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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-12-24 · 52 (24.12.1909) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Ar. 62 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 889 streng zu begegnen, die schließlich zu den unversöhnlichen Kämpfen im Reichsrat führt. Aber leider ist der Standpunkt der Regierung kein prinzipieller und sie rottet nicht das Uebel mit seiner tiefsten Wurzel aus. Diese Wurzel ist der antisemitische Boykott gegen die Juden. Aus diesem ist dann der andere entstanden. Als die Preste aller österreichischen Volksstämme, als die Agitatoren sahen, daß man die Juden mit den gemeinsten Verleumdungen überschütten, mit der brutalsten Gewalt verfolgen dürfe, dehnten sie diese Erlaubnis auch auf ihre nationalen Gegner aus und es entstand endlich jene Gehässigkeit, in welcher schließlich alles gesunde politische Leben in Oesterreich ertrank. Momentan ist durch den Antrag Krek-Kramar, welcher die parlamentarische Obstruktion töten soll, Ruhe eingetreten, vielleicht hat sogar eine neue Aera der österreichischen Politik, einer wirklichen Politik der Geister, begonnen. Sie wird aber nach schönen Anfängen bald wieder abschwenken, man wird neue Formen der Gewalt zu finden wissen, wenn nicht die Regierung der gehäfiigen Form des nationalen Kampfes, dem Boykott, radikal ein Ende macht. Das wird nicht geschehen, so lange der antisemitische Boykott besteht. Denn er ist es, der den Hetzern immer Mut machen wird. Ein teilweise übertretenes Gesetz ist bald ganz übertreten. Wenn aber Ministerpräfident Bienerth zu seiner Erholung in den Prater fährt, so grüßt es ihn von Plakaten an allen Ecken: „Kauft nur bei Christen! Und wenn er Zeitungen liest, so steht es in allen Spalten: Kaust nur bei Christen! Die Redner sagen es in Versammlungen, der Landmarschall Prinz Liechtenstein predigt es mit der schönen Beredsamkeit seines flammenden Christentums, und die Agitatoren tragen es willig in die Provinz: Kauft nur bei Christen! Die Staatsanwälte schlafen dazu und die Regierungsvertreter schweigen. Trotzdem wir Juden die loyalsten Staatsbürger find, trotzdem wir uns in unseren paar offenen Berufen so mühselig plagen. Uns gegenüber hat die Regierung nur einen Finanzminister und einen Kriegsminister. Wir Juden bleiben immer noch im ex lex- Zustand. Die Ereignisse werden fich aber noch an dem Minister des Innern rächen. _ Persekrrtionerr in Böhmen. Aus Böhmen wird uns geschrieben: In den Fünfziger-Jahren wurde es mit den Matrikenführungen des nordwestlichen Böhmens nicht sehr genau genommen, und es lassen fich jetzt noch hie und da ganz interessante Jrrtümer konstatieren. So wurden z. B. Personen in einem Distrikt eingetragen, in welchem fie gar nicht geboren wurden; man stellte einem Juden einen Geburtsschein auf den Namen Khon aus, obgleich er Kohn hieß, und insbesondere die katholischen Pfarrer, welche im Egerer Kreise, z. B. im Luditzer, Karlsbader und Podersamer Bezirk die jüdischen Matriken führten, scheinen denselben keine allzugroße Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Co kam es auch häufig vor, daß der sogenannte „jüdische" oder „rituelle" Name von Kindern entweder in seiner jüdischen Aussprache „Schlome, Jehuda, Jaikew" usw. oder, falls es der Matrikenführer vorzog, in deutscher Uebersetzung neben dem deutschen Namen eingetragen wurde. Manche Matrikenführer aber trugen die jüdischen Namen überhaupt nicht in die Geburtsmatrik ein, weil dies ja nur gewissermaßen ein ritueller Namen war, der nur beim Aufrufen, bei Mischeberachs, am Grabstein usw., nicht aber für den bürgerlichen Gebrauch bestimmt war. Seitdem im Egerer Kreise aber der Antisemitismus zur Entwicklung und Blüte gelangte, wird nämlich den jüdischen oder übersetzten jüdischen Namen in den Matriken eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Man fand heraus, daß eine große Zahl von Juden angeblich unrichtige Vornamen tragen, und insbesondere einige katholische Pfarrer, die noch immer die jüdischen Matriken im Egerer Kreise führen, setzen fich mit großem Eifer dafür ein, daß die Juden den jüdischen Namen, der in der Matrik eingetragen erscheint, als „Hauptnamen" und „bürgerlichen Namen" führen müssen, während der ebenfalls eingetragene deutsche Name wegbleiben sollte. Fünfzig- bis sechzigjährige Personen, die ihr ganzes Leben lang mit vollem Rechte ihren deutschen Namen trugen, welche auf Grund der von den Matrikenämtern amtlich an die Behörden gelieferten Nachweise einen deutschen Namen in der Schule führten, beim Militär dienten, großjährig gesprochen wurden und mit dem deutschen Namen heirateten, sollen plötzlich im späten Alter anstatt Adolf, Alfred, Siegmund, Moritz, Ludwig den Namen Aron, Elsik, Schlome, Mosche oder Leiser führen oder eventuell die etwas verdeutschten Namen Jlak, Salomon, Moses usw. Auch dies, trotzdem in häufigen Fällen der r e i ndeutsche Name neben dem jüdischen Namen in der Matrik steht. Hieraus ist eine arge Persekution jüdischer Bürger entstanden. Seit einer Reihe von Jahren werden von einigen Pfarrern, welche jüdische Matriken führen, andere Geburtsscheine als früher herausgegeben und leider entscheidet die Prager Statthalterei in den meisten Fällen gegen die Juden. Es bleibt sich ja schließlich vielen gleich, ob fie im vorgerückten Alter einen jüdischen Vornamen führen müffen oder nicht; allein es ist schließlich keine Kleinigkeit, wenn man vor der Familie und allen Bekannten seit Jahrzehnten einen deutschen Vornamen geführt hat und vielleicht große Beträge in Verbindung mit dem Namen (Verficherungen rc.) investiert hat, plötzlich in die Notwendigkeit gesetzt werden soll, einen anderen Namen zu führen und daß es fich um irgend etwas anderes als um eine kleine Judenhetze handelt, darüber ist gar kein Zweifel. Nun ist aber die Sache gar nicht einmal gesetzlich zuläffig. Der Verwaltungsgerichtshof hat mittelst Entscheidung Nr. 4096 vom 17. Jänner 1906, Z. 708, S. 76 der Budwinski'schen Erkenntnisse des k. k. Verwaltungsgerichtshofes eine endgiltige Entscheidung gefällt, in welcher eine jüdische Matrik geändert werden mußte. In dieser Sache, in welcher der Wiener Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Leopold Katz intervenierte, ergab fich, daß ein Glaubensgenoffe, deffen Name mit Hugo in die Geburtsmatrik eingetragen war, es durchsetzte, daß er „Heinrich" heiße, weil seine Eltern ihn Heinrich seinerzeit genannt hatten und er immer diesen Namen führte. Es mußte die Matrik in „Heinrich" geändert werden. Trotzdem kommt es immer wieder vor, daß jüdische Bewohner in Nordwestböhmen, welche ihr ganzes Leben lang beispielsweise Adolf oder Ludwig hießen, diesen Namen in der Schule, beim Militär usw. hatten, denen man Geburtsscheine nur mit dem Namen Adolf oder Ludwig auch anläßlich ihrer Trauung ausgestellt hatte, und die mit diesem Namen faktisch getraut wurden, später den Auftrag erhielten, fich Aron, Leeb, Leiser usw. zu heißen. Es empfiehlt fich daher, in weiten Kreisen auf die oben erfloffene Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes hinzuweisen und Schritte zu unternehmen, damit das eigenmächtige Vorgehen und die Nichtbeachtung der bezogenen Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes zur Geltung komme. Wenn ein Jude sein ganzes Leben lang Moriz geheißen hat. er mit diesem Namen in die Schule ging, militärisch so genannt wurde und er auch behördliche Papiere darüber besitzt, dann braucht er keineswegs einzuwilligen, daß er fich plötzlich „Moses" nennt, oder daß er fich als „Moritz" protokollieren muß, sondern auf Grund der zitierten Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes vom 17. Jänner 1906, Z. 706, kann er verlangen, daß die Matrik geändert wird, und wenn man damit sekkiert wird, dann möge man das richtige Wort dafür anwenden — antisemitische Sekkatur. Viele Juden wissen gar nicht, welche Nachteile ihren Erben einstmals nach ihrem Ableben drohen, wenn Verficherungen, Realitäten, Aktien usw. beispielsweise aus den Namen „Alfred Klein" eingetragen find und es fällt dem Matrikenführer ein, plötzlich einen Geburtsschein auf den Namen I s a k auszustellen. Es kann einige tausend Kronen kosten, die Identität nachzuweisen! Mar Nordan über sich und den Kongreß. Einem galizischen Blatte wird aus Paris geschrieben: Wie bekannt hat das russische zionistische Zentralkomitee einen Entwurf veröffentlicht, laut welchem das engere Aktionskomitee nach Paris verlegt und Nordau zum Präsidenten des Aktionskomitees gewählt werden soll. Die Federation der französischen Zionisten hat jedoch

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