurückgenommenen Ausspruche des historischen Romanciers Renan von der ,.race inferieure“ her. Diese Minderwertung hatte aber den Feuerkopf Zeit seines Lebens begleitet, selbst dann noch, als sich schließlich doch die Ehrungen sutzessive einstellten, oder richtiger, einfach nicht mehr von der Hand weisen ließen. Daher mag es ihn. der es verstand, die zerrüttetsten Finanz-, Verkehrs- und Industrieunternehmungen in kurzer Zeit hinaufzuarbeiten, zu mächtiger, weit über die Grenzpfähle des engeren Vaterlandes hinausragender Bedeutung und Entwicklung, wohlt tief geschmerzt haben, gerade im Kreise seiner Mitbürger stets derselben unausrottbaren und vom rohesten Vorurteil diktierten Disqualifizierung preisgegeben zu sein. Daß Tausende und Abertausende von Existenzen seiner kräftigen und vor allem ordnenden Hand ihr D asein nicht nur, sondern ihr gesichertes Dasein verdanken, daß in dem kurzen Schlagworte „Konsolidierung" eine Unmasse nationalökonomischer Werte, sei es durch neue und erhöhte Steuern, sei es durch erweiterten und gesicherten Umsatz, zum Ausdruck gelangt, daran denkt wohl niemand, am allerwenigsten jenes Heer von jungen Beamten mit raschem Urteil und geringer Erfahrung, welche so häufig mit den in antisemitisches Gift getauchten Steinen nach dem Gründer ihres Glückes werfen und die sonderbarerweise gerade in den dem Fortschritte geweihten Instituten so zahlreich vorhanden sind. Aehnliches gilt von den Lehrern, die ihre Existenz doch nur dem Fortschritt zu danken haben. Es muß an seinem Herzen genagt haben, dieses zweierlei Maß vor allem an sich angewendet zu finden, wonach seine Leistungen kaum mehr als Pflicht angesehen wurden» wogegen, wenn sie von Anderen vollführt worden wären, diesen den herrlichsten Lohn gebracht hätten. So kann es ihm auch kaum besondere Genugtuung bereitet haben, nahe seinem 60. Lebensjahre endlich jene höchste Stellung einzunehmen, auf die sonst nur Jene Anwartschaft besitzen, welche auf nichts als — eine Reihe von Ahnen verweisen können, oder durch die Politik hineinversprengt wurden. Hiedurch, d. i. durch den ständigen Vorwurf der „widerwärtigen Rasse", wie ein allzueifriger Rechts-,,Vertreter" so geschmackvoll sich in einem sensationellen Prozesse ausdrückte, dürfte sein Siechtum genügend zu erklären sein. Selbstverständlich erfüllen die mit äußerster Gewissenhaftigkeit geführten schwierigen und umfangreichen Erhebungen, welche in „unserer" Offiziersaffaire" zu einem so „schönen", im Steinheil-Prozesse zu einem ganz unbefriedigenden Resultate geführt haben. Jeden mit hoher Genugtuung. Ebenso erfreut sich der Freispruch der beiden Schwurgerichte, in Wien bezüglich der Banknotenfälschung und in Paris bezüglich der Frau Steinheil, ziemlicher, wenn auch nicht ungeteilter Zustimmung — hier in Anbetracht der Motive, dort in Rücksicht auf die Unsicherheit der Beweise. Leider wird aber diese vierfache Freude durch den Gedanken arg vergällt, daß, u. zw. gerade bei „uns", seit 10 Jahren ein Unglücklicher im Kerker schmachtet, für dessen Schuld oder Mitschuld an den ihm angedichteten zwei Morden sich absolut keine stichhaltigen Beweise aufbringen lassen. Er ist nichts als ein Lehrbeispiel der brutalsten Selbsthilfe, indem die Koryphäen der antisemitischen Bewegung zu ihrem Aufstiege eines Eklats bedurften. Natürlich, bei Madame Steinheil interessierte sich die ganze Welt, da gilt das „Ia. Bauer, das ist was Anderes!" Bei den Offizieren, das sind eben die Bevorrechteten, bei Hosek, da schlich nebst dem abgrundtiefen Mitleid auch das Gespenst der Malaria in den Gerichtssaal —; was aber lag bei Hilsner, diesem effektiv Min-

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