Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021872--18912-3043866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 53 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 013 mit den jüdischen Massen, es gehe von ihr keine Resonanzwirkung auf die Bewegung selbst aus. Man fühle die Leitung nicht genug, sie müsse viel stärker zum Ausdruck kommen. Po ol-Hengelo richtet Angriffe gegen den Direktor der jüdischen Kolonialbank, Herrn Co wen, und gegen die Geschäftsführung des Jüdischen Nationalfonds. D a i ch e s (London) spricht ebenfalls als Oppofilionsredner. Er bedauert, daß die heutige Eröffnungsrede W o l f f s o h n s mit ihrer starken Betonung der Wirkung der türkischen Umwälzung auf die zionistischen Verhältnisse nicht schon vor einem Jahre gehalten worden sei. Damals seien die Zionisten verschmachtet nach einem befreienden Worte, aber die Leitung habe geschwiegen. Was heute erklärt wurde, hätte auch damals gesagt werden können, und dann wäre auch die Wirkung unvergleichlich größer gewesen. Nachdem der Legitimationsausschuß seinen Bericht über die Giltigkeit der vorgenommenen Kongreßwahlen gegeben hat, schließt der Präsident die Sitzung. Abends fand in der Ernst Mer ck-Halle des Zoologischen Gartens ein glänzend verlaufenes Schauturnen der jüdischen Turnerschaft des Verbandes der national-jüdischen Turnvereine statt. Vereine aus Deutschland, Oesterreich, Ungarn usw. hatten über 100 Turner entsandt, die in mustergiltigen Darbietungen den mehr als 1500 Gästen ein herrliches Bild ihrer turnerischen Kraft und Gewandtheit gaben. Besonderen Beifall fanden die wunderschönen Reigenübungen einer ad hoc gebildeten Damenriege Hamburger Damen. Dr. Ernst Tuch begrüßte die zahlreichen Gäste und betonte in eindringlichen Worten den nationalen und kulturellen Wert des Turnens in jüdischen Turnvereinen. Ihm antwortete Doktor N o r d a u, der eigentliche Vater dieser Turnbewegung. Man merkte seinen Ausführungen die Ergriffenheit, die Freude darüber an, hier seinen Traum des „Muskel-Judentums" verwirklicht zu sehen. Ein Kommers beschloß die glänzende Veranstaltung Hamburg, 27. Dezember. Zweiter Tag. Die Zahl der Delegierten und Teilnehmer ist heute etwas schwächer als gestern, die Galerien sind aber wiederum überfüllt. Die Verhandlungssprache ist auch weiter fast ausschließlich deutsch, nur einige Delegierte aus Rußland und Galizien sprechen hebräisch. Einige englische Delegierte sprechen englisch, die englischen Reden werden ins Deutsche übersetzt. Fast alle Redner, die gestern abend und heute vormittag zu Wort kamen, griffen die Kölner Zentralleitung aufs heftigste an. Es wurde bemängelt, daß das Aktionskomitee nicht praktischen politischen Zionismus betreibe und nicht die jüdischen Massen in Palästina ansiedle. Es kommt wiederholt zu argen Lärmszenen, namentlich während einer Rede des Präsidenten des engeren Ausschusses, David Wolffsohn- Köln, der die Tätigkeit des Aktionskomitees verteidigt. Auch dieGalerien beteiligen sich sehr lebhaft mit Zwischenrufen an den Unterbrechungen. Es werden von den Galerien dem Redner wiederholt Schimpfworte zugerufen, so daß Präsident Dr. Mar N o r d a u mit Räumung der Tribünen und Niederlegung der Leitung droht. Dr. Weitzmann -Manchester ist anderer Ansicht und bemängelt, daß der Kongreß keine neuen Gedanken geschaffen habe: man solle in der Leitung nicht immer kaufmännisch rechnen, sondern sich auch einmal von politischen Ideen leiten lassen. In Palästina müsse jetzt praktische Arbeit geleistet werden: die könne nicht nur von einer Person organisiert werden, dazu bedürfe es einer aus mehreren Leitern, etwa drei, bestehenden Spitze. Der Redner vertrat weiter die Ansicht, daß Köln nicht der geeignete Ort für den Sitz der Leitung sei: es wäre weit besser, das Direktorium nach einem jüdisch-intellektuellen Zentrum, etwa Berlin, zu verlegen. Dies würde auch die Garantie bieten, daß dort besser neue Gedanken und neue Einrichtungen gefördert werden, die notwendig seien zur Erhaltung und .Kräftigung des Zionismus. Dr. Rappaport - Prag verteidigte das engere Aktionskomitee gegen die Angriffe und betonte, daß man doch hergekommen fei, um aufzubauen, nicht aber um einzureitzen. Dr. Tschlenow-Odessa war ebenfalls der. Ansicht, daß die Arbeit der Leitung zu groß für eine Person sei und man unbedingt das Präsidium um zwei Personen vermehren müffe. Die Leitung habe- Initiative vermissen lassen, namentlich bei Gelegenheit der türkischen Revolution, wo die Leitung Schritte hätte ergreifen müssen. Dr. K o h an - Bernstein (Palästina) wünscht, daß ein Mitglied der Zentralleitung den Sitz in Jerusalem habe. — Reichsratsabgeordneter Dr. Stand-Wien ist einer der Hauptführer der Opposition. Er wirft der Leitung vor, daß sie erstarrt sei. Sie habe geglaubt, Politik zu treiben.. wenn sie den Grundsatz des Abwartens proklamiere. Des Redners ungezügelte Aus- und Anfälle erregen stürmische Lärmszenen. Von-der Galerie wird ihm zugerufen: „Sie Klof a t s ch i a n e r, Sir wollen die Sitten des Abgeordneten Klofatsch hier einführen". Dr.Brande-Lodz wirft der Leitung vor. sie habe vergessen, daß es solche Länder gebe, die nicht nur Träger, sondern auch Objekt des Zionismus sind. Zu argen Lärmszenen kommt es während der darauf folgenden etwa zweistündigen Rede des Präsidenten des Aktionskomitees David Wolffsohn-Köln. Redner beginnt: Wir taten bester, die Dinge unter uns auszutragen, als vor der breitesten Oeffentlichkeit zu erörtern (Sehr richtig). Jetzt müssen aber einmal die Dinge beim richtigen Namen genannt werden. In letzter Zeit find unkontrollierbare Gerüchte verbreitet worden. Die zionistischen Zeitungen haben unwahre Behauptungen gegen die Leitung und einzelne Persönlichkeiten veröffentlicht. In den Landsmannschaften und allen möglichen Gesellschaften werden Beschlüsse gefaßt,, man kommt hierher mit vorgefaßten Meinungen, ohne erst die Gegenpartei gehört zu haben. (Hört!. Hört! und Lärm.) Ein Teil der Delegierten sitzt da und lauert immer nur auf irgend eine Gelegenheit, auf die Leitung loszuschlagen. Warum sagt man denn nicht, wie es gemacht werden muß? Der eine sagt, ich soll ein Adler sein, der andere, ich soll ein Löwe sein, und ich weiß nicht, was ich sonst noch alles sein sollte. (Heiterkeit.) Einen russischen Führer der Opposition ftagte ich: Was wollen Sie von mir? Da sagte er: Sie find uns eine zu starke Persönlichkeit in der Leitung. (Hört! Hört! und großer Lärm. Ruf: Das war ein Idiot! Unsinn!) Die Oesterreicher haben mir sogar den Vorwurf gemacht, daß ich mich in die innere österreichische Politik eingemischt habe. (Hört! Hört! und Widerspruch.) Der Zionismus werde sich niemals für parteipolitische und innerpolitische Zwecke irgend eines Landes festlegen lasten. Die Unzuftiedenen, die gegen die Leitung des Aktionskomitees protestieren, verlangen, daß ihre ruffischen, oder galizischen, oder österreichischen Interessen durch den Zionismus vertreten werden. Mit Politik habe die Leitung nie etwas zu tun gehabt; sie arbeite von jeher nur praktisch. Aber gerade die Protestler hätten sich von jeher von der praktischen Arbeit ferngehalten. Wenn selbst von berufenen Vertretern bei den Kongreßverhandlungen stets die Schattenseiten hervorgehoben würden, dann könne keine Autorität herrschen. Es war schwer, eiu Nachfolger Herzls zu sein. Es wird leichter sein, der Nachfolger WolffsohnS zu. sein. Aber wer auch mein Nachfolger wird, wenn Sie so fortfahren, den Präsidenten zu kritisieren, dann wird kein Präsident die Bewegung vorwärtsbringen können! (Stürmischer Beifall und Widerspruch.) In Petersburg hat man sogar eine Resolution gegen Herzl gefaßt, er sei kein Zionist. (Heiterkeit.) Ich muß überhaupt sagen, daß ich für die ewig, wiederholten Forderungen nach neuen großen Ideen das rechte Verständnis, nicht aufbringen kann. Wir haben ja gesehen, wohin wir mit den „großen Ideen" gekommen sind. Einmal war es Herr Zangwill, der uns den Judenstaat schenken wollte und nichts bewirkt hat. als eine Absplitterung zwar weniger, aber dach verhältnismäßig wertvoller Elemente. Die andere große Idee wollte uns Herr No ssi g bringen, der jetzt das unerhörte Novum eines — neuen Kolonisationsvereins geschaffen hat, für den er in der Türkei herumreist und antizionistische Propaganda macht. Es kann nicht zugegeben werden, daß die russische Landsmannschaft russische Politik treibt. Die ruffische Landsmannschaft ist ja nicht einmal im Stande, sich einen Präsidenten zu wählen. (Zuruf: Demokratisches Prinzip.) Ich bin nicht mehr in der Lage, bei solcher Behandlung die Leitung weiterzuführen. (Stürmischer und heftiger Widerspruch.) Die Art und Weise der Kritik in den hebräischen Zeitungen ist derart, daß ich keinen Ausdruck dafür habe. An der Spitze der. Leitung muß ein Präsident stehen, aber nicht acht Präsidenten, wir die Rüsten wollen! (Heiterkeit.) Die Russen haben doch schon genug zu tun, wenn sie auf einen Präsidenten schimpfen. (Stürmischer Beffäll und großer Lärm.) Liegt dem Kongreß daran, daß der Zionismus nicht leichtfertigen Exverivienten ausgesetzt wird, dann wird er nicht eingehen auf die Vorschläge der „Geheimräte" in Petersburg. (Minutenlanger stürmischer Beifall. Tücherschwenken und Hochrufe. Widerspruch. Die'Delegierten singen die zionistische Nationalhymne, während die russischen Delegierten lärmen.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.