Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 903 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 53 Ehrenpräsidiums überreichte. Hierauf hielt Oberrabbiner Dr. Max Pollak die Festrede, in welcher er mit gewohnter Eloquenz die unvergänglichen Verdienste des Jubilars um die Gemeinde in plastischer Weise hervorhob. Wahrend dieser Rede wurde das lebensgroße Porträt des Jubilars, der in ungarischer Gala besonders stattlich erscheint, enthüllt, und jeder war entzückt von der lebensgetreuen Ähnlichkeit des Blldes, welches ein Werk des akademischen Malers Herrn Rudolf Steiner ist und die schmeichelhafteste Anerkennung fand. Die Rede schloß mit einem Seqenswunsche des Festredners, worauf Prof. Rudolf Horvat, Sekretär der Gemeinde, eine Ode auf den Jubilar vortrug, die mit warmen Beifall ausgenommen wurde. In seiner Antwort verdolmetschte der Jubilar seinen Dank an alle Faktoren, die zu diesem Feste und seiner Ehrung beitrugen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die jetzige Leitung das von ihm begonnene Werk zum Wähle und Emporblühen der Gemeinde weiterführen werde und gab schließlich kund, daß er eine Stiftung von 1000 Kronen mache zur Erhaltung des zu stiftenden israelitischen Armenhauses und 500 Kronen zugunsten des israelitischen Krankenunterstutzungsvereines. Hiermit war die eigentliche Feier zu Ende, doch wurden Herrn Dr. Winkler noch zahlreiche Ovationen zuteil, unter anderem erschienen bei ihm Deputationen der hiesigen Chewra-Kadischa und des israelitischen Krankcnunterstützungsvereines, um ihn zu beglückwünschen. Feuilleton. Irmgliugsfahre. Roman von Hermann Blumeuthal. (Fortsetzung.) H. Dawid lernt die Einsamkeit kennen. Am nächsten Sonntag schlenderte Dawid durch die Gassen des zweiten Bezirks und besah sich die Mietszettel an den Haustoren. Er war schon ordentlich müde, als er ein Kabinett fand, das ihm geeignet erschien. Der Preis war nicht hoch und die Gasse kaum eine Viertelstunde vom Franz Josefs-Kai entfernt. Zwei Tage später zog er ein. Vom Geschäft ging er am Vorabend gleich in seine neue Wohnung, wohin er sich seine Sachen hatte schicken lassen. Er blickte sich in dem Zimmerchen um. das jetzt von der untergehenden Sonne beschienen war und die Stille regte ihn zum Nachdenken an. Jetzt war er sein eigener Herr und wollte den Eltern zeigen, daß er selbständig handeln konnte. Ein ganzer Mann wollte er werden, denn nun fing eine neue Epoche in seinem Leben an. Es dämmerte. Die Schatten wuchsen. Im Zimmer war es so unheimlich still. Dawid ging in Gedanken auf und ab und begann ein Lied zu singen. Von der Gasse ließen sich einzelne Fußtritte vernehmen. — Die Dämmerung wich und der Abend kam. Es war schon ganz dunkel und Dawid hatte noch keine Lampe. Er öffnete die Tür und rief die Wirtin. Dann blieb er einige Minuten im Finstern stehen, ohne eine Bewegung zu machen. Es war so beängstigend in dieser neuen Wohnung. Niemand kümmerte sich um ihn und er fühlte sich einsam und verlassen. Nun war er ja ungestört, wie er es sich so oft gewünscht hatte! Doch gerade jetzt wollte er Menschen um sich haben. Er wollte sprechen und bildete Sätze, die er laut hersagte. — Das half ein wenig. Wie traurig war das alles. Es war ihm, als wenn er von der Menschheit losgelöst in einer Einöde wohnte und nur den Schlag seines eigenen Herzens hörte. — Viertelstunde um Viertelstunde verging. Dawid saß auf dem Sofa und malte sich das Zimmer viel breiter und schöner aus und daß am Tisch die Lampe freundlich brannte und neben ihm, neben ihm. . . Jetzt fing er zu schluchzen an. Er vergrub das Gesicht in das Peluche des Sofas und fühlte, wie es seinen ganzen Körper schüttelte. Er öffnete die Augen und sah eine Zeitlang auf den fahlen Schimmer hin, wo das Fenster sein mußte. Plötzlich sprang er auf, suchte nach seinem Hut und lief die Stiegen hinunter — ins helle Licht der Laternen. . . . Stundenlang rannte er durch die Gassen, und als er zurückkam, war sein Bett zum Schlafen hergerichtet und auch die Lampe stand bereit. Dawid machte Licht und entkleidete sich. Plötzlich stand er mit gesenktem Kopf, alles um sich vergessend: die Hand an der.Stirn, brütete er vor sich hin. — Wütend über sich selbst, begann er, sich laut Vorwürfe zu machen, löschte die Lampe aus und sprang ins Bett. Lange wälzte er sich hin und her, machte Pläne für die Zukunft und verwarf sie wieder — bis sich der Schlaf seiner erbarmte. * * * Und in der Folge war es um nichts besser. Wenn Dawid am Abend das Zimmer betrat, erfaßte ihn eine beklemmende Angst. Vergebens suchte er seinen Zustand zu ergründen. Auf die Dauer konnte es nicht so fortgehen. Er war jetzt den ganzen Tag in Sorge. Am Abend wagte er es nicht, gleich nach Hause zu gehen und machte Umwege, um nur die Stunden totzuschlagen. Wenn er endlich vor dem Haustore stand, zögerte er noch lange, bis er die Treppen hinaufstieg. Zuweilen überkam ihn ein Zorn gegen diese Schwäche. Dann ging er vom Geschäft direkt nach Hause, machte Licht und nahm ein Buch zur Hand. — Doch nur zu bald ließ er die Lektüre fahren und sah mißgestimmt vor sich hin. . . . Wie oft rannte er dann wieder fort! Wenn das Tor geschlossen werden sollte, kroch er müde und zerschlagen die Treppen hinauf und hatte den Wunsch, daß das Stiegensteigen kein Ende nähme. Sein Herzschlag ging dabei rascher und er geriet ein wenig außer Atem. Da fühlte er die Einsamkeit nicht so schwer. — Oder er wünschte auszugleiten und eine kleine Wunde davonzutragen, damit ihm der Schmerz diese dumpfe Traurigkeit vergessen mache. ... Er sehnte sogar ein Unglück herbei, um nur dieser Eintönigkeit und Stille zu entrinnen. ... Da stand ein Küchenfenster offen. Könnte er nicht das Dienstmädchen erschrecken? Schon wollte er einen dummen Streich wagen, aber in der nächsten Minute schämte er sich dieses Gedankens und eilte auf sein Zimmer. Auch auf der Straße wich die Traurigkeit nicht von ihm. Er fand nirgends Ablenkung: die Menschen ließen ihn gleichgültig und die Häuser waren jetzt so anders als am Tage. Er konnte sich ja vorstellen, was hinter den Fenstern vorging und wie die Zimmer aussahen? Aber seine Phantasie war so müde und wollte ihm nicht sogleich gehorchen. Er wollte versuchen, an etwas Angenehmes zu denken oder sich die Erfüllung eines Wunsches vorzugaukeln. Er wollte mit einem Mädchen, das er vom Herzen liebte, in einem stillen Zimmer bei der Lampe sitzen. Es müßte ein Landhäuschen sein und draußen im Parke sollten die Bäume rauschen. Er war heute von einer weiten Reise zurückgekehrt und nun hielt er ihre Hand und erzählte von seinen Taten und Abenteuern. . . . Jetzt wußte er nicht, was weiter kommen sollte und mußte sich erst die Geschichte ausdenken, bevor er weiter träumte. Vielleicht so: Er mußte einige Jahre in der Fremde verbringen, denn zu Hause war ihm alles mißglückt. Er hatte ein Mädchen geliebt, aber sie wies ihn zurück, denn er war arm und sie sehnte sich nach Reichtum und Ansehen. . . . Doch nun war er reich an Erfolgen heimgekehrt und ging still und ergriffen durch die engen Gassen. Da begegnete er ihr. Sie erkannte ihn nicht und wollte an ihm vorbei. Doch er rief sie beim Namen. Sie erschrak und drückte die Hand aufs Herz. „Nun, sind