Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 86t Nr. 51 Dr. Blocks Wochenschrift. erklingen. Freilich, jene Tartaren, die aus dem weiten Rußland sich nach ihrem Tode alle nach Tschufutkale zur Beerdigung bringen lassen, sind keine Semiten, aber gehören zu den frömmsten Anhängern des mosaischen Glaubens. So mutzte bei ihnen die Mission jüdischer Aerzte auf besonderes Vertrauen Anspruch machen. Von den etwa zwanzig Aerzten, von denen Lachs, wenn auch sehr lückenhafte biographische Daten auftreiben konnte, waren die meisten zugleich Senioren der Krakauer Synagoge, Hausbesitzer und „Königliche Diener"; wenn schon literarische Arbeiten von ihnen genannt werden, so lagen diese Leistungen meist auf talmudischem Gebiet. Nur von einem einzigen, Salomon Callahora, dem irr Amsterdam geborenen, aus spanischer Familie stammenden Leibarzte der Könige Sigismund und Stefan Bathory, wird ein medizinisches Werk genannt, welches vorläufig unauffindbar unter den Manuskripten der Königlichen Bibliothek zu Madrid verborgen ist. Da das Medizinstudium Nichtkatholiken bis zum Jahre 1780 verwehrt blieb — wenigstens der Abschlutz durch die Promotion — so sind alle berühmten Aerzte jüdischen Glaubens, die Lachs auffinden konnte, unter den deutschen, spanischen oder griechischen Einwanderern zu suchen. Infolge dieser Umstände wird die Geschichte der jü- 'dischen Medizin in Polen immer nur schwache. Bausteine zu dem stattlichen Gebäude der mittelalterlichen jüdischen Medizin liefern können. Die Juden in der österreichisch-ungarischen Armee. Von Moritz Frühling. „Frei von jedem Vorurteile, ohne Unterschied der Nationalitäten, Geburt und Religion wollen wir alle ein großes, freies und mächtiges Oesterreich mit Ew. Majestät glorreicher Dynastie." Diese echt soldatischen schönen Worte, welche Feldzeugmeister Benedek nach der Truppenrevue zu Verona im Jänner 1862 an Seine Majestät Kaiser Franz Joseph I. richtete, scheinen mir am geeignetsten, fie folgenden Zeilen — den unter den altehrwürdigen österreichisch-ungarischen Fahnen dienenden jüdischen Soldaten gewidmet — vorauszuschicken. Sie find umso zeitgemäßer, als wir es vor kaum einem Jahre erleben mußten, wie der alte Grundsatz „si vis pacem parra bellum“, der bereits an Kredit eingebüßt zu haben schien, wieder in seine Rechte trat, und als uns klar wurde, daß ein gut geschliffener Säbel das Gefühl der Sicherheit steigert, wenn er aus der Scheide auch nicht herausgezogen zu werden braucht. Hatten wir es doch während der uns beschiedenen langen Friedenszeit fast verlernt, kriegerisches Heldentum zu würdigen; kriegerisches Wesen gewöhnten wir uns mit einem überlegenen Lächeln abzutun und glaubten darüber zur Tagesordnung übergehen zu können. Da kam der Kriegsrummel und ein erhebendes Gefühl stellte sich wieder ein: das stolze Bewußtsein, ein Glied jener festen und schönen Kette, die bereits 120 Jahre vom Ahn durch Vater zum Sohne sich hinzieht, — de? österreichisch-ungarischen Armee zu sein. Genau hundertzwanzig Jahre find in das Meer der Zeiten gesunken, als ein Fürst auf dem habsburgischen Throne, „der große Schätzer der Menschheit", Kaiser Josef II., die menfchenentwürdigende Sonderstellung bezüglich der Nichtausnahme der Juden in die Reihen der kaiserlichen Armeen aufhob. Die jüdischen Jünglinge wurden fortab, gleich den anderen, zu Kriegsdiensten abgestellt, durften sich nunmehr um des Kaisers Fahnen scharen und konnten in Unteroffiziers- und Osfizierscharge vorrücken. Die militärische Gleichstellung der Juden in Oesterreich ist umso höher zu bewerten, als sie, nur dem gerechten Empfinden . des Monarchen entspringend und ohne sonstigen Zusammenhang, in die Epoche eines der größten weltgeschichtlichen Ereignisse fällt. Die französische Revolution — einem Orkane ähnlich — riß ganz Europa aus den Fugen. Die Menschheit datiert vom Jahre 1789 an den Beginn der Emanzipation der Massen. In der Tat erbebte vor dem gewaltigen Trute dieser Bewegung der ganze Weltteil; ihr Nachhall erzittert ja noch heute in manchen Ländern und Völkern. Aber e i n Umstand ist noch nicht genug gewürdigt worden: Während die militärische Judenemanzipation in den übrigen kontinentalen Staaten erst durch die französischen Kriege den ersten Anstoß erhielt, waren es die Juden Oesterreich?, die als erste in Europa diese Gleichberechtigung erhielten. Die heldenhaften Juden Warschaus, die sich unter ihrem Obersten Berko Joselowitsch dem Polenhetmann Kosciuszko zur Verfügung stellten und vor den Toren der Vorstadt Praga — im November 1794 — sich in Stücke hauen ließen, konnten schon auf manche ihrer österreichischen Glaubensgenossen blicken, deren Brust bereits mit Tapferkeitsmedaillen geschmückt war. Und es mag dahingestellt blerben, ob es einem wirklichen Gerechtigkeitsempfinden über die Zurücksetzung der Juden oder nur dem unersättlichen Bedürfnisse des französchen Direktoriums und des späteren Imperators nach notwendig gewordenen Kanonenfutter entsprach, wenn auch der französische Jude, erst mehrere Jahre später, die Kokarde der „Frauäe armse“ tragen durfte. Die Initiative für die militärische Gleichberechtigung der Juden ging in Oesterreich während eines bereits zur Neige gehenden Krieges (letzter Türkenkrieg) aus; in den übrigenStaaten begann die bezügliche Emanzipation zuerst auf den Schlachtfeldern. Beim edlen Kaffer Josef war somit kein äußerlicher Beweggrund entscheidend; ihre Einreihung in die kaiserliche Armee verdanken die Juden einzig und allein nur den humanen Erwägungen des Fürsten. Er allein hörte das ferne Rauschen dieses für seine Zeitgenossen nicht genug wahrnehmbaren weltgeschichtlichen Donners und am Pulse der kommenden Ereignisse gleichsam vorfühlend, war er in seinem edlen Wollen bestrebt, dem erwachenden Zeitgeiste gerecht zu werden. Bis Kaiser Josef II. ist. mit Ausnahme des folgenden durch die Geschichte uns überlieferten Falles, von einer Teilnahme der Juden an den Kämpfen des österreichischen Kaiserstaates nichts bekannt. Kaiser Ferdinand belohnte die Verdienste der Juden bei ihrer tapferen Verteidigung Prags gegen die Schweden im Jahre 1648 dadurch, daß er ihnen eine Fahne verlieh, die sich noch heute in der Prager Altneuschul-Synagoge befindet und daß die Prager Juden als ihr Wappen einen Davidschild mit dem Schwedenhut führen durften und die jüdische Fleischerzunft, die sich besonders ausgezeichnet hatte, die Schlüssel der Stadttore erhielt. (Jahrbuch der Jüdischen Lit.-Gef. Frankfurt a. M. 1905, III.) Hingegen haben fich die Juden Oesterreichs bei militärischen Aktionen seit jeher als Armeelieferanten recht nützlich gemacht, welche Dienste immer gebührend eingeschätzt und entsprechend belohnt wurden. Charakteristisch hiefür, was auch auf Anerkennung hinzudeuten scheint, ist ein vom 19. April 1707 datierter Befehl des Prinzen Eugen von Savoyen gelegentlich der Ausstoßung des Obristen Bagosy aus den Reihen der kaiserlichen Armee: „Die Effekten des Bagosy find für den Juden Wolf Schlesinger iv sequestro zu halten, damit derselbe doch in etwas kontendieret werde." (Hauptmann Maximilian Maendl: Geschichte des Jnfant. Reg. Nr. 51.) Indes fielen die ersten militärischen Gehversuche der Juden — was übrigens ganz begreiflich ist — recht ungünstig aus. Der Jude, als ihm nach langen Jahrhunderten wieder die Ehre ward, die Waffen tragen zu dürfen, trachtete anfangs, fich ihrer nur allzu gerne zu entziehen. Es war somit von nicht zu gering bewertendem Vorteile für denselben, daß ihm die Nützlichkeit einer einheitlichen zentralen Leitung und die Notwendigkeit einer Subordination und Disziplin in so handgreiflicher Weise zum Bewußtsein gebracht wurde. Der Militärdienst bildete jahraus, jahrein, Hunderte und später Tausende der jüdischen Jugend zur konsequenten Körperpflege, Energie, Entschlossenheit, Furchtlosigkeit und Pedanterie heran, welche