Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021871--18893-3043846- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 82 Dr. Blochs Wochenschrift. ceitt 895 jüdische Großgemeinde hat . auch die Verpflichtung zu einer gewissen Großherzigkeit. '' Zieht man die Einstellung von Reserven in Betracht, die selten zur Verwendung kommen, so schwindet das Gespenst des Defizits. Redner zeichnet die Leistungen der Kultusgemeinde auf den Gebieten des Kultus und Unterrichtes, die von hoher Bedeutung find, und kommt dann auf die Austritte aus dem Judentum zu sprechen. Im alten Israel war es ein Gebot, wenn in der Nähe einer Stadt ein Erschlagener gefunden wurde, so waren die Aeltesten der Stadt zu einer Zeremonie verpflichtet, bei welcher sie beteuerten, sie seien unschuldig an der Missetat, „unsere Hände haben das Blut nicht vergossen". Die Getauften aus unserer Mitte sind unsere. „Erschlagenen" und wir müssen unserer Verantwortlichkeit eingedenk bleiben. Der neue L-hrplcm für den Religionsunterricht bedeute einen gewissen Fortschritt, vielleicht bringt er auch nach anderer Richtung eine Besserung. Nachdem der Redner noch die versprochene Statutenänderung urgiert hat, erklärt er für das Budget zu stimmen. Präsident Dr. Alfred Stern wll nur gegenüber dem Vorredner erwähnen, daß in dem letzten Jahre die Reserven nicht nur vollständig ausgeschöpst, sondern sogar noch überschritten wurden. Vizepräsident Dr. Gustav K o h n bestreitet, daß man von einer Zunahme der Taufen in Wien reden kann, die Ziffer bleibt beinahe konstant, zirka 600 jährlich. Bon diesen 600 sind die weitaus größere Hälfte keine Wiener, sondern Provinzbewohner, die — um den Uebertritt in ihrer Umgebung zu verheimlichen — nach Wien kommen, um hier die Taufe zu empfangen. Von den ca. 600 Ausgetretenen im Jahre 1909 waren bloß 67 Wiener Kultussteuerträger. Wirtschaftliche Notlage, Zwang der materiellen Interessen spielen hier «ine größere Rolle als die Mängel des Religionsunterrichtes. Wenn man von den geringen Unterrichtsresultateu spricht, so vergißt man, daß früher das Haus den größten Teil derreligiösen Unterweisung geleistet und die Schule unterstützt hat, jetzt steht das Haus der Schule feindlich gegenüber. In zwei Stunden wöchentlich können besondere Erfolge unmöglich erzielt werden, was in der Grenze der Möglichkeit liegt, wird geleistet. Wir bemühen uns auch, minderwertiges Lehrermaterial allmälig durch besseres zu ersetzen. Kultusvectreter Dr. M. Steiner betont die Notwendigkeit, der religiösen Unterweisung der Mädchen eine besondere Sorgfalt zuzuwenden. Der religiöse Sinn ist der jüdischen Frauenwelt nahezu verloren gegangen, bei den meisten Taufen spielen Frauen und Mütter leider die Hauptrolle. Hier ist Abhilfe dringend notwendig. In zwei-Stunden kann man allerdings nicht viel leisten, aber doch manches. Kultusvorsteher kais. Rat K a u d e r s urgiert die endliche Regelung der Angelegenheit mit den Selchern. Kullusvertreter Doktor Leopold Kohn wendet sich gegen die Bemerkung des Finanzreferenten, betreffend die Steinsetzung für Gräber der gratis Beerdigten. Wir haben 70% Gratisleichen, im Jahre zwölf bis dreizehnhundert. Wollte man bei jedem Grabe einen Stein setzen, so wäre das eine Ausgabe von mehr als K 60.000 jährlich. Gegenwärtig wird jedes Grab mit einer Nummer versehen, wir gedenken in Zukunft eine eiserne Tafel anzubringen, der Denkstein ist nach jüdischer Auffassung nicht gar so wichtig, „des Menschen frommes Wirken bildet seinen Denkstein" sagen unsere Alten. In Bezug auf den Religionsunterricht bemerkt Redner: Nicht die besten Lehrpläne, nur tüchtige Lehrkräfte können helfen. Redner fügt aber hinzu: Wenn das Haus nicht mithilft, müht sich die Schule vergebens. Wir wenden Geld, Zeit, Mühe und Erfahrung an, wir tun das Mögliche, nur darf das Haus nicht versagen. In kleinen Gemeinden herrscht ein größerer Kontukt zwischen Religionslehrer uud Familie, zwischen Seelsorger nnd Familie, wodurch oft eine günstige Einflußnahme auch auf das Haus eintritt; in der -Großstadt ist das nicht möglich. Kaiser!. Rat Jonas Weil konstatiert, daß von keiner Sette gegen den Voranschlag ein wesentlicher Einwand erhoben wurde und er schließe sich voll dem Lobe an, das allseits dem Referenten gespendet wurde. Das Budget liefert den Beweis für eine ordentliche Gebarung in allen Zweigen der Verwaltung und ist erfüllt von echt jüdischem Geiste. Wenn im Laufe der Debatte davon gesprochen wurde, daß das Verständnis für die Bedeutung des Religionsunterrichtes abgeschwächt sei, so könne man dem im gewissen Sinne zustimmen, und besonders sei die Erziehung unserer Töchter nicht derart, daß bei denselben das Interesse für das Judentum geweckt werde. Ganz richtig hat Herr Dr. Leopold Kohn bemerkt, daß es nicht auf die Maßnahme zur Hebung des Religionsunterrichtes ankommt, sondern auf die Männer, die sie durchführen. Die Erläuterungen des Referenten haben den Redner mit großer Befriedigung erfüllt und er sei mit denselben im allgemeinen einverstanden, nur müsse er bedauern, daß der Herr Finanzreferent über den projektierten Amtsbau nichts Näheres mitgeteilt habe. Schließlich möchte er, wie im Vorjahre, auch bei der heurigen Budgetberatung über das Projekt eines Kinderspitals sprechen. Der Gemeinde stehe für diesen Zweck ein Fonds zur Verfügung, der Ende 1910 inklusive der Zinsen zirka 400.000 Kronen betragen werde. Allerdings sei dieser Betrag lange noch nicht ausreichend, aber man sollte doch der Angelegenheit näher treten. ' Präsident Dr. Stern: Es ist ja allgemein bekannt. daß rücksichtlich des Platzes, auf dem sich das gegenwärtige Gemeindehaus in der Seitenstettengasse und das uns gehörige Nebenhaus befinden und der für den Bau eines neuen Tempels in der Stadt und eines Amtshauses in erster Reihe in Betracht käme, seit längerer Zeit Verhandlungen mit der Kommune geführt werden, aber bisher haben wir seitens der letzteren irgend ein Entgegenkommen nicht gefunden. Vielleicht wird sogar die Frage erwogen werden müssen, ob man nicht für den Bau eines Amtshauses oder eines Tempels anderweitig einen Platz suchen soll. An verschiedenen Versuchen und an meinem Eifer, in dieser Angelegenheit vorwärts zu kommen, hat es nicht gefehlt, aber ein Fortschritt in den Verhandlungen konnte bisher nicht konstatiert werden. Unter anderem hat die Kommission zu Kunst- und historischen Denkmälern die Forderung gestellt, daß der Neubau nicht höher als 15 Meter über dem zukünftigen gegen das gegenwärtige um IV» Meter niedrigere Straßenniveau geführt werden dürfe — also kaum bis zur Höhe des zweiten Stockes — und wir sind nicht im Stande zu erfahren, welche Stellung die Kommune zu dieser Forderung, die den Bau fast unmöglich machen würde, einnimmt; es scheint also, als ob seitens der Kommune eine Art passive Resistenz geübt wird. Herr kaiserl. Rat W e i l hat vom Kinderspitale gesprochen. Gewiß wäre ein solches höchst wünschenswert, aber die zur Verfügung stehenden Kapitalien sind viel zu wenig, da man für ein Kinderspital mindestens 4 Millionen Kronen benötigen würde. Bei der Kommune z. B. erliegt ,,ein Königswarter-Kinderspitalfonds in der Höhe von 1,400.000 Kronen für ein interkonfessionelles Kinderspital. Da nun der Stiftsbrief hie Bestimmung enthält, daß von keiner Seite, außer von der Kommune, Beiträge zu diesem Fonds angenommen werden dürfen und anderseits der Fonds selbst nicht ausreicht, erhebt sich in kommunalen Kreisen keine einzige Stimme, daß man an die Aktivierung der Stiftung schreiten soll. Ich erwähne die Tatsache nur deshalb, um darzulegen, daß wir mit den 400.000 Kronen schon gar nichts anfangen können. Auf die Anfrage des Herrn kaiserl. Rates Kauders betreffs der Errichtung einer Koscher-Selchwaren-Fabrik,