Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 908 Dr. Blochs ihm in berufenen Fachkreisen versagt, blieb. Der Beifall, der ihm gezollt wird, gehört in der Tat mehr dem geistreichen Schriftsteller. Insbesondere.aber ist es der Fanatismus. der in matzloser Weise in dieser Schrift Zum Ausdrucke kommt. Er zeichnet oft seinen Namen mit den Titeln „Dr. phil., Dr. med., Dr. jur,, Dr. scient.", datz man nicht sage, er sei nur ein einseitiger Zoologe. Seine Arbeiten erstrecken sich, in der. Tat auf die meisten Gebiete menschlichen Wissens, um den Dualismus von-Seele und Körper zu bekämpfen. . „Monismus" nennt Häckel sein System, d. h. einheitliche Auffassung der Natur. Zur Basis nimmt er den pantheistischen Substanzbegriff von-,Spinoza, die Welt ist eine ewige Entwicklung der Substanz. Das Höchsts Gesetz ist das Substanzgesetz. Dieses besteht aus zwei Teilen, aus dem Gesetze Lavoisier, datz die.Summe des Stoffes sich gleich bleibt, und dem Gesetze Robert Mayers, datz die Summe der Energien sich gleich bleibt. Diese beiden Gesetze schließen jede Schöpfung aus dem Nichts aus. Wie entsteht nun das Weltall? Diese Frage wird von Hackel mit der Kant-Laplaceschen Theorie beantwortet, nur geht er über diese hinaus.: denn nach dieser Theorie spielt der .Schöpfer wenigstens die Rolle des „primus motor. Hackel aber duldet kein ertramundanes Prinzip. Auch d.ie erste Bewegung mutz aus der Substanz selbst erklärt werden, aus dem ewigen Kreislauf der. Energien. Die Substanz, ist belebt — nicht wie die Materialisten, die. sie als toten Stoff dachten — eine Art perpetuum mobile. ' . Hat nun nicht der Glaube an Gott mehr Berechtigung für sich, als dieser Wust von Hypothesen? Auch die Kant-Laplacesche Theorie ist nur eine schwanke. Stütze, dieselbe ist nur, wie dies jeder Fachmann weitz, unter den vielen unwahrscheinlichen Hypothesen die beste,, aber bei weitem keine so starke Grundlage, um darauf ein neues philosophisches Lehrgebäude aufzubauen. . Nach der Kosmogonie folgt bei Häckel die Biogonie oder die Entstehung des Lebens. Wachstum und Leben werden durch physikalische und chemische Gesetze erklärt. Der Kohlenstoff ist die chemische Basis des Lebens. Die Natur ist einheitlich und die Gesetze sind im Organischen, wie im Anorganischen die gleichen. Die ersten organischen Wesen sind durch Urzeugung entstanden, erst die einzelligen Protisten, dann die Organismen, die sich zu immer höheren Formen entwickeln, wie dies durch Darwin dargestellt wird. Alle die hunderttausende Arten der Lebewesen sind Zweige einer grotzenEntwicklung. Selbstbewutztsein, alle seelischen Funktionen entstammen nicht irgend einer Seele — diese gehört nach Häckel in das Reich des Aberglaubens — sondern sind der Niederschlag.der Tätigkeit des Gehirns, wie Bogt, geschmacklos genug, sich ausdrückt: „Der Gedanke steht in demselben Verhältnisse zum Gehirn als die Galle zur Leber." Diese Hypothesen. haben nicht einmal den Schein einer Wahrscheinlichkeit. Wir kommen mit Physik und Chemie allein nicht aus. Warum sollen wir annehmen, datz es einmal eine Urzeugung gegeben, und heute nicht mehr? Diese Frage bleibt auch in bezug auf die Abstammung des Menschen offen. Wenn es wahr sein sollte, datz der Mensch von höheren Affen., gbstamme, warum wiederholt, sich dieser Prozeß nicht täglich? Es ist uns, seitdem wir die Begebenheiten der Menschen verzeichnen, kein Fall bekannt, daß ein höherer Affe oder dessen Nachkomme ein - Mensch geworden wäre? Warum blieb dieser Strom der Entwicklung plötzlich stehen? Pasteur übrigens bewies, experimental, es gebe keine Urzeugung. . In gaiH reiyer,- von Keimen und Bazillen befreiter- LuAgehe,-es kein Leben und keine Wochenschrift. M. 63 Verwesung. Wir sind auch nicht imstande, eine lebende Monere, einen einzelligen Protisten zu erzeugen, aus so einfachen Bestandteilen dieses primitive Lebewesen auch besteht, denn der. chemischen Mischung fehlt das gewisse Etwas, das Prinzip, kurz — das Leben. Ein großer Gegner Häckels war Virchow, der ihn am naturwissenschaftlichen Kongretz zu München 1877 in seinem Vorträge „Die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staate" heftig angriff. Häckel ist in der Tat ein schwacher Philosoph. Er operiert mit metaphysischen Hypothesen, als hätte Kant nie seine „Kritik der reinen Vernunft" geschrieben. .Interessant ist die monistische Religion: denn Häckel gefällt sich.auch in der Rolleeiines Religionsstifters, ähnlich wie die ihm verwandten Saint-Simon und August Comte. Vor allem duldet er keinen ertramundanen Gott, u. zw. aus Religiösität. Der Gottesbegriff der positiven Religionen ist Antropomorphismus, man denkt sich ihn — wie er sich oft in seiner derb-fanatischen Weise ausdrückt — als ein „gasförmiges Wirbeltier". Gott und Natur sind identische Begriffe. Es gibt keine Seele, keine Unsterblichkeit, keine Freiheit des Willens. Es herrscht nur ein blindes Fatum, alles ist determiniert durch unabwendbare, eherne Naturgesetze. Es gibt also keine Verantwortung, denn wenn jemand schlecht handelt, so. hat ihn ja die Natur dazu gezwungen, also gut und schlecht sind nur üelative Begriffe. Häckel hat also nicht nur den Pantheismus des Spinoza annektiert, sondern auch seine Ethik sich zu eigen gemacht, aber nicht im ganzen. Den schönsten Begriff der spinozistischen Ethik, den „amor dei intellectualis*4, der uns so reichlich entschädigt für all' die schrecklichen Konsequenzen, die sich aus seinem Determinismus ergeben, suchen wir bei Häckel vergebens. Er stellt, im Gegensatz zum Christentum, einen anderen Dreifaltigkeitskultus auf, den Kultus des W ah r e n, d. h. seine monistische Philosophie, des Guten, die goldene Regel „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", und des Schönen, worunter er. die schönen Formen der Natur versteht. Häckel hatzt die Juden. Er schreibt z. B.i „Die Angabe der alten apokryphen Schriften, datz der römische Hauptmann Panders der wahre Vater von Christus gewesen, erscheint umso glaubhafter, wenn man von streng anthropologischen Gesichtspunkten aus die Person Christi kritisch prüft. Gewöhnlich wird derselbe als reiner Jude betrachtet. Allein gerade die Charakterzüge, die seöne hohe und edle Persönlichkeit besonders auszeichnen und welche seiner „Religion her Liebe" den Stempel aufdrücken, sind entschieden nicht semitisch: vielmehr erscheinen sie als Grundzüge der höheren arischen Rasse und vor allem ihres. edelsten Zweiges, der Hellenen. Nun deutet aber der Name von Christus' wahrem Vater: „Pan der «"unzweifelhaft auf hellenischen Ursprung: in einer Handschrift wird es sogar „Pandora" geschrieben" usw.*) Aus denselben anthropologischen Gründen beweist er auch, datz Paulus, der eigentliche Begründer des Christentums, ein Arier gewesen sei.**) Wenn es aber zum Schimpfen kommt, so sind die Begründer der positiven Religionen sofort Semiten. „Diese drei grotzen Mittelmeer-Religionen... alle drei in ähnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwärmersemitischer Rabe gestiftet.***) Trotzdem vergöttert er den Semiten Spinoza und bestiehlt ihn auf Schritt und Tritt. Er schätzt auch das Alte Testament höher als das Neue, weil in demselben von Unsterblichkeit, zukünftigem Leben keine *) Welträtsel (Volksausgabe S. 132). Die gesperrt gedruckten Wörter hat Häckel hervorgehoden. **) Welträtsel (Volksausgabe S. 126). ***) ibid. .©♦ li3v ,; .