Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 886 Nr. 52 Dr. Vlochs Wochenschrift. müssen ehrliche, bewußte Juden zu ihrer Vertretung und Verteidigung berufen werden. Lächerlich wäre die Behauptung, daß ein guter Jude nicht freisinnig sein könnte. Wer für sich die Freiheit des Denkens und Glaubens verlangt, tut das selbstverständlich auch für andere, und das Judentum war stets ein Förderer, nicht ein Gegner des Fortschritts. Es ist schon lange erkannt und festgestellt, daß das Judentum nicht gelegentlicher Fürsprecher und gnädiger Anwälte bedarf, sondern stolzer und eifersüchtiger Bekenner, die mit der nationalen Sache auch die eigene in Schutz nehmen. Daher also als Resultat: Wählet bewußte Vertreter der jüdischen Interessen in den Gemeinderat! Am allerwenigsten aber jene Fahnenflüchtigen, welche durch ihren Austritt gezeigt haben, daß sie vom Judentum nichts wissen wollen, daß sie es verleugnen. Sie werden zwar uns zugerechnet, bauen auf unsere Stimmen, sind aber nicht vertretungsberechtigt für die freisinnigen, christlichen Mitbürger, die mit Recht Halbjudeu ablehnen, noch viel weniger für uns, die mit Halbchristeu nichts zu tun haben wollen und von Renegaten nichts zu erwarten haben. Der Pofelfreisinn, der von Weltbürgertum schwätzt und von den Bürgern der ganzen Welt Prügel bekommt, den schicke man getrost auf den politischen Tandelmarkt. Hie Juden, hie Christen. Aber lieber anständige Christen als jüdische Deserteure. Wir brauchen keine Leute, die ihren Charakter schmutzig machten, als sie den Makel ihrer Geburt im Taufbecken wuschen. Sie wollten uns verlassen — adieu meine Herren, aber nicht auf Wiedersehen bei den Gemeindewahlen. Die Jubiläen der Deseendeu; Theorie. Von Alois Schweiger, Rabbiner zu Eger (Erlau). 3. Die Psychologie und die Ethik des Darwinismus. Die Gedanken des ersten Hauptwerkes Darwins lassen sich nur sehr schwer mit der biblischen Schöpfungsgeschichte in Einklang bringen, so sehr dies auch Darwin selber gemocht hätte. Darwin und noch mehr die Evolutionisten mechanisieren die Entwicklung des organischen Lebens. Zwecke und Ziele werden geleugnet, alles Geschehen wird durch Grund und Folge erklärt. Diese der biblischen Auffassung diametral entgegengesetzte Lebensanschauung beginnt bei Demokrit und den griechischen Atomisten, wird von den Epikuräern, Galiläi, Descartes, Spinoza fortgesetzt und findet ihren Abschluß in den Materialisten und Darwin. Die Gedanken des zweiten Hauptwerkes Darwins von „der Abstammung des Menschen", in welchem er seine Theorie auch auf den Menschen überträgt, sind wir in keiner Weise imstande, mit der Bibel in Einklang,zu bringen, so sehr wir auch die Tatsachen auf die Spitze treiben wollen. Schon der Hauptgedanke des Werkes, daß der menschliche Geist aus dem tierischen Bewußtsein abgeleitet wird, daß dieser sich dem Grade, aber nicht der Art nach vom tierischen Verstände unterscheidet, ist eine einfache Leugnung des Seelenglaubens überhaupt. Es wäre denn, daß die ersten Verse der Bibel Zustände und Schöpfungen beschreiben, deren Zustandekommen Jahrmillionen dauerten und die sechstausend Jahre unserer Zeitrechnung wir von dem Zeitpunkte zählen, in welcher der Mensch als Kulturgeschöpf in die Arena der Geschichte tritt. Auch ist die Beweisführung, daß die menschliche Vernunft vom tierischen Verstände sich nur dem Grade nach unterscheidet, eine sehr dürftige und subjektive. So z. V., daß der höher entwickelte Affe auch schon Werkzeuge benütze u. zw. — man höre und staune — Obstkerne, denen er mit den Zähnen nicht beikommen kann, pflegt er mit Steinen aufzuschlagen. Aber wie weit der Art nach entfernt ist dieses primitive Kernaufschlagen von den fortgeschrittenen Apparaten, derenM der Mensch als Werkzeug bedient, die verschiedenen mit Dampf- und elektrischer Kraft getriebenen Motore, drahtlose Telegraphie, Flugmaschinen usw., von den höheren geistigen Werkzeugen, die dem Menschen zu Gebote stehen, als höhere Mathematik, philosophische Abstraktion, logische Methoden, gar nicht zu sprechen. Wahr im Darwinismus ist der Begriff der Entwicklung, der alle Gebiete des Wissens befruchtete und auf dem Gebiete der Philosophie, der Geschichte, der Nationalökonomie usw. eine neue Epoche bedeutete. Aber selbst dieser hehre Begriff, die Entwicklung nach Oben, zu immer Höherem und Schönerem, der so sehr der jüdischoptimistischen Lebensauffassung entspricht, dessen naturwissenschaftliche Begründung wir Darwin verdanken, hat seine wilden Schößlinge getrieben, über die wir nicht mit Stillschweigen hinweggehen dürfen, u. zw. auf keinem geringeren Gebiete als auf dem der Ethik. Darwin war in seinen Behauptungen sehr behutsam, aber das Werk war radikaler als sein Meister und es entstand eine neue Schule, die Darwinistischer als Darwin war, die sogenannten llltradarwinisten, die die Theorien des Meisters bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgten. Ausgehend von August Weißmanns berühmter Theorie des „Keimplasmas", nach welcher erworbene Eigenschaften sich nicht vererben, wie Lamarck behaupten wollte, sondern der einzige Faktor der Evolution sei der „Kampf ums Dasein". Dieser Kampf muß womöglich gesteigert werden, denn sonst würde die Menschheit degenerieren und in ihren früheren Affenzustand zurückfallen. Arme, Kranke, Schwache, ja das ganze Proletariat muß mit raffiniertesten Mitteln unterdrückt, Rassenhaß — also auch der Antisemitismus hätte seine biologische Berechtigung — und Krieg mutz verkündet, Staat, Religion, Familie, Gesellschaft, kurz alles, was auf Altruismus beruht, muß abgeschafft werden, um einen höheren Typus Mensch zu erzeugen. Diese Theorie versetzt dem Sozialismus, der ja den „Kampf ums Dasein" abschaffen will, den Todesstoß: denn, würde das Ideal des Sozialismus verwirklicht, so würde die Menschheit biologisch zu Grunde gehen. Dieses ist die Ethik des Darwinismus, eine wahre — Antisemitenmoral. Wir sollen die Welt zu einem großen Zuchtstall umgestalten und das Glück vieler Millionen einem Gallungsideal zuliebe hinopfern. Ja, diese Ethik hat keinen geringeren Vertreter als den großen Modephilosophen Friedrich Nietzsche — den Verkünder des Darwinismus — dessen^ Aphorismen gleich einer Offenbarung wirken. Hier schleudert er seine schärfsten Gedankenblitze uns entgegen. Die Menge ist ihm „heillos mittelmäßig", „Vielzuviele", Herdentiere". Zweck der Menschheit ist „der llebermensch". Nicht Friede, sondern Krieg, nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit. Die Schwachen und Mißratenen sollen zu Grunde gehen. Erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen dazu helfen." (Der Antichrist.) Sollen wir uns mit dieser Anarchistentheorie auseinandersetzen, die aller jüdischen Ethik geradezu Hohn spricht? Wir haben es nicht nötig, denn sie steht mit der angeborenen Humanität jedes Menschen im Widerspruche. Man schaudert zurück, vvr dem Gedanken, daß ja die Ethik der naturwissenschaftlichen Religion verwirklicht würde. Nein, nicht der „Uebermensch", sondern der „Herdenmensch" der elendeste Kommunismus wäre das Resultat derselben.*) *) Wir können hier nicht unerwähnt lassen das scharfsinnige, im streng christlichen Geiste gehaltene Werk des Engländers Benjamin Kidd, das den Titel „3ociaI Evolution“ führt. Vom Standpunkte des Ultradarwinismus ausgehend verkündet er „Zurück zur Religion". De? Verfasser trachtet die drei großen Gegensätze Darwinismus, Sozialis,