Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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r^T Nr. 53 Dr. Blocks Wochenschrift. Seite 903 Sie wieder da", sagte sie leise und blieb stehen. Doch er wutzle, wieviel sie in diesen Jahren gelitten hatte, denn sie liebte ihn, liebte ihn noch immer — — so nahm er ihren Arm und sie gingen schweigend durch die Gartenwege und hörten den Wind in den Baumkronen sausen. Dann setzten sie sich ins Gartenhaus und er erzählte von seinen Schicksalen. Doch als sie reden wollte, nahm er ihre Hände und sagte bittend: „Nein, mein Mädchen, du sollst nicht trübe Erinnerungen heraufbeschwören. . . . Wenn du willst, soll alles Traurige vergessen sein . . .!" Doch er konnte es sich auch anders denken: Er war gar nicht fortgewesen, sondern wohnte immer in derselben Stadt. Seitdem sie ihn verlassen, gab er nichts mehr auf sich. Er lebte einsam in einem kleinen Zimmer und es war ihm gleichgültig, was die Leute sagten. Sie wunderten sich über ihn sehr, denn er lebte wie ein Sonderling und ging tagelang nicht auf die Gasse. Seine Freunde^ kamen und fanden die Tür verschlossen. ... Er wollte mit niemand sprechen, ging den ganzen Tag die Stube auf und ab und sann. . . . Und eines Tages brachte ihm die Post ein Billett von ihr. Sie hatte sich verheiratet, gab ihre erste Gesellschaft und wollte ihn bei sich sehen. . . . Zwei Tage gab er sich Mühe, an die Einladung nicht zu denken und dann schrieb er ihr: „Ich bin nicht in der Stimmung, Gesellschaften zu besuchen." Er freute sich über seinen Einfall — doch nach einigen Minuten warf er beide Karten ins Feuer. . Der Abend kam heran. Dawid sah allein im finsteren Zimmer und malte sich aus, wie es in ihrem Salon aussah. . . . Sie hatte für jeden ein paar freundliche Worte, doch ihr Blick war immer auf die Tür geheftet. Sie wartete auf ihn und er kam nicht. Sie mutzte lächeln, aber ihr Herz war unruhig. . Wie konnte er nur so unhöflich sein? Jetzt würde sie ihm gewitz nie mehr schreiben. . . . Doch das wollte er gerade! Dawid stand vor dem Haustor. Es war zehn Uhr und er mutzte auf sein Zimmer. Der Traum war zu Ende. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Holzmann M., Geschichte der Jüdischen Lehrer- Biloungsanstalt in Berlin. Eine Festschrift zur Feier des 50 jährigen Bestehens der Anstalt am 8. November 1909. Berlin 1909. Ueberreicht vom Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin. Das Buch bildet ein Ehrenblalt in der Geschichte der Berliner jüdischen Gemeinde. Es schildert zunächst den Werdegang der weit über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus rühmlichst bekannten Anstalt, zu deren Lehrkörper einige unserer bekanntesten Pädagogen und Musiker, ein Baerwald, Lewandowski, Rosin, Cassel» Philippson, Geiger u. ct. gehört haben, und die bis Ende 1909 335 Lehrer ausgebildet hat. Gleichzeitig bildet das Buch» wie die Natur seines Gegenstandes es begründet, einen wertvollen Beitrag zur Lebensgeschichte eines Leopold Zunz, eines Veit und ihres Kreises, sowie zur Geschichte der jüdischen Pädagogik überhaupt. II. M. Weinberg M, Geschict te der Juden in der Obervfalz, Sulzdurg (Oberpfalz) 1909, Selbstverlag des Verfassers. Mk. 3.50. (III. Der Bezirk Rothenberg.) Das Buch bietet außer vielem anderen mancherlei, was für die Geschichte der Juden Wiens von Belang ist, so Ausführliches über Model Levi Oettingen. den Wiener Rabbinatsassesior unmittelbar vor der Vertreibung der Juden aus Wien 1670. Das gleiche Amt bekleidete in Fürth ein Sohn des damals mitvertriebenen David Seckel Frankel, dessen weitere Schicksale S. 77 geschildert werden. S. 80 begegnen uns Wertheimer und Oppenheimer (über ihn auch S. 73) als Wohltäter ihrer bayrischen Glaubensbröder. Auch der Vizerabbiner Simeon Akiba Bär (S. 85) gehörte zu den Wiener Exulanten. Ebenso Bär Eibenschütz (S. 63), dessen Frau die Tochter des im Wiener Ghetto so wohl bekannten Wagenseil in Tanz und Zitherspiel unterrichtete und mit diesem christlichen Gelehrten selbst einen hebräischen Briefwechsel unterhielt. Schon diese knappe Zusammenstellung von Wien betreffenden Daten läßt erraten, welch reichhaltiges Material auch für die Geschichte anderer Gemeinden das fleißige und gründliche Buch enthalt. x Kaplan H., Goethes Faust. Erster und zweiter Teil (eine einheitliche Dichtung), für die Bühne eingerichtet. E. Piersons Verlag, Dresden. Mk. 3.—. Der Verfasser der vorliegenden Einrichtung, die zugleich ein Wegweiser für die Direktoren und ein gemeinverständlicher Kommentar sein soll, siebt im Faust ein Naturpbänomen, das gleich einem Diamanten immer neuen Anhäufungen von Substanzen sein Werden verdankte. Man muß den reinen Kern des Diamanten retten. So ließ der Verfasser dieser Einrichtung mit Recht die auf den meisten Theatern mit widerwärtig, m Behagen breitgetretene Auerbachskellerszene weg, ebenso andere Szenen, die mit dem Drama nur in losem Zusammenhang stehen. Dann hat Uebergänge gestrichen und die Reihenfolge hie und da verändert, so daß wir im „Faust" vier Hauptteile finden : Liebe, Welt. Streben nach idealer Existenz, Sehnsucht des todesnahen Helden. Die feinsinnige Einrichtung dürfte den Bühnenleitern willkommen sein; die einleitenden Bemerkungen bilden einen sehr lesenswerten Kommentar zu Goethes Lebenswerk. Coblenz F., Lehrbuch der jüdischen Religion. 2. neubearbeitete Auflage. Leipzig 1909, Quelle und Meyer. Jedem, der die Notwendigkeit eines systematischen Religionsunterrichtes anerkennt, wird die Methode, die dieses Büchlein anwendet, als die einzig richtige erscheinen, wenn man bedenkt, daß es auf Schulen berechnet ist, in denen dem jüdischen Religionsunterricht ein viel zu knapper Raum im Stundenplan eingeräumt wird, um an der Hand des Lesens der Bibel selbst, wenn auch nur in Uebersetzung, dem Schüler die wichtigsten Leitsätze des Judentums einzuprägen. Doch auch für diesen Fall empfiehlt es sich als Leitfaden zur Wiederholung. Allerdings halten wir ein näheres Eingehen aus den Sinn der Gebote und Bräuche für unerläßlich. Wie in der Natur jede Kraft an einen Stoff gebunden erscheint, so soll d ch das jüdische Leben als Träger für den Geist der jüdischen Lehre dienen. Dafür würden sich Hinweise auf die geschichtliche Entwicklung, wie S. 30 fg., entbehren lassen. x. Der Kabbalist, Trauerspiel in drei Aufzügen von I. E. de Sinoja. Dresden, E. Piersons Verlag. P eis Mk. 2.—. Der Verfasser des obengenannten Werkes ist ein echter und rechter Dramatiker. Außer der vorliegenden hat er vorher schon zwei große Tragödien „Die Marranen" und „Im Beichtstuhl" in demselben Verlage erscheinen lassen. Das Drama ist in freien reimlosen Rhythmen, in klangvoller poetischer Sprache geschrieben. Die lebhaft bewegte Hand'ung ist zu Ende des 14. Jahrhunderts gedacht und vollzieht sich in einer Nacht im Judenviertel von Toledo. Man erhält eine» interessanten Emblck in die Mysterien der Kabbalisten und zum Schluß erweckt der tragische Tod einiger Hauptpersonen tiefstes Mitgefühl. Knortz K. Der menschliche Körper in Sage, Brauch und Sprichwort. Würzburg 1909. CurtKabitzsch (A. Stüber). 240 Seiten. Mk. 3.20. Aus einer überreichen Blütenlese aus den verschiedensten folkloristischen Sammlungen hat der Verfasser ein ungemein unterhaltendes Buch geschaffen, das durch die geschickte Darstellung auch den Laien fesselt, während es selbst dem Fachmanne manchen wertvollen Fingerzeig bietet. Für die jüdischen Belege werden L. Weiß' „Talmudic and other le^ends, New-Aork 1888, und Hershons „Talwndie Miscellany“, Boston 1880, zitiert. Wir hören des Interessanten viel, von den Haaren Simsons, dem Murner einen Platz auf seiner Narrenwiese eingeräumt hat (31), von jüdischen Trauerbräuchen (38, 53), daß das graue Haar bei den Juden ein Zeichen der Würde bildete (41). vom Abschneldm der Haare und Nägel (43), vom bösen Blick bei den orientalischen Juden (84), von M .thia b. Charasch (93). daß in Siebenbürgen das Verunreinigen eines jüdischen Tempels Halsweh kuriert (166), von Chanina b. Dosa's Kalb (169) und einer deutschen Evaschöpfungssage, die der Verfasser als wörtlich dem Midrasch entnommen hätte bezeichnen dürfen (217), und von vielem anderen, was jedem, insbesondere Folkloristen, das Buch zu einer genußreichen Lektüre gestalten muß. x. Beerman» M. Sonne und Schild ist der Ewige! Festpredigten nebst einem Anhang: Sabbat- und Gelegenheitsreden. Frankfurt a. M. 1909. I. Kauffmann. 478 S. Mk. 450. Lwd. Mk. 5.50. Es ist eine mißliche Sache, Predigten zu besprechen. Daß der Pharao schon nach der ersten Leistung Josefs in überschwengliche Begeisterung ausbricht und in ihm einen unvergleichlich Gottbegnadeten sehen will, erscheint uns, die wir nur die Worte Josefs lesen, ziemlich unverständlich, läßt uns aber umso sicherer auf den gewaltigen Eindruck schließen, den Josefs Persönlichkeit ausgeübt haben muß. Das Wie seines Vortrages dürfte das Was noch überboten haben. Den vorliegenden Reden sind auf den ersten Blick zwei Vorzüge zuzuerkennen. Der Verfasser ist durchweg klar, leicht faßlich, gegenständlich, in dem Aufbau seiner Gedanken und der Einteilung ihrer Wiedergabe nie ermüdend, stets abwechslungsreich, mit einem Worte durchaus volkstümlich. Zu dieser Gefälligkeit der Form gesellt sich eine große Tugend, die dem Inhalt zugute kommt: eine fleißige Benützung der verschiedensten verwendbaren Stoffe, die Bibel. Midrasch und fremdes Schrifttum zur Belebung und Veranschaulichung des Gegenstandes bieten. Und diese Predigten find durchaus modern und aktuell