Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 850] Dr. Blochs göttlichen Verehrung des Herrn Dr. Viktor Adler, anzunehmen. Die Wahrheit ungeschminkt zu sagen, wahrt die Sozialdemokratie mit ihrer parlamentarischen Interpolation kein Interesse des allgemeinen Freisinns, sondern ein Parteiinteresse. Sie will nicht zeigen lassen, wie schwach ihr eigener Freisinn ist, wie viele jüdische Genossen dem Belieben der christlichen Genossen ihr Judentum opfern müssen, damit sie nicht selbst geopfert werden. Auf solche Umstande wird eben auch nicht die allerkleinste Rücksicht genommen. Entweder ist die Sozialdemokratie eine Erhebung des dritten Standes, ohne Rücksicht auf die Konfession, oder Juden haben nichts in ihren Reihen zu suchen, brauchen ihre Ehre nicht für Duldung zu opfem. Das sogenannte Rechnungtragen ist eben Rechnung, und wahrer Idealismus hat mit Rechnungen nichts zu schaffen. Kein Mensch kann die jüdischen Blätter hindern, die Listen der Ueberläufer nach wie vor zu veröffentlichen. Auch der Austritt wegen allzu hoch bemessener Kultussteuer ist keine Ausrede. Wenn jemand glaubt, daß ihm in dieser Beziehung ein Unrecht geschehen ist, so braucht er nur sein Einkommensteuerbekenntnis vorzulegen und die Sache ist auch schon repariert. Aber dem Herrn Abgeordneten Daszynski zuliebe, der seinen Antisemitismus mit dem Wüten gegen angebliche Zionisten im Hinblicke auf seine Wähler recht schlecht verbirgt, lassen wir niemanden austreten, ohne seinen Namen zu publizieren. Außerdem sind es ja gerade die Wohlhabenden, welche dem Judentum den Rücken kehren. Wir ergänzen daher mit der Veröffentlichung der Listen nur jene ständige Notiz der „Arbeiterzeitung", welche das Schlagwort hat „bürgerliche Moral". Eigentlich unterstützen wir nur die aus dem Judentum Geflüchteten, indem wir ihren Entschluß zum Austritt nur bestätigen, fördern, unterstreichen, indem wir zu ihrer reinlichen Scheidung von der Religion auch die von der jüdischen Gesellschaft hinzufügen. Gewiß wollen wir sie nicht an unserer Seite zurückhalten, denn erzwungene Liebe tut auch dem jüdischen Gott leid. Aber wir wollen denen, die mit den Waffen in der Hand zurückgeblieben sind, mitteilen, auf wen sie nicht mehr zu rechnen haben, wir wollen ehrliche Klarheit in einer Kampfgemeinschaft, und wenn die Wahrheit Wahrheit wäre, müßte das die Sozialdemokraten freuen, nicht ärgern. Me JrririLae« der DescendenzTheorie. Von Alois Schweiger, Rabbiner zu Eger (Erlau). 1. Der speziell jüdische Standpunkt und Darwin. Es ist eine schöne, erhebende Sitte, die Heroen der Wissenschaft zu feiern, die es versuchten, in die Geheimnisse und Rätsel der Natur und der Wissenschaft einzudringen, die, indem sie den geistigen Horizont des menschlichen Wissens erweiterten, zugleich auch Aufklärung und weise Einsicht verbreiteten. Solche Feste sind zugleich ein beredtes Zeugnis dessen, daß die Menschen das Ewig- Schöne nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Wissenschaft zu schätzen und zu würdigen wissen. Auch in den Fortschritten, in den Lebensbahnen wissenschaftlicher Systeme gibt es gewisse Wendepunkte, wo wir gleich einem Wanderer nach langer beschwerlicher Reise Umschau halten und zurückblicken auf die zurückgelegte Bahn, Wendepunkte, wo wir die Systeme und ihre Begründer nochmals vor unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen, uns Rechenschaft gebend, welchen Fortschritt sie in der Entwicklung der allgemeinen Wissenschaft und der Kultur bedeuten. An solchen Wendepunkten reich — vom Standpunkte der Naturwissenschaft betrachtet — ist das Jahr 1909. Am 12. Februar dieses Jahres feierte die Kuliurwelt die hundertste Jahreswende der Geburt des größten Bio- Wochenschrift. Nr. so O logen, Charles Darwin; zugleich auch die hundertste Jahreswende des Erscheinens der „Philosophie zoologique“ von Lamarck, der eigentlichen Grundlage des sogenannten Darwinismus. Endlich am 24. November werden es 50 Jahre, daß das epochale Grundwerk Darwins „Die Entstehung der Arten" erschienen ist. Nicht nur die Fachschriften, sondern fast alle politischen und viele belletristischen Zeitschriften feierten das Andenken des großen Begründers der Descendenz?- Theorie, indem sie in großen Zügen den mächtigen Eindruck schilderten, den sein wissenschaftliches System auf den Globus intellectuaiis der Menschheit ausübte. Die Iubiläumsklänge sind nun verrauscht und das Fazit derselben ist — sofern wir nicht Vogelstraußpolitik treiben wollen — daß Darwin einen Ehrenplatz' im geistigen Pantheon der Menschheit einnimmt und daß sein System in dem wissenschaftlichen Bewußtsein der Welt tief Wurzel geschlagen hat. Doch auch ein gut Teil Disharmonie fehlte nicht. Eine ganze Flut gehässiger Angriffe ergoß sich über das Andenken Darwins, inwelchen er vom Standpunkte der Wissenschaft, aber noch mehr von dem der Religion aus angegriffen wurde. Einige Blätter heulten Sturm, andere begnügten sich mit einem salbungsvollen Grabesgeläute, in ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung lebend, daß der Darwinismus sich am „Sterbelager" befinde. Die jüdischen Zeitschriften — selbst solche streng orthodoxer Richtung — so weit zu beobachten ich Gelegenheit hatte, schlossen sich dem großen Lager derjenigen an, die dem Andenken Darwins — wenn sie auch viele seiner wissenschaftlichen Prinzipien nicht annahmen — huldigten. Und mit Recht. Unsere Religion begrüßt jeden Fortschritt in der Wissenschaft und lehrt nicht wie die alten Hellenen — ja sogar auch manche herrschenden Religionen —, daß die Götter jedem Fortschritte der Menschen abhold seien, sie gebietet vielmehr, daß wir bei dem Anblicke eines hervorragenden Gelehrten, in dessen Herzen der göttliche Funke der Wissenschaft strahlt, möge er auch, welchem Glaubensbekenntnisses immer sein, unsere Augen zum Allgütigen elmporheben und sprechen: Gebenedeit seiest du. Ewiger, der du die Menschen an deiner Weisheit Anteil nehmen ließest. Vom speziell jüdischen Standpunkte aus können wir Darwin nicht würdigen, denn weder mittelbar noch unmittelbar beschäftigte er sich mit Judentum oder jüdischer Wissenschaft. In seinem ersten Hauptwerke über „Die Entstehung der Arten" tut er überhaupt der Juden keine Erwähnung. In seinem zweiten Hauptwerke über „Die Abstammung des Menschen" kommt er etwa fünfmal auf die Juden zu sprechen, aber auch nur nebenbei. So behauptet er am Ende des fünften Abschnittes, es seien indirekte Beweise vorhanden, daß auch die Juden eine ^Periode des Steinzeitalters mitmachten.*). Im *) Darwin zitiert wohl nicht - die indirekten Beweise, aber es es liegen in der Tat bis heute diesbezüglich keine direkten Beweise vor. Wohl werden in Palästina alte Feuersteinwerkzeuge gefunden, aber es ist möglich, daß diesevon den Ureinwohnern des Landes stammen. Eher finden wir in der hebräischen Sprache Reminiszenzen an das Steinzeitalter. So z. B. pn--- Pfeil, patn Kies, Feuerstein, patn schneiden, Aber selbst dieser indirekte Beweis ist etymologisch nicht einwandfrei. Aüch in der Bibel finden wir zwei Stellen, woraus wir schließen können, daß Feuersteinwerkzeuge im Gebrauche waren, o Exod. 4,25: „Und Zippora nahm einen Stein usw. (nac ----- cprjcpov) ebenso Josua 5,2: „Um dieselbe Zeit sprach der Ewige zu Josua, mache dir onar rro“in usw. Nach der Septuaginta ,,^ayod^a.q raxpi'vas hi Tcexpag dbcpoxojiov" (Steinmesser aus scharf geschnittenem Steine). Noch einmal erwähnt die Septuaginta diese Steinmesser anläßlich des Todes Josuas. Es heißt dortselbst (Jos. 24. 29—30). „Und es geschah nach diesen Dingen, da starb Josua, der Sohn Runs, der Knecht des Ewigen hundertundxehn Jahre alt. Und sie begruben ihn an der Grenze seiner Besitzung in Timnus Serach, das auf dem Gebirge Efraim liegt, nördlich vom Berge Goasch." Nun folgt in der Septuaginta eine interessante Stelle, die sich im hebräischen Texte nicht vorfindet: „Kai