Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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'€?eUt 8Ö2 Nr. 61 Dr. Blochs Wochenschrift. durch einen Zufall in die heutige Versammlung gekommen waren, für die Organisation zu gewinnen und forderte sie aus, dem Verein beizutreten. Die Jünglinge hatten die Innere Stadt durchquert und waren bei der Stefaniebrücke avgelangt. Hier besprachen sie noch eine Weile die Ereignisse des Abends und nahmen dann Abschied von einander. Schatz und Liebermann schritten längs des Kais dem III. Bezirke zu, während Seqenreich die Brücke passierte und durch die schlafenden Gassen der Leopoldstadt nachhause ging .... Ab und zu rollte ein Wagen vorüber und die Pferdehuse klapperten auf dem Steinpflaster. Von fernen Türmen schallten die Stundenschläge durch die Nachtstille.- Am nächsten Morgen ging Dawid ins Geschäft. Das war ein Tag wie alle anderen: Um 9 Uhr kam .Herr Karfunkelstein und sah die Post durch. Dann ließ er Dawid ins Kontor kommen und gab ihm die eingelausenen Bestellungen zur Erledigung. Nun hieß es, mit Kommissionsuud Musterbuch unter dem Arm durch die Lagerräume laufen, Leitern auf- und niedersteigeu; hinunter in das Souterrain, um ein Stück Schirtiug oder Cotton heraufzuholen, auf die Galerien klettern, wo die Bettdecken und Kopftücher lagen. Hier zog Dawid ein Stück Perkail aus dem Regal, dort ein Stück Hosenzeug, verglich Muster und Qualität und legte die passenden Waren auf ein.n Tisch zusammen. Es gingen Stunden hin, bis die Aufträge des Tages erledigt waren. Nun lagen sie gesondert in einer langen Reihe auf dem Verkaufspulte und wurden von Dawid in die Strazza eingetragen. Nun mußten Rechnungen geschrieben, Frachtbriefe und Begleitadressen ausgestellt werden. Dazwischen gab es noch Kunden zu bedienen, Lieferungen zu übernehmen und Bestellungen prompt auszuführen. Dawid war nun seit drei Jahren bei Karfunkelstein u. Comp, angestellt. Vor einem halben Jahre war er freigesprochen worden und bei dieser Gelegenheit zeichnete der Chef den jungen Kommis durch eine Ansprache aus, die viel Belehrendes hatte. „Vergessen Sie nie, daß Sie bei mir von der Picke auf gedient haben, und daß ich aus Ihnen eiuen Menschen gemacht habe", sprach Herr Karfunkelstein, indem er Dawid den Lehrbrief überreichte. „Seien Sie nicht nur Kommis auf dem Papier, sondern bestreben Sie sich, mir unentbehrlich zu werden .... Das Gedeihen der Firma soll Ihnen immer am Herzen liegen, denn die Firma — das bin ich, das sind Sie, das sind wir Alle . . ." Am selben Tage noch erhielt Dawid das ungarische Kommissionsbuch ausgeliefert. Er war jetzt dem Chef für dieses Land verantwortlich. Er hatte sich über seine Kunden zu informieren und mußte ihren Geschmack kennen zu lernen suchen. Wenn eine Reklamation aus Ungarn kam, wurde Dawid sofort in das Privatkontor des Chefs gerufen. Herr Karfunkelstein war gewöhnlich wütend und wollte keine Entschuldigung hören. „Lesen Sie", schrie er einum das auderemal, indem er Dawid das betreffende Schreiben hinhielt. „Wenn diese Schlamperei nech einmal vorkommt, sind Sie entlassen". Herr Karfunkelstein schlug auf den Tisch und sah Dawid wild an. Er ließ den jungen Menschen nicht zu Worte kommen. Dawid war froh, wenn er wieder draußen war. Jetzt war D.awid der Aelteste im Lagerräume und bezog ein Gehalt von fünfundzwanzig Gulden monatlich, womit er kaum seim bescheidenen täglichen Bedürfnisse befriedigen konnte; aber er war froh, daß er nicht mehr auf den Vater angewiesen war. Er war jetzt alt genug, um sich allein erhalten zu können. So war David den ganzen Tag in Anspruch genommen. Um 8 Uhr morgens mußte er beim Oeffnen des Geschäftes zugegen sein, doch am Abend nahm es Herr Karfuukelstein mit der Pünktlichkeit nicht so genau; wenn man nur ^vor Torsperre" nachhause kam. Herr Taubeles,--bei dem Dawid sein Quartier hatte und der mit aller-Strenge über .seinen Schützling wachte, erfuhr nichts von' Dawids Abenteuer nach der Handlungsgchilfenversammlung. Doch als Dawid nach einigen Tagen zu Mittag nachhause kam, saß Herr Taubeles bei Tisch und und drehte ein großes Kuvert zwischen seinen Fingern, das eine Vorladung zum Bezirksgericht Josefstadt enthielt. Nun mußte Dawid von den Fährnissen jener Nacht erzählen. Herr Taubeles geriet in Zorn und Dawid bekam eine Rede über die Pflichten des Staatsbürgers zu hören. Man setzte sich zu Tisch, aber der Alte beruhigte sich nicht sobald. „Was haben sich junge Menschen um Politik zu kümmern", schrie er Dawid an. „Haben wir nicht unsere liberalen Führer? Dos Brot vom Chef essen und sich gegen ihn auflehnen, das paßt Euch!" David antwortete nicht, aber dadurch reizte er Herrn Taubeles noch mehr. „Jetzt wollt Ihr befehlen, wann man das Geschäft zumachen soll", fuhr er aufgeregt fort. „Sonntagsruhe und Gleichberechtigung wollt Ihr haben? Ihr wollt soviel sein, wie der Chef? Soll er vielleicht für Euch arbeiten? Aber viel Geld soll man Euch zahlen, damit Ihr den großen Herrn spielen könnt. Ja, ja, fressen und saufen und nicht arbeiten." Dawid wußte nichts besseres zu tun, als aus dem Hause zu gehen, döch am Abend nahm der Alte das Thema wieder auf. Er schimpfte auf die jungen Leute im Allgemeinen nnlr auf seinen Fleischburschen im Besonderen. Jetzt, wo Dawid mit Polizei und Gericht zu tun hatte, nahm er seine schützende Hand von ihm. „Es ist klar, wo solche Leute endigen. Erst geht es gegen die Regierung und dann wird geraubt und geplündert." Das kannte Herr Taubeles schon „aus Erfahrung" wie er sagte. Er redete sich in eine regelrechte Wut hinein und kündigte Dawid in aller Form das Zimmer. Und so geschah es, daß sich Dawid für den kommenden Monat um ein neues Quartier umsehen mußte. (Fortsetzung folgt.) Literat«». Ludwig August Frankls Lebenserinnerungen. Am 3. Februar 1910 werden hundert Iahre feit der Geburt Ludwig August Frankls vergangen sein. Die Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen bereitet für diesen Gedenktag eine Ausgabe von Frankls - „Erinnerungen" in ihrer „Bibliothek Deutscher Schriftsteller aus Böhmen" vor. Ungedruckte und in mancherlei Zuschriften zerstreute Aufsätze werden im Verein mit der fragmentarischen Selbstbiographie Frankls ein färben- und figurenreiches Bild des österreichischen Vormärz darbieten, das nicht nur Historiker und Politiker, sondern auch das weitere gebildete Publikum zu locken und zu befriedigen wohl geeignet ist. Vor allem die neuen Mitteilungen über Kaiser Franz und Metternich dürften das lebhafteste Interesse erregen. Die Schriften der genannten Gesellschaft erscheinen im Verlage der I. G. Calveschen Hof- und Universitätsbuchhandlung in Prag. Salmanaffars Großvater. In der letzten Sitzung der „Akademie c(es Inscriptions et Belles-Lettres“ hat der französische Assynologe Schell Mitteilung von der Entzifferung der Inschriften auf einem altassynschen Ziegelsteine gemacht, den er für einen der bedeutendsten Fund? der letzten vierzig Jahre hält. Dieser Ziegelstein, der von dem französischen Konsul vor kurzer Zeit nach Mossul gebracht wurde, enthält nämlich einen Teil der offlsiellen Aufzeichnungen des Königs Tukulti-Nmip II., der von 889—884 vor der übl. Zeitr. in Assyrien herrschte und kein anderer als der Großvater Salmanaffars und somit ein Zeitgenosse des israelitischen Königs Jehu w ir. Der assyrische Text, der in der klassischen Sprache des damaligen Assyrien abgefaßt ist, gibt eine ausführliche