Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 918 Dr. Blochs Wochenschrift. ait. 53 derung und gute Kolonisation zu sorgen, deren Grundlage das jüdische Volk ist. Der Redner schloß seine beifällig aufgenommene Rede mit den Worten: Der Zionismus muß siegen, schreiten wir aufrecht fort. Herr Dr. B. L e v Y-Hamburg begrüßte den Kongreß im Namen des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes und wünschte den Beratungen den besten Erfolg. Herr Dr. M. F r a n.k-Altona überbrachte die Glückwünsche des Vorstandes der Hochdeutschen Jsraelitengemeinde in Altona, die auf eine fast zweihundertjährige Geschichte zurückblicke. Weitere Begrüßungsansprachen hielten die Vertreter der Gemeinden von Wandsbek, Kiel, Lübeck und Bremen. Herr Dr. E. Kalmus- Hamburg sprach als Vorsitzender der zionistischen Ortsgruppe von Hamburg-Altona den Dank und die Freude der Gesinnungsgenosien von Hamburg für die Wahl des Kongreßortes aus. Die Ortsgruppe habe von der Veranstaltung besonderer Festlichkeiten für die Delegierten Abstand genommen; denn besser als rauschende Feste, die nur einen vorübergehenden Wert hätten, passe die bleibende ernste Tat für den Kongreß. Die zionistische Ortsgruppe von Hamburg-Altona habe deshalb die Stiftung einer Kongreßspende beschlossen, und zwar in der Höhe von 3000 Mk. als Grundstock zu einem Stipendienfonds, der als Beihilfe für junge Leute bestimmt sei, welche in Palästina eine höhere Schule besuchen oder sich dort dem Stiüüum widmen wollen. Dr. Max N o r d a u, mit minutenlangem Beifall begrüßt, betonte, daß das Ereignis, das seit der letzten Tagung im Haag die zionistischen Gemüter am meisten erregte, bezeichnenderweise kein direkt zionistisches gewesen sei, sondern die am 27. Juli vorigen Jahres in der Türkei erfolgte unblutige Umwälzung, der erst am 13. April d. I. ein blutiges Drama nachfolgte. Dieses Ereignis sei von sehr vielen als die Erfüllung des Zionismus betrachtet worden. Eine große Anzahl von Gesinnungsgenoffen habe von der Leitung irgend eine Tat erwartet. Von vielen Seiten sei gewünscht worden, die Leitung solle sich sofort mit der Türkei in Verbindung setzen und ihren Sitz dorthin verlegen sowie einen Kongreß nach Konstantinopel eiuberufen, andere verlangten wieder eine Aenderung des Baseler Programms. Er sei nun durchaus nicht dazu berufen, die Maßnahmen der Leitung zu verteidigen, aber er rechne es der Verwaltung doch zum hohen Verdienst an, daß sie sich nicht vom Ueberschwaug der Gefühle habe leiten lassen und nichts von alledem getan habe. Man müffe sich als nüchtern erwägender Mensch doch ftagen, was geschehen sei und welche Pflichten die veränderten Verhältnisse dem Zionismus auferlegten. Daß die Türkei sich aus einem despotisch regierten Staat in ein konstitutionelles Staatswesen verwandelt habe, darüber fteue man sich nicht nur als Jude und Zionist, sondern auch als Mensch. Aber über der Begeisterung dürfe doch nicht vergessen werden, daß dies keine jüdische und zionistische Bewegung, sondern eine rein ottomänische war und daß es taktlos gewesen wäre, sich in innere Angelegenheiten der Türkei zu mischen. Der Zionismus dürfe sich nicht mit einer ottomanischen Partei identifizieren und müffe den Anschein vermeiden, als ob er sich in innere ottomänische Angelegenheiten einmischen wolle, solange noch der größte Teil seiner Anhänger anderen Staaten angehört. Das Ziel unserer Hoffnung:« und Bestrebungen, fuhr der Redner fort, liegt in der Türkei, aber daraus ergibt sich gerade, daß es übereitt gewesen wäre, schon jetzt einen Kongreß nach Palästina einzuberufen, so lange wir nicht die Gewißheit hatten, daß die türkische Regierung der Angelegenhett wohlwollend gegenüberstehe. Ebenso war es unmöglich, die Leitung nach Konstanttnopel zu verlegen oder gar nach Palästina; denn noch ist der Zionismus nicht stark genug, um Werke zu schaffen, die sich selbst in Palästina erhalten. Nein, erst muß der Zionismus die Gesamtorganisation der Judenheit umfaffen, erst müssen wir für die innere Verbreitung unserer Bewegung in den Zentren der jüdischen Bevölkerung der Länder Europas und Amerikas sorgen. Solange wir nicht diese Aufgabe erfüllt haben, muß unsere Leitung außerhalb bleiben. Die Zukunft des Zionismus liegt in der Türkei, aber die Gegenwart in Europa und Amerika und über der Zukunft darf man die Gegenwart und ihre Aufgaben nicht vergessen. (Minutenlanger Beifall.) Auch für etwaige Unterhandlungen mit der Türkei befindet sich der Zionismus in einer weit besseren Lage, wenn er ihr nicht als etwaiger Untertan gegenübertritt. Der, Redner wandte sich dann den Stimmen, die eine etwaige Aenderung des Baseler Programms verlangten, zu und betonte, daß er für seine Person gerne unter den veränderten politischen Verhältnissen den Gedanken eines Charters fallen lasse, das nur ein persönlicher Wunsch Herzls gewesen wäre; aber im übrigen dürfe man an dem Baseler Programm nichts ändern. Nordau betonte am Schluffe seiner Darlegungen, daß der Zionismus gar nicht daran denke, in Palästina einen selbständigen, von der Türkei unabhängigen Staat zu schaffen; aber ebenso wenig wolle er sich assimilieren. Wenn wir nach der Türkei gehen wollen, so ist es nur, um als palästinensische Juden ottomänische Staatsangehörige zu werden, aber gleichzeitig auch Juden zu bleiben; nicht aber um uns als Türken in Mazedonien oder Kleinasien niederzulassen. Er habe das Gefühl, als ob in den letzten 18 Monaten die Ziele und Zwecke des Zionismus sich verdunkelt hätten. Darum rufe er so laut er könne „Zurück zum Baseler Programm!" Wolle die Türkei die Zionisten unter dieser Bedingung, dann sei es gut; fordere man aber den Verzicht auf das Judentum, und verlange man die Assimilation, dann sage das Judentum nein, wie es so oft verlockenderen Kulturen gegenüber nein gesagt habe. Ein Zionismus, der den türkischen Regierungsreformen zuliebe sein Programm ändere, wäre nicht mehr der Zionismus des Redners. (Lebhafter Beifall.) Die hierauf vom Plenum vorgenommene Wahl setzt die Leitung des Kongresses folgendermaßen zusammen: Präsident Dr. Max Nordau, Vizepräsident Dr. Bodenheimer-Köln, Reichsratsabgeordneter Dr. Stand, Dr. Tschlenow, Ussischkin-Odessa, Beisitzer Dr. Behrenstein-Thorn, Florentin-Saloniki, Dr. Ernst Kalmus-Hamburg, Dr. Margulies, Jakob Moser-Bradford, S. Pinelles, Rabbiner Reina-Ungarn, Ingenieur Tomkin. Die Nachmittagssitzung wurde mit der Totenfeier eingeleitet. In warmen, rührenden Worten gedachte Dr. Nordau der .großen Schar von Freunden und Anhängern, die der Bewegung durch den Tod entrissen wurden. Der Großherzog von Baden, dieser warme Förderer zionistischer Bestrebungen, ist dahin gegangen, eine Reihe leitender Männer innerhalb der Organisation sind ihr durch den Tod entrissen worden, zahlreiche Gesinnungsgenossen und Freunde sind ihr weggestorben. Die Rede war in ihrer Schlichtheit und vom Herzen kommenden Ergriffenheit ein kleines Meisterstück rhetorischer Improvisation. Sodann erstattet der Generalsekretär Sokolow in hebräischer und deutscher Sprache d-n Bericht der Leitung. Es folgt die Generaldebatte, die gleich am ersten Nachmittage einen ziemlich lebhaften Charakter zeigt. Der erste Redner, Prof. Leon Kellner, Czernowitz, beschränkt sich allerdings auf rein geschäftsordnungsmäßige Vorschläge zur Ausgestaltung des Kongresses. Er wünscht ihn wirksamer durch eine Einteilung in verschiedene Sektionen nach Art der wissenschaftlichen Kongresse. Ihm folgt Dr. P a s m a n i k (Genf), der sich sehr scharf gegen die Leitung wendet. Er wirft ihr absolute Untätigkeit und Unverständnis gegenüber den Forderungen des Tages vor. Sie habe sich ihrer Aufgabe keineswegs gewachsen gezeigt. Unter lebhafter Bewegung des Kongresses, die sich ebenso in Zustimmung wie in stürmischer Ablehnung äußert, verlangt er eine vollständige Reorganisation der Leitung, Verlegung der Zentrale von Köln nach einem jüdischen Zentrum, etwa nach Berlin und eine viel umfassendere und mehr durchgebildete Arbeit, als bisher geleistet worden sei. Er richtet scharfe Angriffe gegen einzelne bestimmte Vorsteher der Organisation und kommt zu dem Schluffe, daß dieser Leitung das Absolutorium nicht zu erteilen sei. Die Rede fand stürmischen Widerspruch, teilweise allerdings auch lebhaften Beifall. Als zweiter Redner schlägt Dr. Thon (Krakau) einen viel milderen Ton an, wenn auch der Grundton seiner Ausführungen gleichfalls oppvfitionell gefärbt ist. Die Leitung habe wohl manches Beachtenswerte geleistet. Andererseits fehle ihr der enge Zusammenhang