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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-01-07 · 1 (7.1.1910) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Dr. Blochs Geistige Strömungen in der amerikanischen Judenheit. i. Christliche Geistliche und christliche Missionäre lieben es, von dem „stone-wall of Judaism“ zu sprechen und in in diesem „stone-wall“ die letzte Erklärung vieler sozialer und wirtschaftlicher Probleme zu sehen. Öb mit Recht? Sicherlich für den oberflächlichen Beobachter. Der braucht nur die überfüllten Straßen der Ostseite entlang zu gehen, die fremdartigen Laute des russischen Jargons zu vernehmen, die hebräischen Firmenschilder ringsum zu sehen, die orientalische Lebhaftigkeit, die malerische Uuordentlichkeit der Frauen und Männer und die verblüffende Zahl halb- und gauznackter Kinder zu beobachten, um ein fremdes Element zu empfinden, das für allen anglo-amerikanischen Einfluß unnahbar scheint. In der Tat ist es kaum zu glauben, was die jüdische Bevölkerung im Leben New-Aorks bedeutet. Innerhalb der letzten Jahre ist der Jude ganz still, fast unbemerkt das Haupt-Eiuzelelement in der aus allen Nationalitäten und Raffen gemischten Bevölkerung New-Aorks geworden, und er ist im vollsten Sinne der dominierende Faktor im New- Aorker Leben. In Groß-New-Aork lebt fast eine Million Juden, das ist mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Nirgends finden wir in der Weltgeschichte so viele Juden au irgend einem Orte der Erde vereinigt. Jerusalem beherbergte in den dreitausend Jahren seiner Geschichte niemals ein Viertel so viel Juden wie heute in der Stadt New-Aork leben, und die gesammten, jüdischen Ansiedelungen im modernen Palästina ließen sich bequem in em paar Blocks der East-Seite unterbringen. Aber nicht nur auf der überfüllten East-Seite spielen Juden die die Hauptrolle, auch andere Stadtteile bewohnen sie fast mit Ausschluß aller anderen Bevölkerungselemente. Hartem und die Bronse, Williamsburg und Brownsville sind solche jüdische Massenausiedlungen in einer für europäische Begriffe unerhörten Ausdehnung. Juden sind jedoch nicht nur Mieter von Wohnungen oder Tenement-Häusern, sie sind auch Besitzer ganz hervorragender Teile wertvollsten Grund und Bodens in Manhattan. Ganze Berufe wurden fast ausschließlich von Juden ausgeübt. Beinahe alle Glaser, alle Tapezierer, alle Tischler, alle Zimmermaler sind Juden. Die größte Industrie der Stadt, die Herren- und Dameukleider Fabrikation, liegt völlig in jüdischen Händen. Einige der größten Banken und Finauzinstitute werden von Juden kontrolliert und der jüdische Einfluß in dieser Direktion erweitert sich von Tag zu Tag. Juden leiten den allergrößten Teil aller Vergnügungslokale, aller Theater und Opern, ungefähr die Hälfte der hervorragendsten Zeitungen gehört jüdischen Besitzern — in anderen finden Wir Juden in wichtigsten redaktionellen Stellungen. Der größte Teil des Engros-Handels und ein bedeutender Teil des Detail- Handels wird von Juden besorgt, und wenn man die wissenschaftlichen Berufe betrachtet, dann sieht man, daß viele der berühmtesten und fähigsten Advokaten, Aerzte und wissenschaftlichen Forscher Juden sind. Und welche Rolle der Jude in der Politik der Stadt spielt, wird in jeder Wahlkampagne von Neuem empfunden und anerkannt. Viele jüdische Richter legen die Gesetze aus und nicht wenige Juden helfen in den legislativen Körperschaften und >'m Kongresse die Gesetze machen. Die Erziehung der Schulkinder in der Stadt New-Iork liegt in einem überraschenden Grade in jüdischen Händen. Hunderte von New-Iorker Lehrern und Lehrerinnen, die im despotischen Rußland geboren, erst vor wenigen Jahren hieherkamen, ohne Kenntnis der Landessprache und fast ohne Mittel, lehren heute amerikanischen Kindern die Grundgesetze der Demokratie. Wahrlich ein glänzendes Beispiel jüdischer Anpassungsfähigkeit! Die größten und mustcrgiltigsten privaten und öffentlichen Wohltätigkeits- Wochenschrist. Nr- * anstalten sind zum Teil von Juden gegründet und werden von Juden unterhalten und' schließlichhaben die Juden eine ethische Bewegung geschaffen, die — während die Juden stets allen christlichen Bekehrungsversuchen erfolgreich widerstanden haben — auch viele Christen interessiert, ja gewonnen hat. Es wird Manchem unglaublich klingen, aber es . ist doch eine feststehende Tatsache, daß es auf Manhattan-Island, dem eigentlichen New-Jork, mehr Synagogen gibt als Kirchen; allerdings meinen wir synagogale Organisationen, nicht Gebäude. Die Gesamtzahl der jüdischen Synagogen in Groß-New-Jork ist 805; davon entfallen 708 aus Manhattan-Island und die Bronse. Wirklich und wahrhaftig! Die Stadt New-Jork ist das Neue Jerusalem des modernen Juden geworden! Nimmt man zu all diesen statistischen Fakten die absolute Gleichgiltigkeit, ja die Verachtung, mit der die Juden allen christlichen Bekehrungsversuchen gegenüberstehen, überlegt man sich, daß die 45 Juden-Missions-Gesellschaften in den Vereinigten Staaten die 48 Stationen unterhalten, 144 Missionsarbeiter bezahlen, 47 Schulen mit 2355 Schülern finanzieren, daß diese Miffionsgesellschaften nicht nur fast gar keine Resultate erzielen, sondern auch von der Masse der jüdischen Bevölkerung einfach gar nicht bemerkt werden, dann scheint die Phrase vom „stone - wall of Judaism“ nicht so ganz ohne tatsächliche Unterlage. Und dennoch, wenn man nur näher zusieht, dann ist dieser „stono-wall“ weder so stark noch so hoch, als es dem oberflächlichen Betrachter scheinen möchte. Er ist in Wahrheit mehr ein Soffiten-Wall mit einer in hebräischen Lettern gehaltenen Inschrift; hinter diesem gemalten Papier-Wall steht aber nicht eine kompakte, unveränderliche und unbeeinflußbare Masse, sondern auch da Heißt es wieder: „atteS fließt." — Dieselben geistigen Strömungen, dieselben Spaltungen, dieselben Differenzen, dieselben Widersprüche und dieselben endlichen Einigungen, die im mchtiüdischen modernen Leben zum Ausdruck kommen, auch hinter dem j,stone-wall of Judaism“ finden wir ihr getreues Abbild und ihren unverkennbaren Widerpart. Die geistige Unrast, das Suchen nach neuen Ideen, die Abkehrung von kirchlichen Dogmen und Formeln, wir finden sie in der christlichen wie in der jüdischen Welt. Ja vielleicht gehen diese geistigen Strömungen nirgends tiefer als in der Judenheit, denn — nicht zu ihrem Heile — war es von altersher eine Schwäche der Juden, von jeder neuen geistigen Speise zuerst kosten zu müssen. Wir brauchen wohl nicht daran zu erinnern, daß eine ganze Zahl dcr das moderne Leben beeinflussenden und beherrschenden Ideen zuerst von jüdischen Denkern ausgesprochen wurde. Die sozialistische Bewegung läßt sich auf zwei Juden zurückführen: David Ricardo, M a r x und L a s s a l l e; die Friedensbewegung fand ihre Hauptinspiration in dem Buche eines Judenabstämmlings Jean de B l o ch. Und die Bewegung der „Ethical culLure“ in Amerika, deren tiefgehende Bedeutung kaum richtig genug gewürdigt wird, ist eine Schöpfung Dr. Felix Adlers, eines Juden. Das jüdische Volk hat eben stets den Genius für die Ideen von Uebermorgen, für Prophetie besessen. Ja, die ganze moderne Zivilisation ruht im Grunde auf jüdischer Prophetie und jüdischer Gesetzgebung. Moses, Jesaia und Paulus — was sind sie anders als Inkarnationen des jüdischen Genius! Und dieses Volk, das für alle geistigen Keime stets fruchtbarsten Nährboden bot, wie könnte das sich plötzlich in einen stone-wall verwandeln, der allen modernen Ideen teilnahmslos gegenübersieht. Nein! Auch in der amerikanischen Judenheit sind, wie im amerikanischen Volke überhaupt, starke geistige Strömungen bemerkbar und, im Folgenden mögen diese interessanten Bewegungen eine kurze Beleuchtung finden. (Fortsetzung folgt.)

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