Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 51 Seil» 869 Dr. Blochs Wochenschrift letzte Satz des in Rede stehenden Werkes lautet : „Es liegt etwas Großartiges in dieser Ansicht vom Leben, wonach es mit allen seinen verschiedenen Kräften von dem Schöpfer aus wenig Formen, oder vielleicht aus einer ursprünglich erschaffen wurde. . Darwin leugnet also nicht die Möglichkeit einer göttlichen Schöpfung. Er schiebt nur die Tätigkeit' des Schöpfers weit zurück und beschränkt sie nur auf die Entstehung des Lebens, und in der natürlichen Zuchtwahl sieht er das von Gott angewandte Mittel, die Entwicklung zu Stande zu bringen. Kann man nun den Wortlaut der Bibel mit dieser Hypothese in Einklang bringen? Schwerlich! Wohl heißt es nvvtw*? nvfes r-o -wx Gott erschuf das Weltall, daß es weiter wirke und sich entwickle, dem gegenüber heißt es: Diost ^21 pam Q'VV.I, daß Golt Himmel, Erde und alle ihre Heerscharen vollendete, d. h., daß diese keiner weiteren Entwicklung bedürftig seien. Darwin behauptete Einmal, er stehe auf dem Standpunkte des Agnostizismus, d. h. der Lehre, daß der Weltgrund, bas Wesen der Dinge unerkennbar sei. .Ich möchte seinen Standpunkt eher Deismus nennen, der in England seine Heimat hatte, nach welcher Gott wohl Schöpfer, aber nicht Regent der Welt ist, oder in andern Worten: Gott hat wohl die Welt erschaffen, dieselbe mit Kräften ausgestattet und nun walte im Natur- und Weltgeschehen eine blinde, unabwendbare, eherne Kausalität. Der Deismus ist eigentlich eine Vermittlung zwischen Religion und Naturwissenschaft, zwischen spinozistischem Determinismus und Gottesglauben, zwischen mechanischer und teleologischer, respektive theologischer Wellauffassung. Kann dieser Standpunkt mit unserer jüdisch-religiösen Auffassung in Einklang gebracht werden? Wir müssen mit einem entschiedenen „Nein" antworten. Nun sind unsere Ausführungen nur dann richtig, wenn man auf streng dogmatischem Standpunkte steht, -dem Zweifler hingegen, der eben nicht im Klaren ist. ob er der mosaischen Schöpfungsgeschichte oder der. Darwinschen Entwicklungstheorie mehr Vertrauen entgegenbringen soll, wollen wir den Beweis erbringen. — so weit dies in dem beschränkten Rahmen dieses Zeitungsartikels möglich ist — daß wir noch weit davon entfernt sind, das Darwinsche System als ein einheitliches, wissenschaftlich streng begründetes System zu betrachten, als ob er den einzig richtigen Schlüssel zur Lösung des Mysteriums der Schöpfung gefunden hätte, wie dies in populären Handbüchern so oft betont wird. Ja, Darwin läßt sogar mehr Fragen offen, als die biblische Schöpfungsgeschichte. Er erklärt wohl, wie sich die Rassen entwickeln, aber die physiologischen Gesetze der Arbeitsteilung, die morphologische Artverschiedenheit, wie die organische Transformation und Evolution zustande kommt, bleiben unerklärt. Die natürliche Auslese ist ferner wohl ein großer Faktor, dem aber keine entscheidende Rolle zukommt, denn ein Organ wird nur dann nützlich, wenn es eine gewisse Entwicklung schon erreicht hat. Auch die Vererbung, dieses Grundgesetz der Embryologie, bleibt ein undurchdringliches Mysterium.*) Aber auch gemäß den Regeln der Logik hat die Darwinsche Theorie nur den Wert einer Wahrscheinlichkeit, weil sie hauptsächlich mit dem Schlüsse der Analogie operiert. Die vollständige Induktion steht ihr nicht zu ,Gebote, weil wir nicht alle Grenzfälle des Naturgeschehens kennen, und das Experiment läßt sich auf das Problem der Entstehung der Arten nicht anwenden. *) Wir müssen uns an dieser Stelle nur mit der einfachen Herzählunq der ungelösten Probleme der Darwinschen Theorie begnügen. Von einem weiteren Eingehen auf dieselbe muß abgesehen werden, weil dieses unsere Abhandlung zu voluminös machen würde; ferner entspricht die Behandlung abstrakter naturwissenschaftlicher Probleme nicht der Tendenz dieser Zeitschrift. 1.*; . .V. Die Berufung auf die künstliche Zuchtwahl, d. h. daß die Natur unbewußt denselben Prozeß vollziehe, den der Züchter verfolgt, um schöne Rassen hervorzubringen. ist auch nur eine Analogie, aber kein Experiment im naturwissenschaftlichen Sinne, wo die Wirkung des einen Faktors auf den Gegenstand geprüft wird. Auch die Erfahrung spricht gegen die Darwinsche Theorie. Seit etwa 5000 Jahren kennen wir die Menschen und die Tiere und bemerken nicht, daß diese sich auch nur kaum merklich geändert hätten. Der Einwurf, daß der kurze Zeitraum von wenigen Jahrtausenden, innerhalb dessen sich die Kulturgeschichte der Menschen abgespielt hat, eine verschwindend kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Entwicklung sei, ist wieder eine Behauptung. die außer aller Erfahrung ist. Die historischen Vorgänge der organischen Entwicklung können nur indirekt erschlossen werden, durch Spekulation. durch vergleichende Benützung von empirischen Urkunden der Paläontologie und der Ontogenie. Sehen wir uns die Beweise der Paläontologie etwas näher an. In jenen versteinerlen, ausgestorbenen Tiergattungen, die wir in den Tiefen der Erde finden, erblickt der Darwinismus die Ahnen der jetzigen Tiere, die fehlenden Uebergänge der verschiedenen Arten. Neben dem ^r- 6Ü60pt6iüx, jenem wunderbaren Vogel mit Eidechsenschwanz, der im Schiffer zu Sohlenhofen gefunden wurde, der den Uebergang von Vogel Reptilien bildet, ist der vor 15 Jahren gefundene Affenmensch von Java (?itli6e3.utropu8 ereetus Dubois) das Hauptargument der Evolutionisten. Dieses war das so sehr gesuchte „missiii£ lintz“ (fehlendes Glied) zwischen Mensch und Affen, dem gegenüber behaupten bedeutende Physiologen, daß der Affenmensch ein vollständiger Affe sei und nichts mit den Menschen gemein habe. Aber alle Beweise der Paläontologie sind überhaupt keine logisch zwingenden Beweise, weil ein solches Faktum, daß eine Art wirklich in eine andere übergegangen wäre, die Paläontologie gar nicht beweist. Nicht viel besser steht es mit den Beweisen der Ontogenie. Darwin spricht nur davon, wie die Wirbeltierarten sich entwickeln: wie erklärt er die Entwicklung von der Amöbe oder der Zelle bis gum Wirbeltiere? Hier läßt uns selbst die Paläontologie im Stiche, weil diese Weichkörper verwesten und sich nicht versteinern konnten. Diesen Teil der Descendenztheorie füllte Häckel aus mit seinem berühmten biogenetischem Gesetze, das folgendermaßen lautet: „Die Ontogenesis — d. h. die Entwicklung des Embryo — ist eine kurze Rekapitulation der Philogenesis — d. h. der Entwicklung der ganzen Gattung". Also jedes Embryo läuft jedes Stadium durch, das die ganze Gattung von der Zelle bis zu ihrer Vollendung zurücklegts und zeigt uns die fehlenden Glieder der Entwicklung. So scharfsinnig dieses Gesetz auch ist, so ist es eben nur wieder eine wunderschöne Analogie von relativem Wert. Wir haben somit die Hauptbeweisführungen Darwins betrachtet und gesehen, daß dieselben nur Wahrscheinlichkeitsbeweise sind. In der Tat spricht auch Darwin in seiner ehrlichen und redlichen Weise von seinem System nur als von etwas Möglichem, aber nicht als von etwas wissenschaftlich Feststehendem. Das Darwinsche System gleicht einem Gebäude, das, von der Ferne gesehen, oder als Miniaturbildchen einen großartigen Eindruck macht, hingegen, wenn man das Gebäude selbst näher in Augenschein nimmt oder gar in dasselbe eintritt, man ziemlich enttäuscht wird, indem man viele Risse und Sprünge entdeckt, die das Bestehen des Ganzen gefährden, ja, ganze Flügel des Gebäudes findet man unausgebaut usw. So ist es auch mit dem Darwinismus. In Miniatur gesehen, in der Darstellung eines populär gehaltenen Buches gelesen.