Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 874 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. hl ien), die für solche jüdischen Adressaten bestimmt sind, die bisher am Sabbath die Unterschriften der Empfangsbestätigung verweigerten, dürfen von nun ab durch die Post am SamStag weder avisiert noch zugestellt werden. 2. Solchen Juden, die gewillt sind, am Sabbath oder jüdischen Feiertagen ja zu unterschreiben, können die Sendungen an diesen Tagen zugestellt werden. Es wird den einzelnen Postämtern zur Aufgabe gemacht, ein Register über diejenigen Juden zu führen, die den Sabbath und die jüdischen Feiertage halten und den Wunsch äußern, daß ihnen an diesen Tagen keine Postsendungen zugestellt werden Neue jüdische Institutionen in Budapest. Aus Budapest wird uns berichtet: Zwei neue jüdische Institutionen sollen demnächst in Budapest ins Leben gerufen werden. Die eine ist humanitärer Natur: eine jüdische Kinderferienkolonie, die deshalb notwendig ist, weil die jüdischen Kinder in den Ferienkolonien keine rituelle Kost erhalten, was fromme Juden davon abhält, ihre Kinder in die Kolonien zu schicken. In dieser Angelegenheit erschienen jüngst einige Herren beim Präsidenten der Pester israelitischen Kultusgemeinde, Hofrat Dr. Philipp Weinmann, und teilten mit, daß sie eine Aktion im Interesse der Errichtung einer jüdischen Ferienkolonie einleiten wollen, für die sie um seine Unterstützung bitten. Dr. Weinmann erklärte, daß die Herren zu spät gekommen seien: er habe nämlich die Absicht, eine von Bernhard Glueck ohne nähere Bestimmung errichtete Stiftung von 80.000 Kr. diesem Zwecke zuzuführen. Die Deputation nahm diese Mitteilung freudigst zur Kenntnis. Sie will den diesbezüglichen Beschluß der Kultusgemeinde abwarten, um dann auch ihrerseits das Weitere zu veranlassen. — Die andere Schöpfung ist kultureller Natur. Es handelt sich um die Errichtung eines jüdischen Museums, in welcher Angelegenheit Doktor Franz Mezey in der jüngsten Direktionssitzung der israelitischen literarischen ungarischen Gesellschaft einen motivierten Antrag eingebracht hat. Im Sinne dieses Antrages soll der genannte Verein ein jüdisches Museum errichten, für diesen Zweck einen besonderen Fonds stiften und ein eigenes Komitee entsenden, ferner die Statuten entsprechend ändern. Dieser Antrag wurde einhellig angenommen und in das Komitee folgende Herren gewählt: Präsident: Franz Szekely; Kopräsident: Dr. Franz Mezey; Mitglieder: Dr. Bernhard Alexander, Dr. Joseph Banoczy, Dr. Wilhelm Bacher, Joseph Keßler, Doktor Eduard Mahler, Dr. Heinrich Marczali, Dr. Adolf Kohner, Dr. Berthold Kolbach, Adolf Fenyes, Bela Lajta, Dr. Ludwig Blau, Bernhard Mandl, Dr. Berthold Fabo, Dr. Moriz Stiller, Bela Suranyi, Max Szabolcsi, Nostiz Spitzer. Eduard Telcs, Dr. Ludwig Venetianer. Für das Museum spendeten sofort Manfred Weiß, Dr. Adolf Kühner, Bela Suranyi, Alexander Lederer. Franz Szekely und Baron Joseph Hatvany je 500 Kr., Adolf Wohl-Rumi 200 Kr. Im Interesse des Museums veranstaltet die Direktion demnächst drei Vorträge: Als Vortragende werden Dr. Leopold Goldschmied, Dr. Berthold Kohlbach und Dr. Berthold Fabo fungieren. Unter anderem ist in Aussicht genommen, die Wände des Museums mit Bildern zu schmücken, welche die Institutionen (Tempel usw.) der einzelnen jüdischen Gemeinden des Landes darstellen. Fräulein Sidonie Werner im Vorstand des Zentral- Vereins in Hamburg-Altona. Hamburg. Die Ortsgruppe Hamburg-Altona des Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt am 12. Oktober in Sagebiels Etablissement eine öffentliche Versammlung, ab. die namentlich von Damen sehr zahlreich besucht war. Der Vorsitzende, Herr Dr. Jul. Lippmann, begrüßte die Anwesenden und wies darauf hin, daß mit dem Erlaß des neuen Reichsvereinsgesetzes Wiederum eine das öffentliche Leben einengende Schranke gefallen sei, indem jetzt die Frau sich auch am Vereinsleben offiziell beteiligen dürfe: daher habe der Vorstand beschlossen, auch eine Dame in den Vorstand zu wählen, und er hoffe, daß die Frauen sich recht zahlreich den Aufgaben des Zentral-Vereins, die der Redner näher erörtert, zuwenden werden. Der Vorsitzende erteilte hierauf Frl. Werner das Wort zu einem Vortrage über „Aufgaben der jüdischen Frau im öffentlichen Leben". Die Rednerin weist, wie die Zeitschrift „Im D. Reich" berichtet, zunächst darauf hin, daß, wie der Mann, so auch die Fsrau. der ja nunmehr auch die politischen Rechte eingeräumt sind, Pflichten gegenüber dem Staat hat. Ein Blick in die Geschichte der jüdischen Vergangenheit zeige, daß sich zu den verschiedensten Zeilen jüdische Frauen auf staatlichem Gebiete oder sonst öffentlich in hervorragender Weise betätigt haben. Die Rednerin verweist in dieser Beziehung auf die Gestalten einer Mirjam, Deborah, Hanna usw. Wir Juden, die wir niemals auf der Lichtseite, sondern stets auf der Schattenseite des Lebens standen, sind auf jedwede Stärkung angewiesen. Deshalb ist uns auch die Betätigung der Frau im öffentlichen Leben ganz besonders erwünscht. Der Dank der Frauen solle aber nicht in Worten, sondern in Taten bestehen. Auch für die jüdische Frau gelte der Wahlspruch des Zentral-Vereins: „Sich wehren bringt Ehren." Auch sie soll unerschrocken helfen, jeden antisemitischen Angriff auf unsere rechtliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung abzuwehren. Notwendig ist vor allen Dingen die Hochachtung vor der Tradition, größere Zurückhaltung, Vermeidung des Aufdrängens in solchen Vereinen, in denen man die jüdische Frau nicht wünscht, sondern sie nur etwa ihres Reichtums wegen duldet. Die jüdische Frau hat eigene Kulturarbeit zu verrichten: gering ist leider noch die Zahl derjenigen Frauen, welche Interesse haben für jüdische Dinge: viele sind noch immer fremd im eigenen Lager. Das soll und wird besser werden, wenn die Männer an uns Frauen tapfere Weggenossen finden. Die Rednerin wendet sich dann gegen die Behauptung, als ob die Aufgabe der jüdischen Hausfrau durch ihre Betätigung am öffentlichen Leben leide. Das solle und werde nimmer geschehen! Aufgabe der jüdischen Frau ist es, vor allen Dingen eine Priesterin des Hauses zu sein. Aber gerade die jüdische Mutter könne ihre Kinder in erster Linie zu deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens erziehen. Sie könne ihren Kindern zeigen, daß noch immer der Wahrspruch recht habe: „Sich wehren bringt Ehren." Sie müsse ihren Kindern zeigen, daß, wenn man getreu seine staatsbürgerlichen Pflichten erfülle, man nicht nötig habe, sich vor jedem antisemitischen Angriff zu ducken, sondern daß man sich auf sich selbst besinnen müsse, um sich tapfer zu wehren. Die Rednerin geißelte dann in scharfen Worten das Nachäffen unjüdischer Gebräuche, wie das Anzünden des Weihnachtsbaumes usw., warnte vor der Fahnenflucht und forderte unter dem lebhaftesten Beifall der Versammlung für den von echt jüdischer Begeisterung getragenen Vortrag die anwesenden Frauen und Mädchen zum Beitritt zur Ortsgruppe des Zentral-Vereins auf. Die kurze Pause, die dem Vortrag folgte, wurde von vielen anwesenden Nichtmitgliedern benutzt, dem Zentral-Verein beizutreten, und zwar hat die Ortsgruppe an diesem Abend über hundert neue Mitglieder gewonnen. Frl. Sidonie Werner wurde einstimmig in den Vorstand gewählt. Frl. Werner ist die Schwester des Herrn Rabbiner Dr. Werner in München.