Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Seite 84° Dr. Blochs Wochenschrift. Bei der Nordwestbahn hatte es einer der Beamten in antisemitischen Agitationsreden besonders zügellos getrieben, da war er plötzlich nach Kolin versetzt worden; der Beamte wendete die höchste antisemitische Protektion an, um die Versetzung rückgängig zu machen. Prinz Liechtenstein bemühte fich persönlich zu Herrn v. Taufsig, über den Verlauf der Unterredung haben wir hier nicht zu berichten, nur das sei bemerkt: der Beamte mußte nach Kolin wandern. Der Umgang mit den Grafen, Fürsten und Ministern hatte für Th. Taufsig keinen Reiz, er suchte nicht solche G sellschast, wenn auch Staatsmänner häufig seinen Rat einholten. Weuu er indeß zu den Sitzungen des Kultusvorstandes kam, sah man es ihm an, daß es ihm wohl tat, unter den Eigenen zu weilen, es gewährte ihm eine Genugtuung, wie der Präsident Dr. Alfred Stern in seinem Nachruf es treffend charakterifierte, dem großen Trubel und Lärm des Tages enteilt und unter Brüdern zu sein. Er war in der Tat ein treuer Sohn des Judentums, er gehötte ihm mit seinem Herzen und seinen Wünschen. Möge seine edle Tradition auch in seiner Familie fortleben. Herreuharrsmitglied Ludwig Freiherr v. Oppenheimer. Samstag den 27. d. M. ist hier in seiner Wohnung, Reisnerstraße Nr. 28. Herrenhausmitglied Ludwig Freiherr v. Oppenheimer an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Baron Oppenheimer wurde im Jahre 1843 zu Leipzig geboren, übernahm 1866 die Allodialherrschaft Klein-Skal in Böhmen und trat zugleich in den österreichischen Staatsverband über. 1867 wurde er zum Bezirksobmann des Gablonzer Bezirkes erwählt. Im Jahre 1870 erschien sein Buch „Gedanken über die österreichische Polittk der Zukunft", welche den innigsten Anschluß an das fich zum Kampfe gegen Frankreich rüstende Deutschland aufs wärmste befürwortete. Seit 1873 gehörte Oppenheimer als Vertreter des Großgrundbefitzes dem Reichsrate an. 1873 bis 1883 war er auch Mitglied des böhmischen Landtages. Im Jahre 1882 ließ er sein Werk politischen Inhalts „^ustriaea" erscheinen. Am 9. Februar 1893 trat Baron Oppenheimer gegen eine die Juden verunglimpfende 9i.de des Prinzen Alois Liechtenstein auf. Am 15. Jänner 1895 wurde Baron Oppenheimer als lebenslängliches Mitglied ins Herrenhaus berufen, wo er fich der Verfaffungspartei anschloß. Vom Herrenhause wurde er wiederholt in die Delegation berufen. Baron Oppenheimer, der mit Jella Freiin v. Tedesco vermähtt war, hinterläßt einen Sohn, Felix Freiherrn v. Oppenheimer, Herausgeber der „Oesterreichischen Rundschau". Dem Mischen Leben blieb er vollständig fern, sein einziger Sohn gehört dem Judentum nicht mehr an. Die Beerdigung fand denn auch nicht auf dem jüdischen, sondern auf dem Hietzinger Ortsfriedhofe statt. Verein Nr unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Am Samstag, den 27. November, fand im Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde die 10. ordentliche Generalversammlung dieses Vereines statt. Der Vorsitzende, Herr Dr. Alois Klemperer, konstatiert die Beschlußfähigkeit der Generalversammlung und begrüßt die zahlreich erschienenen Vereinsmitglieder und Gäste, namentlich Herrn Baurat Wilhelm Stiaßny als den zur Generalversammlung delegierten Vertreter des Kultusvorstandes, ferner die Vertreter der Israelitischen Humanitätsvereine „B'nai B'rith", „Wien" und „Eintracht", des Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender, des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Herrn Rabbiner Dr. M. Grunwald, sowie Herrn Karl Neustadt als Vertreter des Bankhauses Maa Springer. - Die Herren Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Emil Horner, Prokurist des Bankhauses S. M. v. Rothschild, Reichsratsabgeordneter Dr. Julius Ofner, Rabbiner Dr. D. Feuchtwang und mehrere Mitglieder haben ihr Fernbleiben entschuldigt. Herr Baurat Stiaßny beglückwünscht den Vorstand des Vereines zu seinen glänzenden Erfolgen während seines zehnjährigen Bestandes und spricht dem Vereinsvorstande die vollste Anerkennung und den Dank der Kultusgemeinde für seine sehr aufopfernde und gemeinnützige Tätigkeit aus. Der Obmann des Exekutivkomitees, Herr Dr. Bela Taufsig, verliest den Jahresbericht, der in kurzen Umrissen die wichtigsten Daten über die Gründung des Vereines, seine Entwicklung und Tätigkeit während seines zehnjährigen Bestandes enthält. 400.000 Besucher männlichen und weiblichen Geschlechtes sind während dieser Zeit an den Schaltern dieses Vereines erschienen: 67.000 Arbeitnehmer suchten für sich und ihre Familien Schutz gegen die verderblichen Folgen der Arbeitslosigkeit. Die Zahl der in dem 10. Berichtsjahre erreichten Vermittlungen betrug 3780: im ganzen wurden bisher nicht weniger als 27.559 Arbeitnehmer durch den Verein plaziert, von denen gar manche ohne diese Hilfe der Wohltätigkeit zur Last gefallen wären. Nachdem der Schriftführer, Herr Dr. Gustav Längstem, die Tabellen über die Einzelheiten der Tätigkeit des Bureaus im abgelaufenen Betriebsjahre verlesen und der Kassier, Herr Eduard Schwarz, den Gebarungsausweis und Rechnungsabschluß zum Vortrag gebracht hatte, machte der Obmann noch besonders aufmerksam auf die sehr interessanten und instruktiven Tabellen, welche zusammenfassendes, reichhaltiges statistisches Material über die zehnjährige Tätigkeit des Vereines aufweisen. Hier sei bloß hervorgehoben, daß von den nach Wien zuständigen angemeldeten Arbeitnehmern im abgelaufenen Betriebsjahre 75 5 Prozent plaziert wurden. Die Einnahmen des Vereines betrugen in den zehn Jahren 307.171 45 Kronen, die Ausgaben 268.345 Kr. Während im ersten Vereinsjahre — wobei allerdings die Gründungsspesen in Betracht zu ziehen sind — auf die einzelne Vermittlung 25 Kronen entfielen, kam die Vermittlung per Person im letzten Vereinsjahre auf nicht ganz 6 Kronen zu stehen. Bericht und Gebarungsausweis wurden einstimmig genehmigt. Der Vorsitzende Herr Dr. Alois Klemperer richtet hierauf in seinem Schlußworte an die Versammlung einen warmen Appell, den Verein auch, in Zukunft bei seiner wichtigen sozialen Tätigkeit wie bisher, sowohl durch Anwerbung von Mitgliedern, als auch durch Zuweisung von Arbeitsgelegenheit kräftigst zu unterstützen. Jüdischer Bereirr „Einheit". Unter großer Beteiligung der Wiener Judenschaft fand Sonntag den 28. November 1909, um 10 Uhr vormittags, die Einweihung der rituellen Speiseanstalt des Vereines „Einheit" in ihrem neuen, den modernsten Anforderungen der Hygiene entsprechenden Heim, II., Malzgasse 12, statt. Obmann Herr Bernhard Hofbauer eröffnete die Feier und begrüßte die Erschienenen, unter welchen fich befanden: Kultusvorsteher Em. Grün Wald, die Rabbinen Dr. Schmied!, Dr. David, Dr. Feuchtwang, Fürst und B a u m g a r t e n, die Oberkantoren kais. Rat Singer, S ch o r r und Bauer, die Vorstandsmitglieder des polnischen Tempels Beth Israel, Obmannstellvertreter Zolles, B e l f und K a rp, ferner Gemeinderas Dr. Alfred M i t t l e r, kyiserl. Rat Dr. K r ü g e r als Präsident des Kaiserin Elisabeth-Mädchen - Hortes, Josef Jellinek in Vertretung der Armenanstalt, und Herr S. Goldmann, die akademischen Vereine und Verbindungen „Zephyra", „Jwria", „Lese- und Redehalle" rc. Herr Hofbauer entwarf ein Bild des Vereines, schildette, unter welchen schwierigen Umständen es gelungen ist, dieses neue Heim zu errichten und sprach die Hoffnung aus, daß es