Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 887 Uebrigens sind die Prämissen dieser Ethik falsch. Die erwähnte Weißmannsche Theorie wurde besonders von Herbert Spencer ad absurdum geführt. Auch die Descendenztheorie widerspricht dieser Ethik, denn sie lehrt, daß der -Kampf ums Dasein nur zwischen den verschiedenen Arten wogt,' daß aber zwischen Individuen einer und derselben Gattung der Kampf geführt werde, wie dies beim Menschen der Fall ist, suchen wir in der Natur vergebens. Hören wir den scharfsinnigen Steinthal über die Ethik der Descendenztheorie sprechen („Allgemeine Ethik" § 7.): „Dieses All der Natur —, im Sinne der Descendenztheorie — ist kein Kosmos mehr, Schmuck und Ordnung, sondern ein Gegeneinander der Kräfte. Hier herrscht nicht mehr, wie ein alter Weiser sagte, Liebe und Haß. Verbindung und Trennung, sondern nur Haß... Der Sieg gehört unbedingt nicht dem Würdevolleren, sondern dem Kräftigeren. . . Aber auch nicht die größere Kraft ist es, welche den Sieg bestimmt, sondern der Zufall. . . Dasselbe Wesen, das an dieser Stelle unterlag, hätte an einer anderen gesiegt und umgekehrt: und wäre es nicht gerade jetzt an diese Stelle gelangt, wo es den stärkeren Gegner fand, so wäre es nicht getötet worden, denn zu einer anderen Zeit hätte es nur den schwächeren Feind oder gar keinen getroffen." Ferner lehrt die Entwicklungslehre, daß alles in der organischen Natur das notwendige Resultat einer Entwicklung ist. So ist dies auf ethischem Gebiete. Alle Resultate derselben sind das Produkt einer Jahrtausende langen Entwicklung. Mit der mechanischen Lebensauffassung allein können wir diese Erscheinungen nicht erklären. Gesellschaftliche Normen und Verhältnisse lebten erst als Gedanken in den Köpfen der Menschen, denen immer ein Ziel vorschwebte, also nur teleologisch erklärt werden kann. Die Ethik und die Gesellschaft bilden die natürliche Grenze der mechanischen Weltanschauung. Wir sollen uns an dieser Stelle auch mit der Ethik von Herbert Spencer auseinandersetzen, die ebenfalls auf der Descendenztheorie basiert. Da aber diese Auseinandersetzung nur für den Fachmann von Interesse wäre, so wollen wir davon absehen und uns Häckel zuwenden, zumal mehrere seiner Werke in billigen Volksausgaben von Hand zu Hand wandern. mus und Religion zu versöhnen. Darwin hat recht, die Natur, die Menschheit verlangt den Kampf, sonst würde sie degenerieren. Aber auch Marx hat Recht, die Interessen des Individuums erheischen Abschaffung des Kampfes ums Dasein, was auch der Verstand lehre. Demgemäß stehen die Interessen des Individuums und der Gattung, Verstand und Natur im Gegensätze, so möge denn ein transzendentes Prinzip kommen — die Religion — die über Verstand und Natur steht, und die Gegensätze ausgleichen. Dem Armen befiehlt sie, sich mkit seinem Schicksale abzufinden, dem Reichen hingegen, von seiner Stäres keinen Mißbrauch zu machen, denn sie weist beide auf ein überirdisched Prinzip, auf ein. jenseitiges Leben hin. Dieses Werk erregte vor einigen Jahren großes Aufsehen unn hatte einen literarischen Erfolg, der sich nur mit dem Häckels messen läßt. Was wir vom jüdischen Standpunkte zu sagen haben, ist. daß e8 in einseitiger Weise Alles, was in der Welt gut und schön ist, auf Konto des Christentums setzt. Des Judentums und seiner Ethik wird mit keinem Wörtchen erwähnt. Bis Christus ist Alles finster, von seinem Auftreten ab weiter ist Alles hell. Der Aufbau des Werkes ist scharfsinnig; aber nach längerem Nachdenken sieht man, daß der Hauptgedanke desselben ein Sophismus ist. So voll Begeisterung Kidd von der Religion, d. h. vom Christentume ist — Christentum ist nach Kidd nicht eine, sondern die Religion — so ist diese nur ein Mittel das Individuum und die Gattung über ihre berechtigten Forderungen hinwegzutäuschen. Nein! Uns ist die Religion die hohe, die himmlische Göttin, die Offenbarung Gottes. Sie ist Selbstzweck, aber bei weitem ein Mittel einer Selbsttäuschung. Die Juden in der österreichisch ungarische« Armee. Von Moritz Frühling. H. Wo immer, seit der achtzehnten Jahrhundertsneige, auf blutiger Wahlstatt die österreichischen Truppen um den Lorbeer gerungen, überall fochten sie brav gleich den anderen — die damaligen Stiefkinder des österreichischen Kaiserstaates. Nie, und in keinem einzigen Falle schlechter. Wie ein Wunder fast mutet es an, daß der Jahrhunderte lang ausgeübte Druck nicht imstande war, das Blut der späten Enkel der Verteidiger Jerusalems gegen den starken Römer, auch nur langsamer und träge rollen zu lassen. Kaum wehte ein frischer Luftzug, da loderte jenes Feuer wieder auf, welches zu allen Zeiten und bei allen Völkern ein heiliges war — Patriotismus auf den Schlachtfeldern am Rhein, wo ihr militärisches Debüt begann, in Italien, Belgien, Frankreich und Rußland bewiesen die ersten jüdischen Soldaten, daß sie treue Söhne ihres sie bis dahin so ungerecht behandelnden Vaterlandes waren und auf den blutigen Wahlstätten von Novi, Caldiero, Marengo, Hohenlinden, Austerlitz, Aspern, Wagram, Hanau, Raszyn, Handomierz, Dresden und Leipzig opferten bereits Hunderte — neben den auf die gesetzliche Dienstzeit Assentierten auch die für die Dauer des Krieges freiwillig Eingetretenen — ihr Leben, um mit demselben dasjenige ihrer unter hartem Drucke lebenden Stammes- und Volksgenossen erträglicher zu gestalten. So manche Namen jüdischer Soldaten aus jener Epoche gigantischer Kämpfe und deren Taten konnten nach den Akten des Kriegsarchivs, aus welchen erfreulicherweise die konfessionelle Zugehörigkeit ersichtlich ist, entnommen werden. Ueber die meisten freilich rauschte der mächtige Strom der Zeit hinweg, sie unter dem Schutt und Moder des Jahrhunderts vergrabend und die Spuren jener Braven für immer verwehend, welche des Festhaltens höchst würdig wären. Und so manche rühmenswerte Tat, wo das untrügliche Kennzeichen — die Konfession — nicht mehr festgestellt werden konnte, mußte perhorresziert werden, zumal der, wenn auch urjüdische Name noch nicht jene genügende Handhabe bieten kann, um eventuelle, uns von gehässiger Seite entgegengehaltene Vorwürfe, wir schmücken uns mit fremden Federn, würdig abzuweisen und sich so vom Einwande begreiflicher Subjektivität zu entheben. Die Napoleonischen Kämpfe brachten auch ein Gutes für die Juden der Monarchie: die Stichlofigkeit der Behauptungen, wonach die Juden geistig und körperlich depraviert wären. Der ethische Gehalt der Söhne eines Volkes, welches Jahrhunderte lang unter immer in der Geschichte d:r Völker einzig dastehender Verfolgung leiden mußte, möge mit dem Maßstabe der militärischen Tugenden: Kaisertreue, Pflichtgefühl, Tapferkeit, Opfermut, Ausdauer und Hingebung, gemessen werden, welche nach kaum einem Vierteljahrhundert Militärdienst beim jüdischen Soldaten heimisch wurden. Noch soll aus jener Epoche eine interessante Episode der Vergessenheit entrissen werden. Als nach der unglücklichen Schlacht von Austerlitz Kaiser Franz wieder in Wien einzog, da empfingen ihn so stürmische Ovationen, daß ein zurückgebliebener Franzose einem Wiener Juden gegenüber seinem Erstaunen Ausdruck gab: „Ich finde es unbegreiflich, daß Ihr Eueren Kaiser nach einem unglücklichen Kriege mit solchem Jubel empfanget. Ganz unbegreiflich ist mir aber, daß auch Ihr Juden dem Freudenchorus mitanstimmt, wo es Euch doch bekannt ist, daß es Eueren Glaubensgenossen bei uns in Frankreich viel besser ergeht." „Mag fein", erwiderte der jüdische Wiener, „aber jetzt bedarf der Kaiser des Trostes und der Liebe all feiner Untertanen umso eher als früher." In der Tat opferten die österreichischen Juden während der Franzosenkriege nicht nur Blut und Leben; der Anteil ihrer Geldspenden für patriotische Zwecke ist für die damaligen Verhältnisse bedeutend. Wie reichlich die Gelder flössen, hat Herr