Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 863 in Elephantine an den persischen Statthalter in Iudäa. Elephantine war eine jüdische Kolonie in Aegypten: hier wohnten viele Juden, u. zw. die Nachkommen derer, die, von Nebuchadnezar vertrieben, mit dem Propheten Iesaia nach Aegypten kamen. Sie liehen sich hier nieder und dienten den Pharaonen, bis das Land von Kambyses dem persischen Weltreiche unterworfen wurde. Kambyses betraute die Juden mit der Grenzwache und diese Juden dienten dort an der Nubischen Grenze Aegyptens pngefähr 200 Jahre treu ihren persischen Herren. Die als Grenzwache dienenden Juden hatten in Elephantine ein Heiligtum — eine Tatsache, die gerade durch diesen 11. Papyrus allgemein bekannt wurde, zugleich eine der wichtigsten Entdeckungen der jüdischen Geschichte. Bisher wußte man nämlich nicht, daß gleichzeitig mit dem heiligen Tempel in Jerusalem auf der nubischen Grenze von einfachen jüdischen Soldaten cin anderer mächtiger Tempel errichtet wurde. Dieser Tempel war zugleich eine Festung und wurde ungefähr im Jahre 856 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung gebaut. Es ist wahrscheinlich, daß dieser Tempel Cyrus veranlahte, den jüdischen Tempel in Jerusalem von neuem aufbauen zu lassen. Weiter wird aus dem 11. Papyrus ersichtlich, dah dieser jüdische Tempel in Aegypten von den Heiden verwüstet wurde. Nun wenden sich die Juden mit der Bitte an den persischen Statthalter, dah die Bewilligung, den Tempel wieder aufbauen zu dürfen, ihnen erteilt werde. Die Bitte wurde erhört. Die Papyri befanden sich im Archiv der Familie Machseja. Wir bekommen durch diese Papyri interessante Bilder des gesellschaftlichen Lebens der Juden in Elevhantine vor 2400 Jahren. Sie waren Söldner. Soldaten und dabei fromme Leute. Treu dienten »te ihrem Herrn, und der Kolonie machte erst Alexander der Große ein Ende. Mmister Dr. Weiskirckner und die Juden in der Bukowina. Die ..Christlich-Sozialen" Wiens haben in den letzten Jahren als Ziel ihrer Tätigkeit die Bukowina auserkoren. Als Dr. Gehmann Minister wurde, ging er nach Ezernowitz. um durch seine Anwesenheit und seinen ministeriellen Glanz den Anhang seiner Partei in der Bukowina zu stärken. Nunmehr hat auch Dr. Weiskirchner Gelegenheit gesucht und gefunden, in Ezernowitz sich sehen zu lassen. Man meldet aus Ezernowitz über die Empfänge des Handelsministers auch eine Antwort, die er einer bei ihm erschienenen Deputation der isr. Kultusgemeinde, unter Führung des Präsidenten Dr. S t r a u ch e r. erteilt habe. ~ In der „N. Fr. Presse" lautet der Bericht: Zu dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, Abg. Straucher, sagte Dr. Weiskirchner: ..Ich bin ein gläubiger Katholik, achte aber die religiöse Ueberzeugung anderer und habe den Eid geleistet, unparteiisch meines Amtes zu wallen. Ich schalle die Unterschiede der Konfession und Nation aus, bekämpfe aber wirtschaftliche Auswüchse." Im ..Neuen Wiener Tagblatt" heiht es: Zu den Juden sagte Dr. Weiskirchner: „Ich habe einen Eid geleistet, alle Staatsbürger als gleichberechtigt zu erachten, und ich werde nie den Eid brechen. Ich anerkenne die vorzüglichen Qualitäten der Juden: aber auch bei Ihnen gibt es, wie bei den andern Nationen, Auswüchse, die man bebekämpfen muh. Das tue ich ebenso wie die Führer der Juden." Welche Lesart mag wohl die richtige sein? Jedenfalls wissen wir, dah Herr Dr. Weiskirchner als Magistratsdirektor sämtliche ' jüdische Magistratsbeamte aus ihrer Stellung weggejagt und alle jüdischen Gewerbetreibenden und Handwerker von Lieferungen und Arbeiten, die der Magistrat zu vergeben hat, ausgeschlossen! Und was bedeutet sein Amtseid für unfern Herrn Bürgermeister? Für die Juden in Ezernowitz hatte Herr Dr. W e i sk i r ch ne r überhaupt süße Worte. Mit allerhöchster Entschliehung vom 1. Dezember d. I. waren nämlich aus Anlaß der feierlichen Eröffnung des Handelskammerpalais eine Anzahl Auszeichnungen verliehen worden. Unter andern erhielt Schlossermeister Boruch Ternbach das silberne Derdienstkreuz. Dem Kammerrat Salomon Rudich machte der Minister die Mitteilung, dah er zum Mitglieds der Permanenzkommission für Handelswerte ernannt worden und demzufolge Kommerzialrat geworden sei. Zu Baruch Ternbach und Hudeczek sprach der Minister: „Besondere Freude bereitet es mir, dah ich zwei Kleingewerbetreibende auszeichnen kann. Diese Auszeichnung bedeutet eine Auszeichnung des ganzen Standes.! Streben Sie nur weiter, damit unsere Zukunft nicht verloren gehe!" Zu Salomon Rudich sagte der Minister: „Es freut mich besonders. Sie zuerst als" Kommerzialrat begrüßen zu können!" So geschehen in Ezernowitz. Indessen wandert der Parieichef Dr. Weiskirchners, nämlich Fürst Alois Liechtenstein, der niederösterreichische Landmarschall, in Wien von Versammlung zu Versammlung, um die christlichen Frauen auszufordern, die jüdischen Handwerkerund Gewerbetreibenden anläßlich der Weihnachtseinkaufe zu boykottieren — unbehindert durch den Handelsminister und die Polizei. Kullur-Kuriosa aus dem neuen Oesterreick! Berufung des Professors Jacques Loed nach Budapest. Die „Neue Freie Presse" meldet, dah der berühmte Physiologe und Biologe Dr. Jacques Loeb, Professor der Physiologie an der University of California in Berkeley, eine Berufung an die Budapester Universität erhalten und angenommen hat. Budapest gewinnt durch diese Wahl eine wissenschaftliche Persönlichkeit ersten Ranges, für welche ein neues Institut eingerichtet werden soll. Professor Loeb ist ein Reichsdeutscher, er war Assistent des Physiologen Goltz in Strahburg. Später folgte er einem Rufe als Professor der Physiologie nach Chicago und nach Berkeley; hi er"gründete er eine grohe Vhysiologenschule, hier organisierte er die experimentellen Arbeiten, welche zu den wichtigsten Erkenntnissen in der modernen Wissenschaft vom Leben geführt haben. „Die chemische Entwicklungserregung des tierischen Eies" hat Professor Loeb nachgewiesen, zuletzt in einer Monographie, welche in englischer und in deutscher Sprache erschienen ist. Der Gelehrte ging von dem Problem aus. unbefruchtete Eier niedrigsiedender Tiere, zum Beispiel von Seeigeln, durch gewisse physikalische und chemische Einwirkungen erst zur Zellteilung und dann zur Entwicklung von Larven zu bringen. Das Problem ist gelöst : die Untersuchung erstreckt sich bereits auf eine größere Tierreihe und beweist die Möglichkeit der „künstlichen Parthenogenese". Professor Loeb gina noch weiter: es gelang ihm. die männlichen und weiblichen Befruchtungszellen weit auseinander stehender Tierformen zur Bildung von Bastardlarven und von Bastarden zu erregen — Erscheinungen, die früher als. unmöglich, als unnatürlich galten. Professor Loeb hat die Ergebnisse seiner Forschungen in Festvorträgen an der Universität in Newyork und auf europäischen wissenschaftlichen Kongressen