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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sir. 50 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 851 siebenten Abschnitte stellt Darwin die Behauptung auf, daß ein weit größerer Unterschied sei zwischen dem Europäer und Hindu, obwohl beide zu ein und derselben Rasse gehören, als zwischen Europäer und Juden. An derselben Stelle widerlegt er die allgemein verbreitete Ansicht, daß die Juden in der ganzen Welt einander gleich seien und besondere Rassenmerkmale besäßen. Beide Behauptungen mögen unsere arischen Antisemiten zur Kenntnis nehmen, zumal diese von dem größten Fachmanne der Welt auf diesem Gebiete stammen, von einem rassenreinen Arier — Darwin entstammte bekanntlich einer alten schottischen Adelsfamilie — und dem man gewiß nicht nachsagen kann, daß er im Solde der Juden gestanden. Im Anhänge zum ersten Teile finden wir ferner eine statistische Tabelle, daß bei den Juden weit mehr Knaben geboren werden als bei den Christen. Endlich im Meilen Teile, noch eine Behauptung, daß die Sitte des Tätowierens auch bei den alten Juden herrschte. (?) Wenn wir noch einer Fußnote erwähnen, in welcher er sich über die Behauptung Knor^, daß der junge Ramses II. Antwerpener Juden gliche, lustig macht, so haben wir nun alles erschöpft, was er in seinem Hauptwerke über Juden und Judentum schreibt. Wie wir nun sehen, eine ziemlich schmale Auslese. Doch haben wir ein besonderes Recht, Darwin zu feiern. Denn daß der Jude heute, wenigstens in zivilisierten Ländern, ein menschenwürdiges Dasein führt, daß er mehr oder minder alle Rechte der Mitbürger seines Vaterlandes genießt, ist eine Errungenschaft, die zum großen Teile — wenn auch nur mittelbar — solchen Geistern wie Darwin zuzuschreiben ist, die Aufklärung, wahre Kultur und Humanität verbreiten. Und wenn wir nur dieses von Darwin zu sagen hätten, so würden wir auch schon unserer Pflicht genüge getan haben, indem wir seinem Genius den Tribut unserer Bewunderung zollen; denn die wissenschaftliche Würdigung seines Systems gehört nicht in den Nahmen dieser Zeitschrift. Wenn wir nun unsere Zeilen trotzdem fortsetzen, ja, uns sogar auf das Gebiet der Naturwissenschaft begeben, so nötigen uns dazu gewiß solche zwingende Gründe, denen eine jüdisch-konfessionelle Zeitschrift nicht ausweichen kann. Die Münze hat eben auch ihre Kehrseite. In dem vermeintlichen Kampfe zwischen Glauben und Wissen wurde in der Hand der pdilosopliia militans der Name Darwins ein Stichwort. Das berühmte Wort Schillers, daß er den Philosophen und Naturforschern zurief: „Feindschaft sei zwischen eüch! Noch komm! das Bündnis zu frühe s%£t Eibjy.av ptsx' autoü sig xö [ivr^elo, sv 6) efracpav auxöv exst, xag [xa^acptzg xocg usxptvocc, ev ctig TieptsxEjxe xoug uEoug Iapa^A £V TcOc{£koiq^ oxe sgr^aysv, auxoug eg Aijützzov y.ccd'd auvexa^E Kuptog xoä ev.el sEaEv iwg vqg aY}p.Epov Yjpipag." „Und sie legten in das Grab, in das sie ihn begruben, btc Steinmesser, mit welchen er die Kinder Israels in Gilgal beschnitt, als er sie hinausfiihrt aus Egypten, wie der Herr befohlen, wo sich dieselben bis zum heutigen Tage befinden." Bezugnehmend auf den alten Brauch, daß man an einem Knaben, der vor dem achten Tage stirbt, die Circumcision vornimmt, aber nicht wie gewöhnlich mit einem Messer, sondern mit einem Steine oder einem Stück Glase, stellt der berühmte englische Ethnologe E. B. Th!or die Behauptung auf, daß schon im Steinzeitalter die Circumcision bei den Israeliten eingeführt war, aber selbst im Eisenzeitalter behielten sie bei der Zeremonie den alten Usus der Feuersteinmesser bei, gleich den Egyptern, die zur Präparierung der Leichen, zum Einbalsamieren Steinmesser benützten. Dieses erklärt auch den Gebrauch der Steinmesser im biblischen Zeitalter. Später verdrängte das Eisen doch die Steinwerkzeuge, nur in dem erwähnten Falle, beim Tode eines Kindes vor dem achten Tage, blieben dieselben usuell. Dieser Gebrauch wäre somit ein Rudiment des Steinzeitalters. (lylcrr L. B. Researches into the Early history of Mankind. VIII. Mag.) Wenn ihr im Suchen euch trennt Wird erst die Wahrheit erkannt." hat sich nicht bewährt. Philosophie und Naturwissenschaft haben ein Bündnis geschlossen, deren erstes Produkt der Materialismus war, der vor 3—4 Jahrzehnten seinen Höhepunkt erreichte. Dieser erwies sich nicht lebensfähig und siechte eines rühmlosen Todes dahin. Aus den Trümmern des Materialismus erwuchs nun die viel lebensfähigere Darwinsche Descendenz-Theorie, die ebenfalls nur Ursachen — Kausalität — kennt, Ziele und Zwecke — Teleologie — hingegen leugnet. Nun soll uns ja die heilige Schrift nicht ein Lehrbuch der Naturwissenschaft sein, das wir mit den jeweilig herrschenden Hypothesen in Einklang zu bringen haben. Es sind ja in der Tat seit dem ersten mißlungenen Versuche der jüdrsch-alerandrinischen Schule, die Bibel mit der griechischen Philosophie in Einklang zu bringen, bis zu dem, den Darwinismus mit der Bibel auszugleichen, alle diese Versuche kläglich gescheitert. Es geht dies nicht anders, als daß man den Tatsachen der Bibel Gewalt antut und diese förmlich m ein Prokrustesbett zwingt, wie etwa, daß unter Schöpfungslagen Aeonen, Jahrmillionen gemeint seien u. dgl. Uns ist die Bibel göttliche Offenbarung, die hoch über jeder jeweilig herrschenden Hypothese steht, soviel Wahrscheinlichkeit diese auch für sich hat. Und wenn man auch unseren streng dogmatischen Standpunkt nicht teilt, so muß man doch zugestehen, daß der Endzweck der Religion nicht der ist. dem Menschen eine Kosmologie zu geben, wie Hesiod — zum Teil auch Homer — eine geschrieben und die dann das Religionsbuch der allen Hellenen geworden. Nein! Endzweck der Religion, wenigstens der jüdischen, ist — und dies dürfte auch der Zweifler zugeben — den Menschen zu höherem menschlichen Berufe vorzubereiten und ihn zu heiligen. Auf diesem ethisch-religiösen Gebiete gibt es keinen Fortschritt und über die ethischen Regeln der heiligen Schrift ist noch kein ethischer Standpunkt hinausgekommen.*- Jedoch infolge der neueren technischen Errungenschaften wendet sich das allgemeine Interesse der Naturwissenschaft zu, die nun auf dem Wege der Zeitschriften und populären Werke aus dem Halbdunkel der Gelehrtenstube in das Helle Tageslicht der Oeffentlichkeit tritt. Diese Schriften verfolgen nicht nur den Zweck, die Wissenschaft zu popularisieren, sondern verbreiten zuweilen antireligiöse Ansichten. Man interpretiert mehr aus den Tatsachen, als in ihnen enthalten ist. Der gebildete Laie glaubt dckm gedruckten Buchstaben und ist ja nicht imstande, mit dem Probierstein der Logik die Behauptungen auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen wie z. B. ein politisches Ereignis oder ein leicht verdauliches Feuilleton; dazu kommt noch das selbstbewußte Auftreten dieser Popularschriftsteller, wie ecwa Häcke! usw., wodurch die ungeschulte Menge ihnen umsomehr Vertrauen schenkt. So kam es, daß der Name Darwins ein antibiblisches Schlagwort wurde, gegen welchen Mißbrauch schon Darwin selbst sich mit aller Entschiedenheit wehrte. Am 24. November werden es nun 50 Jahre, daß sein grundlegendes Werk, „Die Entstehung der Arten" erschienen ist. Da nun einige Stellen dieses Werkes wirklich oder vielleicht nur scheinbar mit der biblischen Schöpfungsgeschichte im Widerspruche stehen, so wollen wir — soweit es sich in dem engen Raume eines Artikels darstellen läßt — diese Stellen herr-orheben, ferner unter- *) Der Gedanke, daß die Ethik in dcm Pentateuch ihren Höhepunkt erreicht und einer weiteren Entwicklung, nicht fähia sei, bildet die Grundlage des geschichtsphilosophischen Systems von Henry Thomas Buckle, einer jener wenigen großen Geschichtsschreiber, die dem Alten Testament volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. (Geschichte der Zivilisation in England, 1. Band.)

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