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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-12-24 · 52 (24.12.1909) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. <L Dr.-. Blocht MychMschrift. Sette dW Abschnitt F, Armen- und Wohltätigkeitsangelegenheitey sind mit dem vorjährigen Budget ganz gleich geblieben. . Dagegen wird für Kapitel <28, Kaiserin Elisabeth- Pflegerinnenheim. ein Betrag von 5000 Kronen weniger benötigt. Das betrübendste Kapitel, welches unser Budget enthält, ist zweifellos jenes, über welches ich eben berichtete, wirft es doch ein grelles Streiflicht auf die große Notlage, in welcher sich ein erschreckend großer Teil der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt befindet. — Und das Traurigste ist wohl der Umstand, daß wir trotz der nicht unbedeutenden Summe von über 300.000 Kronen, welche diesem Abschnitte zugewiesen werden, auch nicht annähernd jene Linderung des ungeheuren Elends herbeizuführen in der Lage sind, wie wir es als Menschen und als Juden aus vollem Herzen wünschen würden. — Wir müssen uns ja sagen, daß wir nicht weiter gehen können als wir es tun, weil neue Einnahmsquellen nicht existieren und wir mit unseren Mitteln nicht einmal das volle Auslangen finden. — Und trotzdem bin ich mir nicht einen Augenblick darüber im Unklaren, daß dieses Kapitel selbst bei größter, durch die mißlichen finanziellen Verhältnisse gebotener Zurückhaltung auch weiterhin gewisser Steigerung nicht wird entgehen können, und wenn ich die Verpflichtung habe, stets von neuem zur äußersten Sparsamkeit aufzufordern, so empfinde ich bei diesem Kapitel die praktische Unmöglichkeit, diese Intention auch wirklich streng durchzuführen. Abschnitt G. Finanzielle und administrative Angelegenheiten haben einen um ca. 68.000 Kr. geringeren Ueberschuß als das vorjährige Budget. Kapitel 29, Kultussteuer, ist um 30.000 Kronen höher veranschlagt: Kapitel 30, Gemeindeverwaltung, benötigt um 23.200 Kronen mehr als im Vorjahre, teils wegen normalmäßiger Gehaltserhöhung, hauptsächlich aber wegen der 20.000 Kronen, welche für die dem gegenwärtigen Statut entsprechend im Jahre 1910 vorzunehmenden Vorstandswahlen eingesetzt werden mußten. Bei Kapitel 31, Matrikelamt, haben sich die Ausgaben infolge Gehaltserhöhung um 1100 Kronen, bei Kapitel 32 wegen Pensionierung eines Funktionärs um 2000 Kronen erhöht. Die Kapitel 34, 36, die kleine Veränderungen aufweisen, sind rein buchhalterische, bei Kapitel 37 ist die allgemeine Reserve um 10.000 Kronen erhöht und ein Betrag von 60.000 Kronen für effektive Anschaffung der bisher nur buchmäßig gutgeschriebenen Zinsen der Fonde der israelitischen Kultusgemeinde neu eingestellt worden. Die Darlehensrückzahlungen und Friedhofsannuitäten weisen ein Mehrerfordernis von 1300 Kronen auf. Mit Vergnügen gedenke ich bei diesem Abschnitte unseres trefflichen und anhänglichen Beamtenkörpers und benütze gern die Gelegenheit, um allen Herren, an ihrer Spitze meinem verehrten Freunde, Herrn kaiserlichen Rat Dr. Theodor Lieben, den Dank und die vollste Anerkennung des Vorstandes auszusprechen. — Meine sehr geehrten Herren! Nach den etwas ermüdenden Details der einzelnen Budgetpostenveränderungen gestatten Sie mir nun, meine sehr geehrten Herren, den Voranschlag als Ganzes zusammenfassend, sowohl einige allgemeine Betrachtungen daran zu knüpfen, als auch jene Folgerungen zu ziehen, welche sich insbesondere aus dem Vergleich mit dem vorhergehenden Jahre und mit anderen Gemeinden ergeben. — Wenn wir heuer unter Außerachtlassung der für außerordentliche Zwecke zu verausgabenden 180.000 Kronen ein Defizit von 110.176 82 Kronen zu verzeichnen haben, und dieses daher sich beiläufig in der Höhe des für das Jahr 1909 angenommen hält, so kann man darin, so paradox es klingt, vielleicht einen gewissen Trost erblicken. — Es ist allgemein bekannt, und. ich muß es speziell in diesem Kreise, nicht im Detail ausführen, wie jedes Jahr, ja fast jeder Monat uns vor neue Aufgaben und Pflichten stellt, die sich vielfach rem aus unserer Stellung als erste und größte Kultusgemeinde Oesterreichs ergeben. — Trotzdem wage ich die Hoffnung auszusprechen, daß wir bei fortgesetzter ängstlicher, aber dabei weiser Sparsamkeit dem Schreckgespenst des wirklichen Defizit beim Rechnungsabschluß werden entgehen können. — Und diese Sparsamkeit muß um so mehr in Zukunft unser Leitmotiv bleiben, weil wir uns dessen voll bewußt sind, daß wir unseren Mitbürgern im Vergleiche zu anderen bevorzugten Konfessionen nicht unerhebliche Opfer aufzuerlegen genötigt sind, Opfer übrigens, die, wie ich mit Freude konstatieren kann, von dem weitaus größeren Teile unserer Mitbürger nicht mit Unwillen getragen werden. — Ich sagte eben bevorzugte Konfessionen, denn ich werde bei jeder Budgetbehandlung immer und immer wieder eindringlich darauf Hinweisen, wie schweres Unrecht der Staat an seinen jüdischen Mitbürgern, den willigsten seiner Steuerzahler, begeht, wenn er ständig ablehnt, zur Tragung der jüdischen Kultuslcvsten auch nur das geringste beizutragen, obgleich er aps allgemeinen Steuergeldern fast 25 Millionen Kronen für die Kultbedürfnisse der anderen, der eben bevorzugten Konfessionen beiträgt. - Aber noch mehr, nicht genug daran, daß er uns unsere Kultuslasten ganz allein aufbringen läßt, gibt er uns nicht einmal die Möglichkeit an die Hand, die Steuern gerecht aufzuteilen, ja überhaupt Kenntnis von allen jenen, die zur Zahlung der Kultussteuer verpflichtet sind, zu erhallen. - In Deutschland liefert die Behörde den jüdischen Gemeinden nicht nur das Verzeichnis aller jüdischen Zensiten, sondern auch die Angabe der Höhe ihres Einkommens. wodurch natürlich die Aufstellung des Budgets ein reines Rechenexempel wird. — Wir dagegen sind nicht einmal im stände, von den Behörden zu erfahren, welche Veränderungen im Stande der Wiener Judenschaft sich vollziehen, nicht etwa weil es ein Amtsgeheimnis ist, denn sonst dürfte ja auch Lehmanns Wohnungsanzeiger diese Informationen nicht erhalten, sondern aus so leicht behebbaren Gründen, daß wir wohl erwarten dürfen, daß in Zukunft unsere berechtigten Wünsche endlich ein Entgegenkommen finden werden. — So gibt es also sicher in Wien eine große Anzahl, vielleicht gar Tausende steuerkräftiger oder steuerverpflichteter jüdischer Bürger, die zu den Gemeindelasten nicht herangezogen werden können, weil man in der Millionenstadt von ihrer Existenz einfach nichts weiß. — Ich bin überzeugt davon, daß ein Defizit dauernd gebannt wäre, wenn diese Nichtsteuerzahler ihrer Pflicht gegenüber der jüdischen Allgemeinheit Nachkommen müßten. — Und doch ist es nötig, nicht nur das Defizit zu beseitigen, sondern durch gesteigerte Einnahmen und dadurch erzielte Ueberschüsse für die Zukunft Vorsorge zu treffen. — Einer Kultusgemeinde stehen ja nicht die reichen Auswege einer Kommune zu Gebote, Straßenbahnen, Licht- und Kraftwerke kann eine Kultusgemeinde nicht als Einnahmsquelle in ihr Kalkül ziehen. Das ist ein Schalten auf die Aussichten für die Zukunft, denn wir werden, wie bereits von mir gestreift, in viel kürzerer Zeit als vielfach angenommen wird, an eine Erweiterung unseres gegenwärtigen oder die Neuanlage eines neuen Friedhofes schreiten müssen, was mindestens ein Kapital von ein bis zwei Millionen Kronen erfordern dürfte, und eine zweite Angelegenheit, die moralisch mindestens ebenso dringend ist, wäre die Neuanschaffung eines Amtshauses, würdig der Judenschaft unserer so großen Gemeinde. — Ist es denn nicht beschämend, daß unser Amtshaus noch aus vormärzlicher Zeit stammt und daß das wichtige Moment der Aeußerlichkeiten, welches, man mag es billigen oder nicht, sicher eine hervorragende Rolle im Leben der menschlichen Gesellschaft spielt, bei uns vollkommen unbeachtet bleibt.

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