Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 1 ,-Sejte 2 lisch so schmutzigen Bewegung. Dem Wiener Bürgermeister Prir, den der Tod auf der Gasse antrat, wurde kein einziges Haus geöffnet, als er vielleicht durch rech^eitige- Hilfe hätte gerettet werden können. Den Bürgermeister - ließ man in seiner eigenen Stadt mitleidlos Auf dem Pflaster sterben. V In einer seiner ParLamentsredeu hat Dr. Bloch folgende Daten vorgelegt: Meine Herren! Zweimal ist es in Wien passiert, daß christliche Knaben ihren jüdischen Mitschülern, bloß weil sie Juden sind, mit dem Meffer das Auge ausgestochen haben. Die beiden Buben wurden vom Gerichte abgeurteilt. Sagen Sie mir meine Herren, welch einer Gesinnung entspringt eine solche Tat, daß ein Schüler seinem Kollegen das Äüge aüssticht? So weit haben Sie es gebracht. Das Organ des protestantischen Pastors Becker in Breslau Nr. 9, 1890, stellt folgende Tatsachen zusammen, die sich in kurzer Zeit nacheinander ereignet haben. Ein jüdischer Kommis in Mährisch-Friedland rettete am 31. Dezember jenes Jahres einen christlichen Knaben von neun Jahren. In Nauheim ertrank Moriz Leeb aus Friedeberg, als er einen evangelischen Theologen zu retten versuchte. Der evangelische Geistliche nämlich hatte dort seine Braut besucht, beide machten eine Kahnfahrt und verunglückten. Moriz Leeb sprang nach, versuchte beide zu retten und ging dabei unter: Er war der einzige Sohn einer armen jüdischen Witwe. Aber der protestantische Pastor Becker erzählt dazu eine weitere Geschichte. Versetzen wir uns an einen österreichischen Fluß. Dort steht eine große Menge am Ufer versammelt und sieht zu, wie ein Mensch mit den Wellen ringt. Die Versammelten sagen: „Laßt's ihn ersaufen, er ist blotz ein Jud'" Da ringt sich ein Mann aus der Versammlung loS, springt hinem und versuchte diesen angeblichen Juden zu retten. Siehe da, 'es war ein Christ". Weihnacht ist das Friedensfest, wo die Aufforderung zur Menschlichkeit von allen Kirchtürmen klingt. Wie lautet die Antwort darauf: „Kauft nur bei Christen!" Aus dieser Aufforderung ist dann entstanden: „Kauft nur bei Deutschen!" „Kauft nur bei Tschechen!" Das ausdrücklich der Liebe geweihte, besonders heilige Fest der arischen Christen wurde so zum Freudentag des Hasses gemacht, zur Veranlassung zum Boykott. Und das „Deutsche Volksblatt", das mit seinen fettgedruckten Fittigen dem Antisemitismus und oer Gehässigkeit voranslog, wirft anderen Gemeinheit und Verlogenheit vor. Myslivec proklamiert im Parlament die Inferiorität der jüdischen Rasse, Pattai applaudiert dazu und die Regierung winkt der ganzen -Bewegung Gewährung. Die Regierung, welche sich mit jo vielen Schulen um die Erziehung der zukünftigen mit der Eröffnung und Unterstützung von Volksheimen, Kunstgalerien, Museen und dergleichen um die Anleitung der erwachsenen Staatsbürger emsig bemüht. In Uhersko und bei taufend, anderen Gelegenheiten kann sie den Wahnsinn ihrer Methode sehen. Es ist unmöglich, die Leute so zu erziehen, daß sie nur im Antisemitismus Bestien bleiben, sonst aber gute Kulturmeschen sind. Die Bestialität ergreift immer den ganzen Menschen. Mit der Schließung der antisemitischen Redattionen würde man für die christlich-arische Zivilisation weit mehr erreichen, als mit der Eröffnung von noch so vielen Erziehungsstätten. Dir A«de« in der österreichischuugarischen Armee. Von Moritz Frühling. IV. Im Süden und Norden des Kaiserstaates, auf dem siegreichen Schlachtfelde von Custozza und auf den unglücklichen böhmischen Gefilden finden wir die stattliche Zahl von fast 12 000 jüdischer Kombattanten. Viel, sehr viel Blut wurde hier vergossen; das Blut unserer Väter Mengte sich mit dem der Söhne der übrigen Nationalitäten, und mit diesem gewaltigen Blutstrom wurden endlich die Grundlagen für alle jene Errungenschaften gewonnen. die den später» Aufschwung auf den meisten Gebieten des öffentlichen Lebens mit sich brachten. Das Kriegsjahr 1866! Die Hoffnung, welche die glänzende Siegesbotschaft von Custozza geweckt hatte, daß gleiches Waffenglück unseren tapferen Streitern im Norden beschieden sein würde, endete mit der unglückseligen Niederlage von Königgrätz, und erst der letzte dieser ereignisreichen Tage, der von Lissa, fiel versöhnend auf die Schlußszene des gewaltigen Dramas. Bei Custozza, Wysokow, Trautenau, Skalitz, Iiein, Königinhof, Königgrätz, Tobitschau und im Gewässer der Adria fanden Hunderte unserer Glaubensbrüder den Heldentod; die blutigen Kämpfe all dieser Etappen -- ausnahmslos — verflochten zahlreiche Namen jüdischer Soldaten mit der österreichischen Kriegsgeschichte, und die auch im Verhältnis zum ganzen nicht mehr bescheidenen Leistungen derselben reihen sich harmonisch und innig an die hervorragenden Taten der Armee und so zu einer nicht mehr trennbaren Kette in der Geschichte Oesterreichs. Neben vielen anderen höchst bravourösen Leistungen haben manche Wackere Taten vollbracht, welche — an antikes Heldentum gemahnend — Bewunderung fanden. Die Namen des Erretters der arg bedrängten Festung Königgrätz, des vor mehreren Monaten verschiedene Leutnant Ignatz Goldslein, des hier in Wien lebenden Majors Wolf V a r d a ch Edler von C h l u m - berg, damals Feuerwerker, des Feldwebels Gut man Fischer, des Zugsführers Salomon Fischer und des Infanteristen Moses Braunstein, welch letztere vier sich die goldene Tapferkeitsmedaille erkämpften, sind in den Reihen der Armee noch heute jedermann geläufig. Unbekannt und ungenannt sind diese Helden — bei den eigenen Stammesgenossen! Der Feldzug 1866 brachte eine geradezu überreiche Anzahl an Taten hervorragender Tapferkeit und selbstloser Hingebung. Und während jedes andere Volk durch Ehrung seiner Toten sich selber ehrt, schlafen viele unserer Helden den ewigen Schlaf, manche leben noch — unbekannt und ungenannt! So konnte es kommen, daß es in einer vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Berlin jüngst herausgegebenen Broschüre „Die Juden im Heere" auf Seite 64 heißt: Oesterreich. „Auch aus dem Feldzuge gegen Preußen wird eine Heldentat eines Juden von I. von Hoffinger in seinem Werke „Lorbeeren und Cypressen von 1866 erzählt." Also eine Heldentat wird erzählt, während ßs solche mehr als vierhundert zu erzählen gibt! Es wäre aber doch zu beschämend, wenn bei einer Kombattantenzahl von 12 000, und aus einer Zeit, wo ihre militärischen Talente an die der anderen schon ebenbürtig heranreichten, nur ein einziger rühmenswerter Fall zu erzählen wäre. Und wie so oft im Leben gerade das Würdigste ungewürdigt bleibt, muß auch hier die schönste all dieser schönen und erzählenswerten Leistungen wiedergegeben werden, ohne den Namen des Braven je eruieren zu können. Es war nach dem Treffen bei Iicin am 29. Iuyi. Eine preußische Sanitätspatrouille suchte das jDefechtsfeld ab, um die Toten und Verwundeten .aufzunehmen. Da erblickte sie in einem Bache, wie ein österreichischer Soldat bis zum Oberkörper in demselben stehend, .sich hinter einem Baumzweig vor Sicht bewahrte. Die Patrouille ruft ihm zu, doch dem Wasser zu entsteigen und sich zu ergeben. „Er sei verwundet," lispelt der im Wasser Steckende, zeigt in der Tat auf jeine schwere KopfwuOe, und bittet, ihn nur im Wasser zu belassen, da es seinen noch übrigen Wunden Linderung bereite. Die Patrouille entfernte sich hierauf. Der Kommandant dieser Patrouille berichtete später seinem Vorgesetzten Offizier von diesem Vorfälle und davon, daß er es nicht über sich zü'bringen vermochte, einen verwundeten Gegner aus dem Wasser zu ziehen,